Der Grünen-Wähler von heute. Ist er wirklich nur noch der pragmatische Biosupermarkt-Kunde aus der teuren Altbauwohnung? Oder mischt sich unter ihn doch noch ein gummibestiefelter Öko und Weltverbesserer, der sich, wenn es denn sein muss, vor den Castortransport legt? Zahlen des Instituts YouGov, die ZEIT ONLINE ausgewertet hat, erlauben einen Blick auf die aktuellen Wähler der Grünen.

Die Frage wofür die Grünen und ihre Anhänger stehen, ist nicht nur für Wahlkampfstrategen interessant. Auf acht Prozent in den Umfragen ist die Partei inzwischen geschrumpft, in sieben Wochen ist Bundestagswahl. Und danach folgt die Bildung einer neuen Regierung, bei der die Grünen sich vielleicht zur FDP oder zur Linkspartei verhalten müssen.

Schulabschlüsse der Grünen-Wählerschaft

Wer hält den Grünen also noch die Treue und wieso? Ein erstes interessantes Ergebnis der Datenauswertung ist: Die aktuellen Grünen-Wähler sind überdurchschnittlich jung, weiblich und  gebildet. 53 Prozent der Grünen-Wähler haben Abitur.

Es handelt sich also um Menschen, die aufgrund ihrer Bildung alle Chancen auf ein gutes Leben und einen guten Verdienst haben. Vielleicht blicken sie deshalb auch optimistischer auf ihre Zukunft als Befragte mit anderen Parteienpräferenzen.

Alter der Grünen-Wählerschaft

Die aktuellen Grünen-Wähler sind deutlich zufriedener mit dem eigenen Lebensstand als der Durchschnitt der Wähler. Aktuelle Grünen-Wähler haben mehr Vertrauen in die Politik und bewerten den Zustand der Gesellschaft weniger kritisch. Der Aussage "Dieses Land geht vor die Hunde" stimmte zum Beispiel jeder dritte Grünen-Wähler zu, der Durchschnittswert lag bei 45 Prozent.

Statt pessimistisch zu sein, gucken sich die aktuellen Grünen-Wähler lieber die Welt an: 66 Prozent machen gerne an "abgelegenen Orten Urlaub", deutlich häufiger als die Durchschnittswähler, bei denen nur 50 Prozent dieser Aussage zustimmen. Im Vergleich mit anderen Deutschen kaufen aktuelle Grünen-Wähler außerdem überdurchschnittlich häufig Bücher.

Es handelt sich um eine besondere Klientel, die musisch interessiert ist und finanziell in der Lage, lange Reisen zu unternehmen.

Einkommen der Grünen-Wählerschaft

Falsch ist allerdings die Annahme, dass die Grünen eine Partei der Besserverdienenden sind. Das Haushaltseinkommen der typischen Grünen-Wähler ist ähnlich verteilt wie der der übrigen Wähler – 27 Prozent der Grünen-Wähler haben sogar weniger als 1.500 Euro im Monat zur Verfügung, das ist etwas mehr als die 22 Prozent der anderen Wähler, die ebenfalls ein geringes Haushaltseinkommen haben. Gleichzeitig bedeutet das aber nicht, dass aktuelle Grünen-Wähler für immer arm bleiben: Da jeder Dritte heute unter 30 ist, befindet sich ein hoher Anteil wohl noch im Studium oder in einer Ausbildung.

Die Jugend der aktuellen Sympathisanten dürfte auch der Grund dafür sein, dass die aktuellen Grünen-Wähler sehr onlineaffin sind. Sie informieren sich zwar fast genauso oft über Fernsehen, Radio und Zeitung wie andere Wähler, doch überdurchschnittlich oft besuchen sie auch Nachrichtenwebsites, News-Apps oder soziale Netzwerke, um sich zu informieren.

Nur jeder zweite glaubt, dass die Grünen fähiges Personal haben

Was die Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir freuen kann: Umwelt ist das wichtigste Thema für aktuelle Grünen-Wähler, 79 Prozent halten das für "äußerst/sehr wichtig".  84 Prozent der aktuellen Grünen-Wähler halten außerdem den Klimawandel für die größte Bedrohung der Menschheit. Wahrscheinlich stützten sich die Parteistrategen auf ähnliche Informationen, als sie das Ökothema zum Fokus im Wahlkampf machten –  gegen viel Kritik.

