Die Scherben nach dem G20-Gipfel sind gefegt, die Aufarbeitung läuft. Die Hamburger Polizeistrategie sei gescheitert, heißt es. Man hätte es besser machen können, so wie die Berliner Polizei zum Beispiel, die mehr auf Deeskalation setze. In Berlin-Kreuzberg hatte es ab Ende der achtziger Jahre jedes Jahr zum Tag der Arbeit am ersten Mai gewaltsame Proteste gegeben, mit teilweise hunderten verletzten Polizisten und zahlreichen Festnahmen. Randalierer zündeten Autos an, plünderten Läden und warfen Molotow-Cocktails. Heute verlaufen die Proteste vergleichsweise friedlich. Bilder von brennenden Straßenzügen und Molotow-Cocktails am ersten Mai gibt es nur noch im Archiv.

Doch viele Faktoren führten dazu, dass das gelungen ist. Die reine Deeskalationsstrategie, wie sie in den Neunzigern praktiziert wurde, war dafür nicht verantwortlich. Als der damalige SPD-Innensenator anordnete, dass sich die Polizei zurückhalten solle, um Linksautonome erst gar nicht zu provozieren, kam es zu noch schwereren Straßenschlachten als im ersten Krawalljahr 1987.

Danach veränderte die Polizei ihre Strategie immer wieder, zeigte mal mehr Härte, mal machte sie mehr Zugeständnisse. Keine davon übersetzte sich eindeutig in die Zahl der verletzten Polizisten oder Festnahmen. Im Rahmen einer sogenannten Kommunikationsoffensive hatte die Polizei 1999 zum Beispiel Autonome und Organisatoren zu Podiumsgesprächen eingeladen, Journalisten mit Einsatzfahrzeugen an Brennpunkte gefahren, Infostände aufgestellt und war mit einem "Anti-Gewalt-Mobil" durch die Gegend getourt. Darin wurden Protestwaffen ausgestellt, unter anderem Pflastersteine, Springmesser und eine Axt. Am Protesttag selbst, schrieb die FAZ 1999, "sah man überall Polizisten mit Engelszungen auf Demonstranten einreden."

Am Ende wurden dennoch 100 Beamte verletzt und 205 Randalierer festgenommen. Das waren mehr als in den Jahren vor der Kommunikationsoffensive und der Wert steigerte sich sogar noch in den Folgejahren.

Zahl der verletzten Polizisten und verhafteten Protestteilnehmer seit Beginn der Berliner 1. Mai-Proteste 1987

Zahl der verletzten Polizisten und verhafteten Protestteilnehmer seit Beginn der Berliner 1. Mai-Proteste 1987

Quelle: Quelle: Polizei Berlin

Eine weitere Deeskalationsstrategie war die polizeifreie Zone. 2002 schlug ein Bündnis um den FU-Professor Peter Grottian zur friedlichen Repolitisierung des Ersten Mai eine solche Zone in Kreuzberg vor. Der damalige Polizeichef Gernot Piestert stimmte zu und hoffte, dass die Bevölkerung sich selbst regulieren könnte. Teile der linksradikalen Szene hielten aber nichts von der Initiative: Sie zündeten unter anderem Grottians Auto an. Auch in dem Jahr übersetzte sich die Polizeistrategie nicht unmittelbar in weniger Gewalt.

Daraufhin setzte die Polizei auf eine Doppelstrategie. "Wir kommunizieren mit allen Gesprächsbereiten und gehen konsequent gegen Gewalttätige vor", sagte ein Pressesprecher. Diese Doppelstrategie ist laut Polizei erfolgreich, ein klarer Rückgang der Gewalt lässt sich darauf aber nicht zurückführen. Immer wieder hat es in den vergangenen Jahren ähnlich hohe Zahlen an verletzten Polizisten gegeben wie in den berühmt-berüchtigten ersten Jahren. Sachbeschädigungen seit Beginn der Proteste bis heute wurden jedoch nicht ausgewertet.

Einsatzlagen sind nicht zu vergleichen

Die Berliner selbst distanzieren sich daher von ihrer zugeschriebenen Vorreiterrolle und äußern sich nur vorsichtig zu ihren eigenen Strategien. "Eine Verbindung zwischen dem Ersten Mai in Berlin und dem G20-Treffen in Hamburg zu ziehen, ist nicht wirklich seriös", sagt etwa der Pressesprecher des Innensenats, Martin Pallgen. Die Einsatzlagen seien zu unterschiedlich.

Ob es Ausschreitungen gebe, liegt laut Polizei an vielen weiteren Faktoren außerhalb der Polizeistrategie. Es komme auf den Anlass der Demonstration an, außerdem auf die Zahl und Zusammensetzung der Teilnehmer. In manchen Jahren gebe es eine besonders hohe Gewaltbereitschaft, in manchen reisten besonders viele gewaltbereite Menschen aus dem Ausland zu den Protesten an. Das spiele alles zusammen.