Den etablierten deutschen Parteien wird gern vorgeworfen, dass sie sich inhaltlich immer ähnlicher werden. Der Union wird eine "Sozialdemokratisierung" vorgeworfen – der SPD die "Unionisierung".

Eine computergestützte Analyse der Wahlprogramme hinsichtlich Länge, Verständlichkeit, Stimmung und Wortwahl zeigt Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Wahlprogrammen. Die Untersuchung stützt sich auf die aktuellen und vergangenen Wahlprogramme der sechs Parteien, die laut aktuellen Umfragen zufolge in den Bundestag einziehen würden.

Die Länge

Die Wahlprogramme der meisten etablierten Parteien sind über die letzten Jahrzehnte länger und länger geworden. Alle sechs Programme zusammen umfassen rund 225.000 Wörter. Dies entspricht ungefähr 350 eng bedruckten DINA4-Seiten. Damit übersteigt die Gesamtlänge der sechs Wahlprogramme die Länge des Neuen Testaments (ca. 140.000 Wörter) um einiges. Die Lektüre aller sechs Wahlprogramme würde schätzungsweise über 17 Stunden in Anspruch nehmen.

Anzahl der Wörter in den Wahlprogrammen

Quelle: WZB

Zwischen den Parteien gibt es jedoch erheblich Unterschiede. Union (19.000 Wörter) und AfD (16.000 Wörter) haben zu dieser Bundestagswahl die kürzesten Wahlprogramme präsentiert. Die Programme der SPD und FDP sind mit rund 35.000 Wörtern fast mehr als doppelt so umfangreich. Die Grünen (63.000 Wörter) sowie die Linke (56.000 Wörter) haben mit Abstand die längsten Programme verabschiedet.

Sieht man von den Linken und der AfD ab, sind die Programme der Parteien im Vergleich zur vergangenen Bundestagswahl kürzer geworden. Der größte prozentuale Unterschied ist bei der AfD zu finden. Diese hatte zur Bundestagswahl 2013, als damals frisch gegründete Partei, nur ein wenige Seiten starkes Dokument als Programm vorgestellt. Zwar ist das Programm der Rechtspopulisten auch jetzt noch immer das kürzeste von allen, dennoch liegt die Partei nun mit der Union fast gleichauf. Ein deutlicher Indikator für die Professionalisierung und programmatische Verbreiterung der AfD.

Die Verständlichkeit

Die Wahlprogramme geben nicht nur grobe ideologische Richtungen und die unterschiedlichen Prioritäten der Parteien an, sondern sind inzwischen eine detaillierte Auflistung einzelner Politikvorhaben. Dies sorgt zum einen für Transparenz, da Parteien dadurch ihre Pläne für nach der Wahl detailliert darlegen und überprüfbar machen. Allerdings sind viele Passagen der Programme für Laien ohne weiteres Fachwissen kaum verständlich. Teilweise hat das auch sprachliche Gründe.

Das belegen Lesbarkeitsindices, denen einen Analyse der durchschnittlichen Wort- und Satzlängen zugrunde liegt. Der hier verwendete Index gibt ungefähr an, wie viele Bildungsjahre nötig sind, um einen Text verstehen zu können. Zwar sind die Programme deutlich einfacher zu verstehen als ein Text von Niklas Luhmann, aber auch deutlich schwieriger als beispielsweise das Dossier der ZEIT. Auch zwischen den Parteien gibt es – wenn auch geringfügige – Unterschiede. So weist das Programm der AfD beispielsweise die geringste Verständlichkeit auf, jenes der Union die höchste. Für Ersteres sind 11,5 Bildungsjahre vonnöten, für das Unionsprogramm reichen dagegen 10,2 Bildungsjahre.

Die jeweils längsten Sätze

Die folgende Box zeigt die längsten Sätze der sechs Programme. Spitzenreiter ist hier eindeutig die FDP mit einem Satz über 90 Wörtern.

Allerdings muss man den meisten Parteien zugutehalten, dass sie inzwischen gekürzte Fassungen ihrer Programme in einfacher und leichter Sprache veröffentlichen.

Das längste Wort der sechs Programme ist übrigens die Mindestlohndokumentationspflichtenverordnung, welche die FDP abschaffen will.