Auch die soziale Sicherheit hat für 73 Prozent der aktuellen Grünen-Wähler hohe Relevanz, Einwanderung und innere Sicherheit sind für etwas weniger als zwei von drei Grünen-Wähler sehr wichtige Themen. Getreu ihres Gründungsmottos sind aktuelle Grünen-Wähler eher weltoffene Menschen. Nur jeder Sechste findet, dass "Vorurteile über andere Gruppen normalerweise wahr" sind, im Gegensatz zu den anderen Wählern, bei denen mehr als jeder Dritte dieser Ansicht ist.  Auch die Gleichstellung von Geschlechtern und die Abschaffung der Diskriminierung von LGBT ist eher ein Thema für Grünen-Wähler als für andere.

Wirtschaftsthemen, Verkehr und Mobilität hingegen interessieren nur ein Drittel der aktuellen Grünen-Wähler – dabei versucht vor allem der Schwabe Özdemir immer, Ökonomie und Ökologie durch eine Betonung auf die Produktion umweltfreundlicher Autos zu versöhnen, wie er sagt. Der mit Blick auf die bürgerliche Mitte eingeschlagene Kurs der grünen Realpolitiker aus Baden-Württemberg scheint zumindest bei der eigenen Klientel nicht zu verfangen.

Und noch etwas wird aus den Zahlen klar. Die rot-grüne Freundschaft besteht weiter, trotz fehlender Regierungsmehrheit in den Umfragen: Thematisch fühlen sich aktuelle Grünen-Wähler nahe an der SPD – es lassen sich zwei Unterschiede herausarbeiten: Beim Thema Einwanderung zeigen sich Grünen-Wähler aufgeschlossener als aktuelle SPD-Wähler und aktuelle Grünen-Wähler finden auch häufiger als die SPD-Wähler, dass der Kampf gegen den Klimawandel Vorrang vor Wirtschaftsinteressen habe.

Einwanderung oder Abschottung

Etwas weniger als jeder sechste aktuelle Grünen-Wähler hat 2013 sogar noch die  SPD von Peer Steinbrück gewählt. Jeder vierte Grünen-Wähler hatte 2013 (noch) nicht oder ungültig gewählt – das Nichtwählerpotenzial der Partei ist also durchaus vorhanden. Was auch gegen die These spricht, dass Grünen-Wähler längst verbürgerlicht seien. Die Politik der CSU zum Beispiel macht sie "eher wütend".

Kulturelle Offenheit

Aber den potenziellen Koalitionspartnern CDU und FDP stehen die Grünen-Wähler emotionslos gegenüber: Die CDU von Angela Merkel löst keine wirklich emotionale Reaktion aus, auch die FDP sorgt nur für leicht negative Emotionen. Für Bündnisse mit beiden Parteien nach der Wahl hieße das: Sie würden den aktuellen Grünen-Wähler wohl nicht enttäuschen.

Klima- oder Wirtschaftsinteressen?

Bedenklicher sind die Ansichten der aktuellen Grünen-Wähler über ihre eigene Partei und indirekt auch die Spitzenkandidaten. Nur knapp über die Hälfte der Grünen finden, dass ihre Partei "fähige Politiker" habe. Nicht einmal die Hälfte glauben, dass die Grünen mit einer Stimme in der Öffentlichkeit sprechen. Nur knapp mehr als ein Viertel sind der Ansicht, dass sich die Grünen gut durchsetzen können – und das obwohl die aktuellen Grünen-Wähler die Partei an sich sympathisch finden und mehr als zwei Drittel glauben, sie stehe zu ihren Überzeugungen.

Die Ergebnisse unserer Wähleranatomie stützen sich auf zwei Samples des Umfrageinstituts YouGov: In der Datenbank des Instituts sind 12.076 Wähler, ausgewertet wurde im Zeitraum von Februar 2017 bis Mai 2017. Speziell für diese Studie wurde ergänzend eine Online-Umfrage vom 13. bis 19 Juni durchgeführt.