ZEIT ONLINE:  Herr Stauss, am Sonntag treffen Kanzlerin Angela Merkel und Kanzlerkandidat Martin Schulz im einzigen TV-Duell dieses Wahlkampfes aufeinander. Wer gewinnt den Schlagabtausch?

Frank Stauss: Keine Ahnung. Sicher ist: Frau Merkel ist noch aus keinem ihrer drei TV-Duelle als Siegerin hervorgegangen. Sie wurde aber später immer Kanzlerin. 2005 zum Beispiel hat Gerhard Schröder das TV-Duell gegen Merkel haushoch für sich entschieden. Die CDU ist in den darauffolgenden Wochen von 43 Prozent nach dem TV Duell auf 35 Prozent am Wahlabend gesunken. Es hat aber trotzdem gereicht, die SPD abzulösen. Die beiden darauffolgenden Duelle hat Merkel ebenfalls verloren, wenn auch weniger klar.

ZEIT ONLINE: Ist das TV-Duell Schulz’ letzte Chance? Die SPD-Kampagne setzt große Hoffnungen auf den Fernsehauftritt "auf Augenhöhe".

Stauss: Wäre ich verantwortlich für die Kampagne der SPD, würde ich das nicht so hochhängen. Das erzeugt doch nur unnötig Druck. Aber klar, es ist einer der wichtigsten Aufmerksamkeitsbringer in den letzten drei Wochen vor der Wahl. Vier Sender übertragen gleichzeitig, damit sind die Einschaltquoten sehr hoch. Und bei dieser Wahl gibt es die Besonderheit, dass die Zahl der Unentschlossenen so hoch ist wie nie zuvor.

ZEIT ONLINE: Wie kann Schulz Merkel stellen?

Stauss: Merkel liegen solche Fernsehformate nicht, daher haben ihre Berater den TV-Sendern starre Bedingungen für das Duell diktiert. Jegliche Lebhaftigkeit soll getilgt werden. Schulz hat aber durchaus die Möglichkeit, sich als kämpferischere und ehrgeizigere Alternative zu präsentieren.

ZEIT ONLINE: Mit welchen Forderungen kann er punkten, mit welchen nicht?

Stauss: Ich würde ihm raten, sich besonders auf Innenpolitik zu konzentrieren. Die Frage eines Wahlkämpfers muss immer lauten: Was interessiert die Leute eigentlich, und was habe ich Ihnen anzubieten? Ich glaube, Martin Schulz hat die höchste Glaubwürdigkeit bei Themen, die die Zukunftsfähigkeit des Landes – Stichworte Bildung, Digitalisierung, Dieselgate – und den Zusammenhalt betreffen. Das interessiert wiederum Merkel nicht, ist aber nahe am Alltag der Wähler. Da kann Schulz beweisen, dass er ein Kandidat mit Führungsqualitäten ist, der das Land zukunftsfähig machen will. Außenpolitik bringt aus Kampagnensicht wenig.

ZEIT ONLINE: Schulz spricht in diesem Wahlkampf aber oft sehr bewusst über die Flüchtlingskrise oder seine harte Haltung zu Erdoğan.

Stauss: In der Außenpolitik ist Merkel die Königin, da trauen ihr die Bürger sehr viel zu. Sie vertrauen ihr vor allem, zwischen den Alphamännchen Putin, Erdoğan und Trump der ruhende Pol zu sein. Das Thema Flüchtlingskrise hilft der AfD, die Auseinandersetzungen mit Erdoğan und Trump nutzen am Ende eher Merkel. Die Leute wollen keinen harten Kurs, die wollen ihre Ruhe. Außenpolitisch ist Schulz vor allem stark, wenn es um den Zusammenhalt in Europa geht, nicht um das Trennende.