Als Angela Merkel im November 2016 bekannt gab, dass sie erneut als Kanzlerkandidatin antreten wolle, da tat sie das mit dramatischen Worten. "Diese Wahl wird wie keine zuvor seit der deutschen Einheit schwierig", sagte die Kanzlerin damals. Man werde Anfechtungen von allen Seiten erleben – von links wie von rechts. Und sie kündigte an: Sie sei bereit einen Wahlkampf zu führen, der anders sein werde als die Wahlkämpfe davor.

Im Sommer 2017, dreieinhalb Wochen vor der Bundestagswahl, ist allerdings von der Dramatik des vergangenen Herbstes wenig übrig geblieben. Der ganz andere Wahlkampf – bisher jedenfalls scheint er auszufallen. Das hat natürlich vor allem mit den Umfragen zu tun. Die sind für die Union schon seit Monaten blendend. Rund 15 Prozentpunkte liegt sie vor der SPD. Deren Traum, die Ära Merkel zu beenden, scheint weitgehend ausgeträumt. Und Merkel führt genau den Wahlkampf, den sie schon immer geführt hat: Sie polarisiert so wenig wie möglich.

An wichtigen Themen mangelt es nicht

Wenn man überhaupt erahnen kann, dass Merkel diesen Wahlkampf gleichwohl sehr ernst nimmt, dann lässt sich dies wohl am ehesten an der Frequenz ihrer öffentlichen Auftritte ablesen. Fast täglich absolviert sie zwei Wahlkampfauftritte an verschiedenen Orten im Land, sie gibt Interviews in allen großen Tageszeitungen und Fernsehsendern, am Wochenende trifft sie ihren Herausforderer zum TV-Duell. Und trotzdem ist sie an diesem Dienstag nun auch noch in die Bundespressekonferenz gekommen, um den dort akkreditierten Hauptstadtjournalisten – wie in jedem Sommer ein Mal – Rede und Antwort zu stehen.

Auch hier erlebt man das seltsame Paradox, dass es in diesem Wahlkampf eigentlich nicht an großen Themen mangelt. Doch keines will so richtig zünden. Dabei geben sich die Journalisten durchaus Mühe: Was es für sie bedeute, dass mit der AfD eine rechte Partei drittstärkste Kraft im neuen Bundestag zu werden drohe, wird Merkel zum Beispiel gefragt. Kann die CDU Menschen am rechten Rand nicht mehr integrieren? Man müsse um jede Wählerstimme kämpfen, deswegen sei sie ja auch so oft im Osten, wo die AfD besonders stark sei, erwidert Merkel. Aber das sei halt eine langfristige Aufgabe.

Oder die Sache mit den Flüchtlingen. Vor ziemlich genau zwei Jahren hatte Merkel ebenfalls auf einer Sommerpressekonferenz mit Blick auf die hohe Zahl der zu erwartenden Flüchtlinge ihr berühmtes "Wir schaffen das" ausgegeben. Und heute? Sieht sie sich eher als Abschottungskanzlerin oder noch immer als Willkommenskanzlerin? "Ich arbeite nicht mit diesen Begriffen", antwortet Merkel kühl. Beides sei richtig: Dass man damals in einer Notlage geholfen habe, genauso wie dass man heute versuche, Migranten an der Weiterreise nach Europa mit internationalen Vereinbarungen zu hindern. Ganz gleich, wie provokant die Frage auch immer gestellt sein mag: Merkel lässt ihr schnell die Luft ab. Die Probleme erscheinen plötzlich gar nicht mehr so groß. Wer Merkel so reden hört, meint, es ginge nur noch um die richtige Reihenfolge von einzelnen Maßnahmen.

Diese Ruhe reizt einen der Fragesteller so sehr, dass er Merkel vorhält, sie werde ja manchmal mit einer "Schlaftablette verglichen". Ob sie sich selbst eigentlich als langweilig empfinde, will er wissen. Zumindest der Auftritt des Regierungssprechers, der neben Merkel sitzt, scheint diese Provokation zu rechtfertigen. Seit Merkel zu reden begonnen hat, sind ihm immer wieder minutenlang die Augen zugefallen. Merkel lässt sich jedoch nicht irritieren. Könne ja sein, dass andere es langweilig fänden, wenn man sich nicht ständig gegenseitig beschimpfe, sagt sie. Sie selbst habe jedenfalls einen sehr interessanten Wahlkampf.