Populistische Einstellungen sind in Deutschland verbreitet – allerdings nicht mehrheitsfähig. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Bertelsmann Stiftung, wonach knapp 30 Prozent der Wahlberechtigten zwar populistisch eingestellt sind, mehr als ein Drittel solche Positionen aber ablehnt (36,9 Prozent) oder ihnen nur teilweise zustimmt (33,9 Prozent). "Populisten in Deutschland sind häufig enttäuschte Demokraten – aber keine radikalen Feinde der Demokratie", fasst Studienautor Robert Vehrkamp seine Expertise zusammen.

"Eher moderat und nicht radikal"

Für die Studie befragte das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap zwischen Juli 2015 und März 2017 dreimal jeweils mehr als 1.600 Wahlberechtigte zu ihren politischen Einstellungen. Als populistisch wurden dabei Menschen eingestuft, die sich auf Grundlage eines Fragebogens vollständig zu insgesamt acht verschiedenen "antipluralistischen, Antiestablishment- und Provolkssouveränität-Aussagen" bekennen.

Hier gibt die Erhebung Entwarnung: Erstens sind populistische Tendenzen bei den deutschen Wählern nicht mehrheitsfähig und zweitens vertreten Populisten in Deutschland "eher moderate und keine radikalen Ansichten". Sie lehnen demnach demokratische Institutionen oder die EU nicht grundsätzlich ab, sondern kritisieren ihr Funktionieren. Für etablierte Parteien lohne es sich daher nicht, "im Wahlkampf populistischen Extrempositionen hinterherzulaufen". Stiftungsexperte Vehrkamp zeigte sich überzeugt: "Von einer Stunde der Populisten ist das politische Klima vor der Bundestagswahl weit entfernt."

Auch Populisten pro EU und Demokratie

So befürworten auch unter den populistisch eingestellten Wählern mehr als zwei Drittel (69 Prozent) die Mitgliedschaft in der EU und eine große Mehrheit von 85 Prozent die Demokratie als politisches System. Allerdings sind mehr als drei Viertel (79 Prozent) von ihnen der Auffassung, dass die EU-Integration zu weit gegangen sei. Rund die Hälfte (52 Prozent) ist mit dem Funktionieren der Demokratie in Deutschland eher nicht oder überhaupt nicht zufrieden. Am stärksten mobilisieren lassen sich Populisten in Deutschland laut der Studie derzeit durch die Flüchtlingspolitik. Themen wie Umweltschutz oder Wirtschaftswachstum fallen hingegen nicht ins Gewicht. 

Laut der Studie gibt es entlang des gesamten ideologischen Links-Rechts-Spektrums Menschen mit populistischen Einstellungen. Allerdings gebe es eine überproportionale Häufung populistischer Einstellungen bei Menschen mit politisch-ideologischer Rechtsorientierung – und eine Art soziale Spaltung: Je geringer die Bildung und je niedriger das Einkommen, desto weiter verbreitet sind populistische Ansichten. Am stärksten trifft das auf die Gruppe mit Hauptschulabschluss und einem Monatseinkommen unterhalb von 1.500 Euro zu. Generell sind Wahlberechtigte mit einem niedrigen Bildungsabschluss häufiger populistisch eingestellt (38,1 Prozent) als solche mit Abitur oder einem Hochschulabschluss (14,2 Prozent). Alter und Geschlecht spielen dagegen kaum eine Rolle.

Kaum Populisten bei Union und Grünen

Die Autoren untersuchten auch den Zusammenhang zwischen populistischen Einstellungen und Parteipräferenzen. Die Partei mit den unpopulistischsten Wählern ist demnach die Union. Sie erreicht bei nicht populistisch eingestellten Wählern eine Zustimmung von bis zu 60 Prozent, aber weniger als 20 Prozent unter den Populisten. Die wenigsten Populisten finden sich unter den Wählern der Grünen: "Mit den Grünen steht eine unpopulistische Partei links von der Mitte zur Wahl und mit der CDU/CSU eine unpopulistische Partei leicht rechts von der Mitte", heißt es in der Studie. Die SPD ist in beiden Lagern etwa gleich stark. Die Wählerschaft der AfD ist dagegen laut Studie "eindeutig rechtspopulistisch". Bei Wählern mit ausgeprägt rechtspopulistischer Verortung erzielt die Partei mit rund 60 Prozent ihre höchsten Zustimmungswerte.

In einer ersten Version des Textes hieß es, die wenigsten populistischen Wähler fänden sich bei der Union. Tatsächlich liegt der Wert für die Grünen noch leicht niedriger.