Vermummte Angreifer, brennende Barrikaden, verkohlte Autos und Verletzte auf allen Seiten – Hamburg hat in den vergangenen Tagen viel Gewalt erlebt. Selbst Linke, die die Demonstrationen mitorganisiert hatten, geben sich entsetzt. Andreas Blechschmidt, Sprecher des Welcome-to-Hell-Bündnisses und Rote-Flora-Besetzer der ersten Stunde, sagte, die Randalierer hätten sich in "sinnentleerter Gewalt und Militanz um ihrer selbst Willen" ergangen. Die physische Integrität von Menschen sei "eine der roten Linien, an denen sich das politische Handeln auch bei militanten Aktionen messen lassen muss".

Für viele Bürger ist schon die Idee schwer erträglich, Gewalt könne irgendwie als politische Ausdrucksform dienen. Doch selbst Blechschmidts Linie wurde beim G20-Gipfel mehrfach überschritten. Aber von wem, wer waren die Täter?

Noch ist es zu früh, um klare Aussagen treffen zu können. Polizei und Staatsanwaltschaft arbeiten noch daran, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wer das Schanzenviertel ins Chaos gestürzt hat. Wer sich die vielen Bilder ansieht, die im Internet kursieren, wer mit Anwohnern, mit Demonstranten, Polizisten und Staatsanwälten spricht, der kann ein erstes, noch sehr vages Bild erkennen.

Viele Sprachen

In den Reihen derer, die sich das Gesicht mit Sturmhauben, Schals, T-Shirts und Kapuzen verdeckten, die Steine und Flaschen warfen, waren alle möglichen Sprachen zu hören: Spanisch, Italienisch, Englisch. In der Thadenstraße griffen schwarzgekleidete Personen unter französischen Schlachtrufen einen Polizeiwagen an. Doch die meisten der Täter waren Deutsche.

Das zeigt sich auch in den Zahlen derer, die von der Polizei in die Gefangenensammelstelle gebracht wurden. Unter den wegen konkreter Tatvorwürfe Festgenommenen waren 132 Deutsche, acht Franzosen, sieben Italiener, fünf Schweizer. Ihnen wird laut Staatsanwaltschaft unter anderem schwerer Landfriedensbruch, gefährliche Körperverletzung, Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte und Sachbeschädigung vorgeworfen. In Gewahrsam genommen wurden außerdem laut Hamburger Polizei 158 Deutsche, 20 Italiener, 17 Franzosen und vier Schweizer.

Gegen 51 Tatverdächtige hat das Amtsgericht einen Haftbefehl angeordnet. Nach Auskunft der Staatsanwaltschaft erging auch ein Haftbefehl wegen versuchten Mordes gegen einen 27-jährigen Deutschen aus Mecklenburg-Vorpommern. Er soll aus einer Dachgeschosswohnung im Stadtteil Altona heraus die Piloten eines Polizeihubschraubers gezielt mit einem Laserpointer geblendet haben. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann vor, den Absturz des Helikopters bewusst in Kauf genommen zu haben.

Viele Täter konnte die Polizei jedoch nicht fassen. Polizeipräsident Ralf Martin Meyer sprach von Linksextremisten, die gut im Straßenkampf trainiert seien. Deshalb sei man ihrer oft nicht habhaft geworden.

Einige waren gut vorbereitet

Zum Teil waren die Gewalttaten vorbereitet und organisiert. Bundesinnenminister Thomas de Maizière sagte, die Gewalttäter seien in "dreistelliger Größenordnung" aus anderen Teilen Europas angereist. Hunderte seien zwar zurückgewiesen worden, aber nicht in jedem Fall habe es eine Rechtsgrundlage gegeben, um die Einreise zu verhindern. Die Szene habe sich seit anderthalb bis zwei Jahren auf die Anti-G20-Proteste vorbereitet und "Material" für die Ausschreitungen zum Teil wohl vor Beginn der Grenzkontrollen eingeschleust. Vieles sei "vorbereitet und orchestriert" gewesen.

Vor dem Gipfel hatten linke Gruppen Trainings organisiert, sich Taktiken für den Straßenkampf überlegt. "Es werden untereinander mehrere kleine Bezugsgruppen gegründet, bestehend aus vier bis sechs Personen. Diese passen aufeinander auf, bleiben meist zusammen", sagte ein Autonomer. Einige Gruppen trugen gleiche Erkennungszeichen, etwa rote Tücher vor dem Gesicht oder Kreuze aus silbernem Klebeband auf der schwarzen Jacke. Billige, schwarze Regenschlupfjacken waren fast wie eine Uniform an vielen zu beobachten.

