Am Tag nach dem Schock ist die Zeit für Parolen. "Für uns heißt es: jetzt erst recht", sagt der grüne Umweltminister Stefan Wenzel am Samstagmorgen. Und die SPD-Abgeordnete Gabriele Andretta sekundiert: "Die Stimmung ist kämpferisch. Wir blicken jetzt nach vorn." Ist das echte Zuversicht oder Zweckoptimismus? Das weiß man gerade nicht so genau in Niedersachsen.

Denn eigentlich ist alles in Hannover derzeit unklar. Der Rauch ist noch nicht verzogen nach diesen turbulenten Stunden, in denen die Grünen-Abgeordnete Elke Twesten bekanntgab, zur CDU zu wechseln, die rot-grüne Regierung damit ihre Einstimmenmehrheit verlor und Niedersachsen in eine Regierungskrise stürzte. Aber wer profitiert nun von dem vermeintlichen Coup der Union? Ist der Ministerpräsident Stephan Weil bereits am Ende, oder gibt ihm der Verrat gar neuen Auftrieb? Und was trieb Elke Twesten wirklich an?

Zumindest was sie angeht, setzen sich die Erzählungen und Erinnerungen allmählich zu einem Bild zusammen. Dem Bild einer isolierten Abgeordneten, die eine einsame Entscheidung traf.

Politisch stand sie mit ihren rechten Positionen stets am Rand der linken Landtagsfraktion. Sie war auf einem der hintersten Listenplätze eingezogen, keine wichtige Akteurin in der grünen Landespolitik. Und auch kulturell habe sie mit ihrer Partei stets gefremdelt, sagt einer, der sie gut kennt. Auf gemeinsamen Reisen der Landtagsfraktionen habe sich Twesten immer rasch an den Tisch mit den Unionsleuten gesetzt, erzählt man.

Fachpolitisch sei Twesten nicht sonderlich qualifiziert, habe in Sachfragen selten glänzen können. "Geltungssüchtig" ist ein Wort, das nun häufig fällt, wenn man mit Menschen spricht, die sie kennen. Dass es ihr bei ihrem Austritt wirklich um Inhalte ging, wie sie auf der Pressekonferenz mitteilte, scheint immer zweifelhafter. Während ihrer Zeit im Landtag arbeitete die Frauenpolitikerin insbesondere an einer Novellierung des Niedersächsischen Gleichstellungsgesetzes, es galt als ihr Herzensthema. In den nächsten Wochen sollte das Gesetz beschlossen werden. Dass sie mit ihrem Austritt ihr eigenes Projekt torpediert, nahm Twesten offenbar in Kauf. Die Kränkung schien schwerer zu wirken.

Dünne Mehrheiten sind hier Alltag

In der SPD murren nun die ersten über mangelnde Fraktionsdisziplin bei den Grünen. "Dass jemand so deutlich wegdriftet, muss man doch verhindern", heißt es aus Parteikreisen. Innerhalb der Grünen-Fraktion gelten die Fraktionschefin Anja Piel und der stellvertretende Ministerpräsident Stefan Wenzel jedoch weiter als unumstritten. "Eine Elke macht noch keinen Althusmann", hieß es. Man ziehe nun geschlossen in den Wahlkampf. Schließlich habe die Koalition, wie so oft in Niedersachsen, trotz hauchdünner Mehrheit fast geräuschlos zusammengearbeitet.

Tatsächlich sind die Niedersachsen knappe Mehrheiten gewohnt. Drei Ministerpräsidenten konnten erfolgreich mit nur einer Stimme Vorsprung regieren. Das Land ist geprägt von einer schroffen Polarisierung zwischen SPD und CDU, unklaren Machtverhältnissen – und einer daraus erwachsenen Tradition politischer Intrigen und Ränkespiele.

1970 erwarb sich der damalige CDU-Fraktionschef Bruno Brandes den Spitznamen "Greifvogel", als er reihenweise NPD-Abgeordnete in die Reihen der Unionsfraktion lotste, um mithilfe der Rechtsextremen die SPD-Regierung zu stürzen. Sechs Jahre darauf scheiterte völlig überraschend die Wahl des SPD-Ministerpräsidenten Helmut Kasimier im Landtag. Dem Regierungslager aus SPD und FDP fehlten Stimmen. Stattdessen wurde Ernst Albrecht (CDU) zum Ministerpräsidenten gewählt. Heute gilt es vielen als sicher, dass die Union damals Abgeordnete gekauft hat.

