Man kennt sie, die Grenzüberschreitungen in der AfD: Funktionäre der Parteijugend arbeiten mit der völkischen Identitären Bewegung zusammen, in Dresden lädt die Partei zu Kundgebungen mit Pegida, Hunderte kommen. Ein Bundestagskandidat in Sachsen will übersehen haben, dass ein als Neonazi erkennbarer Besucher an seinem Infostand herumlungert. Mit der im Grundgesetz verankerten Meinungsfreiheit wird begründet, warum man auch Hardliner und Extremisten gewähren lässt.

Das geschieht alles trotz bestehender Parteibeschlüsse zur Unvereinbarkeit zwischen AfD und Pegida und anderen extremistischen Gruppen, trotz entsprechender Leitlinien des Bundeskonvents für den Umgang mit den Identitären.

Dieses Klima begünstigt die verbalen Provokationen, mit denen AfD-Spitzenleute seit Jahren auffallen. Bundesvize Alexander Gauland ist jetzt mit einer Strafanzeige wegen Volksverhetzung konfrontiert, weil er auf einer Veranstaltung im thüringischen Eichsfeld sagte, die AfD ("wir") werde die Integrationsstaatsministerin im Kanzleramt Aydan Özoğuz "nach Anatolien entsorgen", weil sie "eine spezifisch deutsche Kultur jenseits der deutschen Sprache" nicht erkennen wolle. Einen Menschen mit nichtdeutschen Vorfahren ins abgelegene Ausland entsorgen – das klingt nach Deportation, Vernichtung. Das wiederum erinnert an die Nazis.

Wie viel Kalkül dahinter steckt, weiß nur Gauland mit Sicherheit. Der Tonfall lässt auf Vorbereitung schließen, zudem lag vor ihm ein Manuskript. Die öffentliche Kritik jedenfalls war scharf. Daraufhin sagte der AfD-Spitzenkandidat, er würde die Worte nicht noch einmal verwenden. Einen Tag später ließ er sich wieder zitieren, er bereue nichts, habe keinen Fehler gemacht, der Bohei um das Wort sei lächerlich.

Verbal zündeln und anschließend relativieren, zurückrudern und es doch so meinen: Diese Methode ist in der AfD häufig zu beobachten. Was Gauland übersah: Özoğuz ist Hamburgerin, und trotz türkischer Vorfahren deutscher als manch anderer Bundesbürger. Von Reisen zu ihrer Familie in die Türkei werde ihr abgeraten, aus Sicherheitsgründen, sagte sie ZEIT ONLINE.

Gauland hat die AfD-Methode perfektioniert: Als er 2016 sagte, die Deutschen fänden Jérôme Boateng als Fußballspieler gut, hätten ihn aber nicht gern als Nachbarn, bestritt er auf dem Höhepunkt der öffentlichen Entrüstung, Boateng in dem Interview überhaupt erwähnt zu haben. Stunden später räumte er das dann doch ein. Ihre Wirkung hatte die Provokation längst entfaltet.

Als AfD-Bundeschefin Frauke Petry 2016 dafür warb, den Nazibegriff völkisch wieder positiv zu besetzen, versuchte ihr Co-Vorsitzender Jörg Meuthen wenige Tage später die Aufregung zu dämpfen und sagte, die Vokabel völkisch "ist nicht rehabilitierbar, sie ist kontaminiert".

Vorstöße wie der Petrys ermunterten Nationalisten wie den Thüringer Landes- und Fraktionschef Björn Höcke gleichwohl, die Grenzen des Sagbaren auszuweiten. In einer Rede in Dresden forderte er im Hinblick auf den Umgang mit der NS-Zeit eine "erinnerungspolitische Wende um 180 Grad" und sprach – offenkundig im Hinblick auf das Holocaustmahnmal in Berlin mehrdeutig von einem "Denkmal der Schande". Einen Monat später bat er um Entschuldigung. Auch nach einer Rede im neurechten Institut für Staatspolitik 2015 über den "lebensbejahenden afrikanischen Ausbreitungstyp" bedauerte Höcke, dass seine rassistischen Worte "zu Fehldeutungen geführt haben".

Der Dresdner Bundestagskandidat Jens Maier relativierte die Tat des norwegischen Rechtsterroristen Anders Breivik, indem er sagte, Breivik sei  aus "Verzweiflung" über Kulturfremde zum Massenmörder geworden. Auf Nachfrage entgegnete der am Landgericht tätige Jurist, er habe kein Verständnis für Breivik geäußert, sondern nur nach einer Erklärung für die furchtbare Tat gesucht. Gegen Höcke und Maier laufen Parteiausschlussverfahren, die Staatsanwaltschaft ermittelte – allerdings folgenlos.

Bestärkt kann sich auch Höckes Parteifreund André Poggenburg fühlen. Der Landes- und Fraktionschef von Sachsen-Anhalt garnierte am 23. Mai 2017 eine Textmitteilung von 10.21 Uhr in einem später öffentlich gewordenen Chat mit Parteifreunden mit dem Nazislogan "Deutschland den Deutschen", einem Zwinkersmiley und einer Deutschlandflagge. Der Landesverfassungsschutz prüfte, ob er die Partei beobachten solle. Poggenburg rechtfertigte sich später, "selbstverständlich sollte ein Land denen "gehören", "die dort lange ansässig sind".

Einer, der bereits beobachtet wird, ist Peter Bystron. Der bayerische AfD-Landeschef sympathisiert mit der Identitären Bewegung, von der sich die AfD eigentlich abzugrenzen beschloss. Laut Verfassungsschutz hält er sie für eine "tolle Organisation", deren Aktionen "intelligent" seien und Respekt verdienten. Bystron verteidigte sich, die wenigen Zitate, welche die Beobachtung rechtfertigen sollen, seien aus dem Zusammenhang gerissen. Ihnen werde eine Bedeutung gegeben, die ihnen nicht zukommt". Es handele sich um eine "ganz üble Inszenierung".

Diese Beispiele sind nur ein Teil aller Grenzüberschreitungen durch AfD-Mitglieder, und längst nicht alle werden nach kurzer Zeit relativiert. Aufmerksamkeit verschaffen sie der Partei auf jeden Fall.