Stimmung, Ähnlichkeit, Wortwahl

Die Stimmung

Neben den konkreten Politikvorhaben enthalten die Wahlprogramme in der Regel auch eine Bestandsaufnahme und Zustandsbeschreibung der politischen Lage in Deutschland. Die dort transportierte Stimmung unterscheidet sich deutlich. Gemessen wird sie durch das Verhältnis von positiv und negativ konnotierten Wörtern, die sich besonders häufig in Sätzen wie "Deutschland geht es gut" oder "Das Bildungssystem in Deutschland ist ungerecht" finden. Die positivsten Programme haben Union und SPD. Die Programme von Grünen und FDP sind zwar durchschnittlich positiv geprägt, aber in deutlich geringerem Maße als die Programme der Koalitionsparteien. Die Programme der Linken und der AfD sind hingegen sogar von einer negativen Stimmung gekennzeichnet.

Über die vergangenen Wahlen hinweg zeigt sich bei SPD und Union ein relativ deutliches Muster zwischen Regierungsbeteiligung und Stimmung im Programm. So zeichnen beide in der Regierung meist ein deutlich positiveres Bild, als wenn sie in der Opposition sind.

Vergleicht man die Programme der vergangenen Jahrzehnte, zeigt sich, dass die Stimmung bei allen Parteien im Schnitt deutlich positiver geworden ist. Das gilt nicht nur für die, die in der Regierung waren, sondern selbst für Linke und AfD.

Ähnlichkeit

Politische und ideologische Differenzen drücken sich immer auch in einer unterschiedlichen Wortwahl aus. Die folgende Abbildung gibt die Ähnlichkeit der Wortwahl zwischen zwei Programmen wieder. Die folgende Abbildung gibt die semantische Unterschiedlichkeit zwischen zwei Programmen wieder. Ein Wert von 0,8 gibt an, dass sich 80 Prozent der Wörter aus zwei Programmen unterscheiden. Ein niedriger Wert gibt an, dass sich die Wörter weniger unterscheiden. Es zeigt sich, dass eine ähnliche Wortwahl stark mit der ideologischen Nähe der Parteien zusammenhängt.

So ist die die Wortwahl innerhalb der ideologischen Lager meist ähnlicher als zwischen linken und rechten Parteien. Die größten Überschneidungen gibt es zwischen den Programmen der Linken und der Grünen. Insbesondere die AfD setzt sich in ihrer Wortwahl stärker von den anderen Parteien ab. Ihr Programm weist durchschnittlich die geringsten Ähnlichkeiten in der Wortwahl mit den anderen Programmen auf. Auch das Programm der Union weist geringe Gemeinsamkeiten – selbst zum Programm der FDP – auf. Erstaunlich ist die Ähnlichkeit der Wortwahl in den Programmen der FDP und der linken Parteien. Ebenfalls etwas überraschend ist die sehr geringe Ähnlichkeit zwischen dem Programm der Union und den Grünen. Insgesamt weisen SPD und Grüne die Programme mit den größten Überschneidungen mit den anderen Programmen auf, was ihre zentrale Stellung im Parteiensystem widerspiegelt.

Wortwahl

Eine andere interessante Frage ist: Durch welche Begriffe unterscheiden sich die Parteien besonders voneinander? Die Listen zeigen die Wörter, die sich besonders häufig in den jeweiligen Programmen finden, zugleich aber nur selten in den Programmen der anderen Parteien. Es handelt sich also um Wörter, durch welche sich die Parteien besonders voneinander abgrenzen.

Besondere Wörter der Parteien

Gezeigt werden hier Wörter, die sich besonders häufig in den Wahlprogrammen der Parteien finden, zugleich aber nur selten bei den anderen Parteien.

Quelle: WZB

Dabei handelt es sich teilweise um Begriffe, die politische Projekte der Parteien bezeichnen und von ihnen selbst geprägt wurden, z. B. das Baukindergeld bei der Union, das Bürgergeld der FDP oder diverse familienpolitische Maßnahmen bei der SPD. Die Analyse macht aber auch erkennbar, an welche Zielgruppe sich die Parteien richten. Zu den Wörtern, die die Linke besonders von anderen Parteien unterscheiden, gehören zum Beispiel Ostdeutschland und Ostdeutsche.

Die Ergebnisse der computergestützten Analyse sprechen eher gegen die vermutete Ununterscheidbarkeit der Parteien. Selbstverständlich kann eine solche computergestützte Analyse aber eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Programmen nicht ersetzen, sondern nur ergänzen. Eine Frage bleibt somit noch offen: Wer kann sich zwei volle Arbeitstage nehmen oder opfert sein Wochenende, um die Wahlprogramme zu lesen?

Zur Methode

Der Quellcode der Analysen und die digitalisierten Wahlprogramme sind frei zugänglich.