Dies ist der erste Text unserer neuen Serie Fünf und der Fisch. Bis zur Bundestagswahl schreiben fünf Experten über Prognosen, Versprechen und Kampagnen. Und ein Fisch prognostiziert den nächsten Kanzler. Alle Informationen über die Serie finden Sie hier.

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Zugegeben: Noch vier Wochen bis zur Wahl, die Umfragen wirken wie einzementiert, der Wahlkampf verläuft wie auf Schienen, die dösenden Deutschen sind in keiner Wechselstimmung, da mag sich Herausforderer Schulz noch so mühen. In jedem halbwegs realistischen, sprich: demoskopisch erfragten Szenario heißt die nächste Kanzlerin Merkel. Was kann da noch passieren?

Theoretisch eine Menge. Viele WählerInnen entscheiden erst in letzter Minute, wo sie ihr Kreuzchen setzen. Käme etwas Unvorhergesehenes dazwischen – eine neue Finanz- oder Flüchtlingskrise, Krieg in Korea, russische Grenzverletzungen im Baltikum –, könnte sich das Blatt noch wenden. Nicht dass Merkel vom ersten Platz verdrängt werden würde. Doch da Wahlen zu Koalitionsverhandlungen führen, eröffnen kleine, plötzliche Wählerwanderungen unerwartete Machtoptionen.

Die Amerikaner nennen es October surprise, seit Präsident Johnson zwei Wochen vor der Wahl 1968 das Ende der Bombardierungen in Vietnam verkündete, was am Ende dem Herausforderer Nixon nützte, weil der ersehnte Frieden nicht kam. Uns allen ist präsent, wie FBI-Direktor Comey am 28. Oktober 2016 den Kongress informierte, dass er in der E-Mail-Affäre erneut gegen Hillary Clinton ermittle; der schon abgeschriebene Trump war zurück, seine Basis elektrisiert; er siegte mit Glück.

Gibt es vergleichbare Erfahrungswerte in der bundesrepublikanischen Geschichte? Im Prinzip ja: die Spätsommerüberraschung.

1961 platzte der Mauerbau in den Bundestagswahlkampf. Am 13. August befahl Ulbricht die Errichtung des "antifaschistischen Schutzwalls" in Berlin. Adenauer war wie vom Donner gerührt, sein deutschlandpolitisches Kartenhaus stürzte zusammen. Er patzte und blieb in Bonn. SPD-Spitzenkandidat Brandt hingegen stand Seite an Seite mit US-Vizepräsident Johnson am Stacheldraht an der Sektorengrenze.

Auch dank der Berlinkrise erzielte die SPD am 17. September 1961 ihr bestes Ergebnis seit 1949. Die Union verlor kräftig, der innerparteilich angezählte Kanzler schacherte sich in eine letzte Koalition mit der FDP hinein, die dafür ein Wahlversprechen brach. Für den Alten wurde es zur Höllenfahrt, zwei Jahre später trat er unter unrühmlichen Umständen ab.

Der Wahlkampffisch

Fisch, ein siamesischer Kampffisch, wird in einem symmetrisch eingerichteten Becken durch sein Schwimmverhalten bis zur Bundestagswahl jeden Tag signalisieren, ob er Martin Schulz oder Angela Merkel mehr Chancen einräumt.

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Auch am 28. September 1969 standen die Wahlen auf Messers Schneide. Die erste große Koalition regierte seit 1966, Kanzler Kiesinger war äußerst beliebt, der Herausforderer, wieder Brandt, lahmte. Doch dann eskalierte eine internationale Währungskrise. Kiesinger zog die traditionelle Wirtschaftskompetenz der CDU in Zweifel, weil er, von der Exportlobby bedrängt, die unumgängliche Aufwertung der D-Mark hartnäckig verweigerte. Ein chaotischer Run auf die deutsche Währung folgte.