Wechselkleidung in Stoffbeuteln

Viele Militante hatten Sturmhauben mitgebracht und trugen Handschuhe, sie nutzten Hämmer und Stemmeisen, um Ladenfronten zu zertrümmern und Pflastersteine herauszubrechen oder Gehwegplatten zu zerschlagen. Manche rissen die großen Holzplatten herunter, mit denen Ladenbesitzer ihre Scheiben schützen wollten, und stellten sich mit ihnen wie mit einem Schild gegen die Wasserwerfer. Sie duckten sich hinter die Platten und warfen aus der Deckung heraus Steine.

In kleinen Stoffbeuteln oder Rucksäcken trugen sie Wechselkleidung mit sich herum. Videos von Anwohnern und der Polizei zeigen, wie sich schwarz vermummte Angreifer in Hinterhöfen und auf Dächern umzogen, sich in unauffällige junge Frauen und Männer im Freizeitlook verwandelten und wieder unter die Leute mischten. Einer, der im schwarzen Block mitlief, sagte: "Das Mitsichtragen von Wechselkleidung ist eine gängige Methode auf vielen Demos und dient dem Selbstschutz." So könnten sie nicht von der Polizei identifiziert werden.

Autonome waren Auslöser, der Mob rannte mit

In einem Video eines Anwohners ist zu sehen, wie schwarze Gestalten eine Straße entlang rennen. Drei bleiben an einer Einmündung stehen, gehen zum ersten Auto in der Straße, einem roten Kleinwagen. Einer schlägt die Scheibe der Beifahrertür ein, die anderen beiden werfen Bengalfackeln hinein, dann rennen auch sie weiter. Den großen BMW-Kombi, der direkt dahinter steht, lassen sie in Ruhe.

Betrunkene Steinewerfer

Neben solchen organisierten Aktionen waren aber auch andere zu beobachten, die spontan und unüberlegt wirkten. Der Rewe-Markt und die Drogerie Budnikowsky, die auf dem Schulterblatt geplündert wurden, sind Kiezläden. Viele aus der Szene rund um die Rote Flora kaufen dort täglich ein. Anwohner waren erschüttert, dass ausgerechnet diese Läden vollständig zerstört wurden.

Eine große Zahl von Gewalttätern war offensichtlich betrunken. Ihre Gewalt folgte wohl eher dem Motto: Wir zünden alles an und nehmen auch in Kauf, dass eine brennende Barrikade das Haus daneben in Brand steckt. Videos zeigen Männer in T-Shirts und kurzen Hosen, die Steine auf Wasserwerfer und Polizisten schleudern. Sie sind nicht vermummt.

Autonome waren sicher der Auslöser der Gewalt. Doch in dem Mob rannten viele mit, die nicht politisch motiviert waren. Vorstadt-Kids, Krawall-Touristen und Kleinkriminelle nutzten das Chaos und tobten sich aus. Zu stoppen waren sie kaum. Unter der S-Bahnbrücke neben der Roten Flora bauten zwei junge Männer eine Barrikade. Eine Frau, wohl aus Hamburg, versuchte, sie davon abzuhalten: "Hier wohnen Menschen, lasst uns weiterziehen", sagte sie. Doch ohne Erfolg. Manchmal mischten sich die Gruppen auch. Ein Reporter beobachtete, wie Vermummte und andere junge Männer gemeinsam versuchten, einen Zigarettenautomaten aufzubrechen.

Die Täter waren jung

Und auch das ist ein Muster: Die Täter waren jung, zum Teil sehr jung. Die meisten der Festgenommenen seien unter 30 Jahre alt, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Viele der Autonomen sahen aus, als seien sie noch Schüler, hatten kaum Bartwuchs. Dazwischen fanden sich dann ältere Aktivisten, vor allem Männer wohl zwischen 30 und 40 Jahren. Sie gaben Kommandos, organisierten Gruppen.

Auch viele sehr junge Frauen waren unter ihnen. In der Hafenstraße bauten mehrere Menschen eine Barrikade, unter ihnen zwei vermummte Mädchen. Was wollten sie? "Aufmerksamkeit", schrien sie, "Macht!". Und: "Wir wollen uns nicht unterkriegen lassen."

Die Gewalt im Schanzenviertel wird seit dem Wochenende auch unter militanten Autonomen diskutiert. Sie habe dem eigentlichen Anliegen, dem Protest gegen das Treffen der G20, eher geschadet, heißt es in vielen linken Blogs.