Wurde Twesten abgeworben?

Ein Gerücht, das auch heute wieder die Runde macht. "Das ist wie bei Watergate: Man muss nur der Spur des Geldes folgen", mutmaßt eine ehemalige Größe der niedersächsischen SPD. Insbesondere der gemeinsame Auftritt Twestens mit dem CDU-Fraktionschef Thümler sorgt bei den Genossen für Irritationen. "So was macht man einfach nicht. Das ist schlechter Stil. Und es spricht dafür, dass sie Twesten vorher ziemlich bearbeitet haben", heißt es aus Parteikreisen.

In der SPD gibt man sich nach dem ersten Schock nun sogar vorsichtig optimistisch. Eine rasche Neuwahl biete die Chance, jetzt zügig in den Wahlkampf zu kommen und schwelende Konflikte, etwa um den Dieselskandal und die Vergabe öffentlicher Aufträge, abzuräumen. Selbst Stephan Weils innerparteiliche Gegner stünden mittlerweile geschlossen hinter dem Ministerpräsidenten, er habe den Rückhalt des Landesvorstands und der Partei. "An Weil geht nichts vorbei", sagt ein führender Genosse.

Für die Sozialdemokraten spricht zudem der Startvorteil. Denn natürlich ist es komfortabler, aus der Regierung heraus plötzlich einen Wahlkampf bestreiten zu müssen. Der CDU-Kandidat Bernd Althusmann ist weitgehend unbekannt, als Herausforderer ein halbes Jahr vor dem eigentlichen Wahltermin noch nicht aufgebaut. Die Union muss nun binnen weniger Wochen eine Kampagne stricken, ein Team zusammenstellen, während die SPD mit einem bekannten und beliebten Ministerpräsidenten in den Wahlkampf ziehen kann. In Umfragen liegt Weil bei den Popularitätswerten 25 Prozentpunkte vor seinem Widersacher.

Althusmann ist zudem kein ganz unbefleckter Kandidat. 2011 geriet er, damals als niedersächsischer Kultusminister, in die Schlagzeilen. Wie die ZEIT enthüllte, war seine Doktorarbeit mindestens unwissenschaftlich zusammengestolpert, wenn nicht gar ein Plagiat. Am Ende durfte Althusmann seinen Doktortitel zwar behalten, doch die Universität Potsdam warf ihm Verstöße gegen die "gute wissenschaftliche Praxis" vor. Sein Ruf als Bildungspolitiker war ramponiert. Bei der Landtagswahl 2013 schaffte er es nicht ins Parlament. Stattdessen schickte ihn die Konrad-Adenauer-Stiftung nach Namibia.

Laufbahn von Twesten ist wohl zu Ende

Nun mag Althusmann zwar kein strahlender Herausforderer sein. Doch auch Stephan Weil ist angeschlagen. Seine Rolle als VW-Aufsichtsrat sorgt ständig für Diskussionen. Seit wann wusste der SPD-Politiker von den manipulierten Dieselmotoren? Tat er wirklich alles, um eine Aufklärung anzutreiben? Das Thema wird den Ministerpräsidenten wohl auch im Wahlkampf verfolgen. Zudem schwächt das Scheitern seiner Koalition auch den Regierungschef. Weil sie nicht in der Lage sei, stabile Mehrheiten zu bilden, wird die CDU im Wahlkampf rufen. Ob sich das mit Verweis auf den "Dolchstoß" Elke Twestens entkräften lassen wird?

In Niedersachsen ist nichts entschieden. Zumal die Grünen, die bei den letzten Landtagswahlen fast 14 Prozent holten, in diesem Jahr deutlich schlechter abschneiden dürften. Und weil der wahrscheinliche Einzug der AfD die Koalitionsbildung zusätzlich erschwert.

Für Elke Twesten werden diese Überlegungen keine Rolle mehr spielen. Die politische Laufbahn der Ex-Grünen dürfte seit Freitag beendet sein. Dass sie, wie sie auf der Pressekonferenz insinuierte, rasch ein Bundestags- oder Europamandat erhält, gilt als unwahrscheinlich. Auch Fraktionschef Thümler äußerte sich zurückhaltend, sicherte Twesten lediglich zu, dass sie sich "natürlich in der CDU politisch betätigen kann". Denn obgleich man gerade in der niedersächsischen Politik den Verrat schätzt, den Verräter schätzt man nicht. Das galt schon bei Caesar. Und nun wohl auch für Elke Twesten.