Wer wissen möchte, wie schwierig das Verhältnis von Helmut Kohl zu seinem Heimatland in der Spätphase seines Lebens war, muss an diesem Morgen nur die Kränze betrachten, die man vor dem mit einer Europaflagge bedeckten Sarg im Plenarsaal des Europaparlaments in Straßburg aufgebaut hat: In der Mitte steht ein riesiges Gebinde, das ganz aus roten Rosen besteht. "In Liebe, Deine Maike", steht auf der Kranzschleife. Links daneben ein Blumengesteck mit schwarz-rot-goldenen Bändern. "Bundesrepublik Deutschland" ist da zu lesen, sonst nichts.

Das Bild, das er in der Geschichte hinterlassen würde, war dem Historiker Helmut Kohl schon zu Lebzeiten wichtig, seine viel beschriebene Vorliebe für symbolträchtige Inszenierungen fand nun ausgerechnet anlässlich seines Todes ihren Höhepunkt: Auf Anregung seines langjährigen Freundes Jean-Claude Juncker, mittlerweile EU-Kommissionspräsident, wurde Kohl als erster Politiker überhaupt ausschließlich mit einem europäischen Trauerakt geehrt. Dass Kohl sich als Europäer fühlte, sich Zeit seines Lebens für die Europäische Union einsetzte und mit dem Euro die europäische Einigung unumkehrbar machen wollte – all das wird diese Entscheidung beeinflusst haben. Viel ist in den Tagen vor diesem Ereignis aber auch darüber gemunkelt worden, dass von Seiten Kohls selbst und seiner zweiten Frau, Maike Kohl-Richter, auch ein wenig Rachsucht dabei gewesen sein soll, das Bedürfnis, all diejenigen am Reden zu hindern, von denen Kohl sich einst schlecht behandelt fühlte. Den heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier etwa, vielleicht auch Kohls Nachfolgerin in Kanzleramt und Parteivorsitz, Angela Merkel.

Dass solche Gedanken an diesem Vormittag schnell in Vergessenheit geraten, dafür sorgen dann die vielen Redner und eine Rednerin, die hier das Wort ergreifen. Den Auftakt macht Kommissionspräsident Juncker, der selbst aus Frust über so manche Entwicklung in der EU keine weitere Amtszeit mehr anstrebt und vielleicht gerade deswegen in besonderer Weise Kohls europäische Gesinnung beschwört.

Er hält seine sehr persönliche Rede auf deutsch. Er spreche hier nicht als EU-Kommissionspräsident, sondern als Freund, der Kommissionspräsident wurde, sagt er. Es sei Kohls Wunsch gewesen, in Straßburg Abschied zu nehmen, das er als Hauptstadt Europas betrachtet habe und das ihm ans Herz gewachsen sei. Der Staatsmann Helmut Kohl sei als Architekt der deutschen Einheit in die Geschichtsbücher eingegangen, aber er habe ganz wesentlich auch zur Versöhnung Europas beigetragen: "Er hat Europa besser gemacht." Und: "Ohne ihn gäbe es den Euro nicht."

Die Widerstände des Auslands gegen eine deutsche Wiedervereinigung habe Kohl glaubhaft entkräften können, weil er sich schon zuvor als vertrauenswürdiger internationaler Partner erwiesen habe, etwa indem er den umstrittenen Nato-Doppelbeschluss billigte.

Was Kohl zum Weinen brachte

Aber auch den Osten Europas habe Kohl nie vergessen, erinnert sich Juncker und schildert eine berührende Szene aus dem Jahr 1997, als der Europäische Rat die Erweiterung der EU auf die Staaten des ehemaligen Ostblocks beschloss. "Ich bin vielleicht der Einzige im Saal, der Helmut Kohl je hat weinen sehen". Am Tag des Auftakts der Beitrittsverhandlungen habe Kohl unter Tränen von einem der schönsten Momente seines Lebens gesprochen. Er sei gerührt gewesen, dass er das als deutscher Kanzler erleben durfte, nachdem Deutschland so viel Unheil über Europa gebracht hatte, sagt Juncker. Er schildert aber auch den Menschen Kohl, der im Elsass die besten Restaurants gekannt habe. Und er schickt ihm eine scherzhafte Warnung hinterher: "Du musst im Himmel nicht gleich einen neuen CDU-Ortsverein gründen, Du hast genug erreicht". Zum Ende seiner Rede bedankt sich Juncker in vielen Sprachen.

Dass Kohl auch im Osten Europas verehrt wurde, macht dann EU-Ratspräsident Donald Tusk deutlich. Der Pole erinnert an seine Heimatstadt Danzig, wo die regimekritische Gewerkschaft Solidarność entstand – einer der Anfänge vom Ende der Unfreiheit. Nur wenige, so Tusk, hätten wie Kohl die Bedeutung der Demokratiebewegung in Osteuropa für die deutsche und damit auch die europäische Einigung verstanden. "Kohl hat immer wieder gesagt, dass die ersten Risse in der Berliner Mauer den Werftarbeitern in Danzig zu verdanken sind".

Und Tusk, in dessen Heimatland eine europakritische Regierung im Amt ist, die ihn selbst als Ratspräsidenten verhindern wollte, lässt eine Mahnung folgen: In Paris und Berlin, in Budapest und Warschau müsse mit Europa auch heute immer ein Bekenntnis zu Freiheit und Menschenrechten verbunden sein.

Betrachtet man die große Mehrheit internationaler Gäste im Plenarsaal des Parlaments, wird klar: Die Entscheidung für einen europäischen Staatsakt spiegelt auch die Widersprüchlichkeit Kohls. So kleinmütig und nachtragend Helmut Kohl in innenpolitischen Belangen sein konnte, in der Außenpolitik hat er Großes erreicht: Mit Chuzpe und Geschick nutzte er 1989 die historische Gelegenheit, die das Tauwetter in der Sowjetunion und die friedlichen Demonstrationen in der DDR ihm boten. Doch das wäre nicht möglich gewesen, hätte er nicht lange zuvor ein Vertrauensverhältnis zu den Siegermächten des Zweiten Weltkrieges aufgebaut. Zu den USA, indem er den Nato-Doppelbeschlusses unterstützte; zur Sowjetunion durch die Fortsetzung von Brandts Entspannungspolitik und Unterstützung von Abrüstungsinitiativen; zu Frankreichs Präsident François Mitterrand mit seinem Willen zur Versöhnung und dem gemeinsamen Einsatz für das europäische Projekt.

Dieser Kredit, den er sich seit Anfang der 1980er Jahre erarbeitet hatte, sollte sich dann auszahlen: Mit der Zusicherung, als Gesamtdeutschland in der Nato zu verbleiben, gewann er US-Präsident George Bush für sich. Mit dem Versprechen, Deutschland nicht nur stärker in die europäische Gemeinschaft einzubinden, sondern die europäische Integration noch zu verstärken, errang er die Zustimmung François Mitterrands. Und selbst den sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow, den er noch wenige Jahre zuvor mit Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels verglichen hatte, konnte er von der deutschen Wiedervereinigung überzeugen.