ZEIT ONLINE: Herr Ströbele, wie war es, als Demonstrant beim G20-Gipfel in Hamburg?

Hans-Christian Ströbele: Ich war am Samstag zu der großen Demonstration da. Da war die Atmosphäre überhaupt nicht aggressiv, sondern sehr gelöst und politisch. Es war sehr eindrucksvoll, dass so viele Menschen gekommen sind. Nur in der Schanzen-Straße und Umgebung waren noch die Spuren der großen Feuer zu erkennen, die hier in der Nacht zuvor gebrannt hatten. Dennoch: Von einem zerstörten Stadtviertel, wie es jetzt manchmal heißt, konnte auch im Schanzenviertel keine Rede sein. Am Samstagnachmittag war die Stimmung auch hier gelöst und friedlich. Aber natürlich haben auch mich die Bilder der Krawalle, die ich im Fernsehen gesehen habe, entsetzt.

ZEIT ONLINE: Wer hat ihrer Meinung nach in Hamburg versagt: Der rot-grüne Senat? Die Polizei? Die Bundesregierung?

Ströbele: Ich habe während der Demonstration Berliner Polizisten gefragt, ob die Hamburger Polizei die Berliner Deeskalationsstrategie nicht gekannt hat oder nicht anwenden wollte. Als die Demonstrationen am Donnerstag begannen, haben die ja etwas gemacht, was in Berlin so nicht mehr möglich wäre: In einen großen Demonstrationszug mit solcher Brachialgewalt reingehen, mit Wasserwerfern und Stöcken, nur weil da ein paar Reihen Vermummte dabei sind. Das ist in Berlin längst Geschichte. Doch die Berliner Polizisten haben mir gesagt, ihre Expertise sei nicht gefragt gewesen.

ZEIT ONLINE: Die Eskalation hätte vermieden werden können, wenn die Polizei am Anfang weniger hart eingegriffen hätte?

Hans-Christian Ströbele, 78. Der ehemalige RAF-Anwalt saß insgesamt 21 Jahre für die Grünen im Bundestag. Seit 1998 ist er Mitglied des Rechtsausschusses, seit 2002 gehört der dem Parlamentarischen Kontrollgremium zur Kontrolle der Geheimdienste an. Für die Grünen errang er in Berlin Kreuzberg viermal hintereinander das einzige Direktmandat der Partei. © Kay Nietfeld/dpa

Ströbele: Das Vorgehen der Polizei gegen die Demonstration war unverhältnismäßig. Von Anfang an jede Regelwidrigkeit oder kleine Straftat zu verfolgen, das schafft nur Aggressionen und trägt dazu bei, dass das Ganze außer Kontrolle gerät. Ich will nicht sagen, dass das, was in der Nacht zum Samstag geschah, mit einer anderen Polizeistrategie völlig hätte vermieden werden können. Die Straftaten scheinen ja auch vorbereitet gewesen zu sein. Sie müssen aber sehen, dass die unverhältnismäßig große Aggressivität der Polizei zu einer Solidarisierung der normalen Demonstranten mit den Gewalttätern führt, die dann wiederum dazu beiträgt, dass die Polizei nicht gegen die Krawallmacher vorgehen kann.

ZEIT ONLINE: Gab es noch andere Fehler?

Ströbele: Es muss nun auch parlamentarisch untersucht werden, wieso die Polizei in der Nacht zum Samstag – als die Straftaten wirklich losgingen – zwar am Rande des Schanzenviertels präsent war, aber angeblich aus Rücksicht auf die Unversehrtheit der Beamten über Stunden nicht eingriff, sondern eben erst lange nachdem die Situation bereits eskaliert war. Das ist mir unklar und auch viele andere Bewohner und Demonstranten mit denen ich gesprochen habe, verstehen das nicht.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie hinter der Gewalt politischen Protest? Ist das nicht vielmehr nur Rowdytum?

Ströbele: Wenn Autos angezündet oder Geschäfte geplündert werden, dann sind das schlicht und einfach Straftaten, die entsprechend verfolgt werden. Als Mittel des Protestes ist das nicht akzeptabel.

ZEIT ONLINE: Welche Motive vermuten Sie bei den linken Gewalttätern?

Ströbele: Da sind Leute dabei, die sagen, wir wollen uns keine Polizeigewalt gefallen lassen. Und es gibt Leute, die nicht mehr daran glauben, dass man gegen das G20-System mit Transparenten ankommt. Trotzdem schaden sie der notwendigen Kritik an der Politik der G20 mit ihrem Vorgehen, weil die Berichte über die Gewalttaten den friedlichen Protest von Zehntausenden dominieren.

Wer die Gewalttäter wirklich waren, wie viele es waren und wie viele sich angeschlossen haben, das ist immer schwer rauszukriegen. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass Hunderte festgenommen werden, aber am Ende werden nur ein paar verurteilt. Das liegt nicht nur daran, dass man ihnen nichts vorwerfen kann. Oft werden die Falschen festgenommen, die wirklichen Täter wissen, wie sie sich verbergen können.