Eine Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung prognostiziert unerwartet hohe Schülerzahlen, auf die das Schulsystem bisher nicht vorbereitet ist. An Grundschulen könnten im Jahr 2025 demnach 24.000 Lehrer fehlen, weiterführende Schulen müssten bis zum Jahr 2030 sogar 27.000 zusätzliche Stellen schaffen.  

Die Studie geht von 8,3 Millionen Schülern im Jahr 2025 aus. Die Kultusministerkonferenz rechnete in einer Prognose des Jahres 2013 mit einem Absinken der Schülerzahlen auf 7,2 Millionen. Förderschulen und Schulen des zweiten Bildungswegs werden dabei nicht berücksichtigt. Die Bertelsmann Stiftung will einem Sprecher zufolge Mitte 2018 eine neue Prognose für die Schülerzahlen und im Herbst 2018 eine Prognose für den Lehrerbedarf vorlegen.

"Mit diesem Schülerboom hat kaum jemand gerechnet", sagte Stiftungsvorstand Jörg Dräger. Jetzt bestehe enormer Handlungsdruck, viele Bundesländer müssten komplett umdenken. Zum einen würden wieder mehr Kinder geboren, zum anderen wanderten mehr junge Menschen ein.

2.400 neue Grundschulen

Die Grundschulen werden die steigenden Schülerzahlen zuerst zu spüren bekommen. Neben Zehntausenden zusätzlichen Lehrern würden auch mehr Klassenräume und damit neue Schulgebäude benötigt. Im Jahr 2025 seien fast 2.400 neue Grundschulen nötig, wenn die Schulgrößen gleich bleiben sollen, prognostiziert die Stiftung. Die weiterführenden Schulen trifft es später. Bis 2030 würden die jährlichen Bildungsausgaben bundesweit um 4,7 Milliarden Euro steigen, vermuten die Autoren der Studie.

Der Erziehungswissenschaftler Ewald Terhart warnt gleichwohl vor einem Vergleich der alten und heute problematischen KMK-Zahlen mit unsicheren Prognosen. "Die Studie ist gut, aber wir müssen auch die Lücken und Grenzen sehen", sagte der Professor der Universität Münster. Die Mischung aus höheren Geburtenzahlen und Zuwanderung macht sich nach seiner Einschätzung erst ab 2022 an den Grundschulen bemerkbar. 

Regional fallen die Prognosen auch sehr unterschiedlich aus. Auf dem Land werden eher nicht viele neue Schulen benötigt, in den Großstädten jedoch umso mehr. Berlin baut schon jetzt neue Schulen. Möglicherweise werden sich die Schulen auf schwankende Schülerzahlen einstellen müssen. Das Schulsystem muss darauf reagieren und flexibler werden, fordern die Autoren der Studie.

Für den Bertelsmann-Report haben die Autoren die aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamts mit der Milupa Geburtenliste aktualisiert. Das Babynahrungsunternehmen verfügt über Geburtenzahlen aller deutschen Geburtsstationen der Krankenhäuser des Jahres 2016.

Angesichts möglicher Folgen für das Bildungssystem macht sich die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack für eine Bund-Länder-Offensive für die Schulen in Deutschland stark. "Unser Schulsystem ist drastisch unterfinanziert", sagte sie. "Vielerorts bröckelt der Putz von den Wänden, es fehlen Lehrkräfte, Sozialarbeiter und Schulpsychologen." Die Länder allein seien überfordert. Das sogenannte Kooperationsverbot müsse fallen, so Hannack. Die Gewerkschaften, aber auch SPD, Linke, Grüne und FDP fordern angesichts großer Herausforderungen für die Schulpolitik, das 2006 ins Grundgesetz geschriebene Kooperationsverbot zu kippen. Der Bund darf den Ländern seitdem nur in Ausnahmefällen finanziell helfen. Befürworter wollen damit die Bildungsautonomie der Länder sichern.

Die Schülerprognosen sind besonders wichtig, um rechtzeitig zu berechnen, wie viele Erzieher, Lehrkräfte und Räume gebraucht werden. Dabei  müssten schon jetzt viele Schulgebäude dringend saniert werden und das Geld dafür fehlt: Das Deutsche Institut für Urbanistik schätzte den Nachholbedarf im Vorjahr auf Investitionen von rund 34 Milliarden Euro.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) forderte eine gemeinsame Kraftanstrengung für mehr Lehrernachwuchs. "Es wird immer schwieriger, die steigende Zahl von Schülerinnen und Schülern mit qualifizierten Lehrkräften zu versorgen", sagte GEW-Chefin Marlis Tepe. "Es ist spät, doch niemals zu spät, die Probleme anzugehen." Besonders an Grundschulen sei die Lage schwierig.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) kritisierte, die Prognose der Stiftung zum Lehrkräftemangel sei "eher optimistisch". VBE-Chef Udo Beckmann: "Die Situation wurde von der Politik viel zu lange schöngeredet." Pensionierungswellen seien ungenügend ausgeglichen worden. Hinzu komme: "Schule verändert sich. Inklusion und Integration stellen Herausforderungen für das pädagogische Personal dar. Auch der Ganztagsbetrieb macht zusätzliches pädagogisches Personal unabdingbar", sagte Beckmann.