Als Elke Twesten vor die Kameras tritt, um ihren Wechsel zum politischen Gegner zu verkünden, wirkt es im Niedersächsischen Landtag so, als gehöre sie bereits zur CDU. Die Pressekonferenz findet in den christdemokratischen Fraktionsräumen statt, vor einer Wand mit CDU-Banner kündigt Fraktionschef Björn Thümler ihre Stellungnahme an. Dabei sitzt die seit heute abtrünnige Twesten formal immer noch für die Grünen im Landtag.

Twesten erklärt sich langsam und sichtlich nervös. Sie macht Pausen und schluckt, als ob sie beim Gedanken an das, was sie da tut, einen trockenen Mund bekommen würde. "Dieser Schritt fällt mir nicht leicht", sagt die 54-Jährige zu ihrem Austritt bei den Grünen. "Aber", sie verhaspelt sich kurz, "aber er ist notwendig." Sie sehe in der Partei, der sie seit 20 Jahren angehört, keine politische Zukunft.

Kurz zuvor war die überraschende Nachricht über die Ticker geeilt: Die Landtagsabgeordnete Twesten verlässt die Grünenfraktion, was Auswirkungen für das ganze Bundesland hat: Die rot-grüne Koalition, die seit 2013 in Niedersachsen regiert, verliert durch ihren Austritt ihre hauchdünne Mehrheit von einer Stimme im Parlament. Am Dienstag soll die Abgeordnete Twesten in der CDU-Fraktion aufgenommen werden. Damit hätten CDU und FDP künftig eine hauchdünne Mehrheit im Parlament.

"Stimmenkauf" durch die CDU?

SPD-Ministerpräsident Stephan Weil ist damit entmachtet. CDU und FDP könnten ihn mit einem konstruktiven Misstrauensvotum vom Regierungssessel stürzen. Das allerdings wird nicht mehr nötig sein: Noch am Nachmittag geht Weil in die Offensive und kündigt Neuwahlen an: "Ich stelle mich jederzeit sehr gerne dem Wählerwillen, aber ich werde einer Intrige nicht weichen", sagt der SPD-Politiker.

Niedersachsen steht Kopf – und das wegen einer von insgesamt 20 grünen Landtagsabgeordneten. "Ich bin keine Verräterin, ich fühle mich sehr gut", sagte Twesten dann noch auf Nachfrage.

SPD und Grüne sind entsetzt. "Was sie tut, ist eine Verfälschung des Wählerwillens und ein Verrat am rot-grünen Wahlsieg", sagt der politische Geschäftsführer der grünen Bundespartei, Michael Kellner, der Berliner Zeitung. Seit 2008 ist Twesten Landtagsabgeordnete, sie war über die Landesliste der Grünen ins Parlament eingezogen, also nicht über das Element einer Persönlichkeitswahl als Direktkandidatin.

Der Pressesprecher von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz twittert: "Nein, nicht alle Politiker sind so. Nur ganz wenige verraten um persönlicher Vorteile willen ihre Positionen, ihre Partei & ihre Wähler."

Doch es ist nicht nur die persönliche Ebene, SPD und Grüne wittern ein aktives Zutun des politischen Gegners: Vom "Stimmenkauf durch die CDU" sprechen niedersächsische Grüne. Auch der SPD-Fraktionschef im Bundestag, Thomas Oppermann, fordert, dass "die Hintergründe dieses undemokratischen Manövers geklärt werden." Er wolle wissen, ob es "weitergehende Zusagen der CDU-Niedersachsen gegeben hat". 

"Eine tickende Zeitbombe"

Denn die Abgeordnete Twesten sagte am Freitag bemerkenswert ehrlich, dass auch ihre ungewisse Zukunft als Grünenabgeordnete ausschlaggebend für den Wechsel war. Eigentlich sollte im Frühjahr 2018 ein neuer Landtag in Niedersachsen gewählt werden. Twestens Chancen, noch mal einzuziehen, waren zuletzt äußerst gering.

Eine Kampfabstimmung um die Direktkandidatur in ihrem Wahlkreis Rotenburg (Wümme) hatte Twesten verloren. Auch wurden ihr in der Partei keine großen Chancen auf einen aussichtsreichen Listenplatz zugesagt. Die Liste zur Landtagswahl soll am kommenden Wochenende (11. bis 13. August) in Göttingen aufgestellt werden.

Bei den Grünen wäre es für Twesten karrieretechnisch wohl eher nicht weitergegangen. "Wir fragen uns allerdings, was die CDU ihr versprochen hat", sagen Parteikollegen nun in Niedersachsen. Die CDU hat ihre Landesliste zur Landtagswahl bereits geschlossen, auch die CDU-Kandidaten zur Bundestagswahl stehen bereits fest und sind mitten im Wahlkampf. Twesten sagte am Freitag, sie könne sich eine Kandidatur für das Europaparlament vorstellen. Das wird turnusgemäß aber erst 2019 gewählt.

Warum also jetzt dieser fundamentale Bruch mit den Grünen?

Ihr zuletzt sehr schwieriges Verhältnis zur grünen Partei in Niedersachsen hatte Twesten im Juni  in einem Interview mit der Kreiszeitungmit ihrer "zielgerichteten Selbstständigkeit" erklärt: "Der persönliche Einsatz in vielen Gremien, in den Wahlkämpfen – das alles war einigen wohl irgendwann 'unheimlich' und nicht mehr 'grün' genug." Twesten stellte es so dar, dass sie den Grünen zu fleißig und ambitioniert gewesen sei: "Dass jemand tatsächlich ohne Hintergedanken so viel Engagement und Energie in die politische Arbeit steckt, scheint für einige Menschen nur schwer vorstellbar zu sein", sagte sie in dem Interview.