Eine der vielen Ironien, mit denen die Partei der Grünen aufwarten kann, ist, dass es unter ihren verantwortlichen Politikern eigentlich sehr wenige Ökologen gibt – Leute also, denen naturwissenschaftliche Argumente über die klassisch linken sozialen, moralischen oder kulturellen Zugänge gehen. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer ist einer dieser wenigen. Und wie sein Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist er obendrein ein emphatischer Mittelstandspolitiker: Er möchte wirklich, dass das klappt mit Ökonomie und Ökologie. All das und obendrein eine frohe Bereitschaft zur Schulmeisterei führen dazu, dass der 45-jährige Mathematiker immer wieder Dinge sagt, bei denen seinen Parteifreunden das Blut in den Adern gefriert. Er hält sie für schlichte Logik – so wie auch den Titel seines neuesten Buches zum Thema Flüchtlingskrise: "Wir können nicht allen helfen".

Der Ton zwischen Palmer und seiner Partei war nie liebevoll – aber seit Hunderttausende von Asylbewerbern nach Deutschland kamen, sind beide Seiten rhetorisch verhärtet. "Zurzeit ist er idiotisch", urteilte die derzeitige Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt im Jahr 2016. Erst vor Kurzem schrieb Palmer dem Parteilinken Volker Beck öffentlich auf Facebook: "Lieber Volker, ich lebe gerne in einem Land, wo dein Drogenkonsum und deine früheren Äußerungen zur Pädophilie verziehen werden." Auch wer sonst keinen deutschen OB zu nennen weiß: Boris Palmer kennt jeder.

Anlass des Grünen-Schlagabtauschs auf Facebook war die Forderung Palmers nach Massengentests unter gambischen Flüchtlingen gewesen. Mit ihnen hatte er auf mehrere ungeklärte Vergewaltigungen in Tübingen reagiert, bei denen ein 21-jähriger Asylbewerber in Verdacht stand. "Dir ist nicht zu helfen, Boris", hatte Volker Beck zurückgeschrieben.

Palmers Buch enthält, um das gleich vorweg zu sagen, nicht einen einzigen skandalösen Satz. Im Gegenteil kann man sogar einen Hauch von Selbstkritik erahnen. Denn während der Kommunalpolitiker – Oberbürgermeister einer der gebildetsten, offensten und wohlhabendsten Städte Deutschlands – sich noch im Herbst 2015 überzeugt zeigte ("Wir schaffen das nicht"), muss er nun einräumen: "Die einmalige Aufnahme von nahezu einer Million Flüchtlinge im Jahr 2015 haben wir geschafft. (...) Schon nach einem Jahr ist die Lage wieder unter Kontrolle (...) Ökonomisch sind wir weit weg von einer Belastungsgrenze."

Geht also. Wogegen sich Palmer allerdings nach wie vor verwahrt – und wer wollte ihm das verübeln –, ist der Kitsch, um nicht zu sagen "Bullshit", der zum Teil während der heißen Monate in Umlauf war. "Menschen geschenkt bekommen", "Ärzte und Ingenieure", "Moralischer Imperativ", "Jungbrunnen" – das alles war nicht dazu angetan, die politischen, sozialen und kulturellen Kosten der Flüchtlingsaufnahme wirklich in den Blick zu nehmen. Es nervt ihn, dass seine Partei sich inzwischen zwar zu der Erkenntnis durchgerungen hat, "nicht jeder, der zu uns kommt, kann bleiben." Aber der zweite Schritt – das Bekenntnis zu einer effektiven Sicherung der Außengrenzen – fehlt.

Das verminteste aller Gelände

Über weite Strecken ist das Buch eine Einladung in die technischen und moralischen Herausforderungen Grüner Kommunalpolitik - da, wo es ans Eingemachte geht. Woher kommen schnell die Wohnungen, die nachhaltig sein, Bürger in die Planung einbeziehen und dann auch noch bezahlbar bleiben sollen? Mit denen man bedürftigen
Einheimischen nichts wegnimmt?

Palmer, der Mathematiker, lässt aber auch den Gefühlen freien Lauf, die halt so kommen, wenn man sich großzügig zeigt und dafür nicht nur Dankbarkeit erntet. Flüchtlingsproteste vor Notunterkünften in Stuttgart, die 2015 das Menschenrecht einklagen wollten, sich nicht zu langweilen, gehen ihm über die Hutschnur.

Und dann ist da das verminteste aller Gelände, jedenfalls für die Grünen: der Konflikt zwischen Weltoffenheit und sexueller Selbstbestimmung. Nach den Übergriffen von Köln war die Willkommenskultur schwer ernüchtert – nicht ausgeschlossen, dass sie ausschlaggebend für die schlechten Ergebnisse der Grünen in Nordrhein-Westfalen waren. Geradezu rührend schildert Palmer, wie junge Frauen aus Grünen Milieus ihm auf Facebook schreiben, dass sie sich nicht mehr trauen, mit ein oder zwei Weißweinschorlen intus allein ihre gewohnten Runden zu ziehen. Manche haben Übergriffe erlebt und schimpfen trotzdem mit Palmer, er solle nicht noch Öl ins Feuer gießen.    

Es ist absurd, dass Palmer tatsächlich von Parteifreunden schon auf den bloßen Titel des Buchs hin die Aufforderung bekam, "einfach mal die Fresse zu halten". Die Flüchtlingskrise wird nicht aufhören, eine Krise zu sein. Wir werden besser werden müssen. Die Grünen brauchen beide: Volker Beck und Boris Palmer.