Es ist halb acht Uhr abends in Berlin, als Maher Khwis noch einmal versucht, seine Frau zu erreichen. Früher saßen sie um diese Zeit in Damaskus beim Abendessen zusammen mit ihren beiden Kindern, zwölf und zehn Jahre alt. Das letzte gemeinsame Essen liegt fast zwei Jahre zurück, seither bleibt ihnen nur das Telefon, um miteinander zu reden. Wenn die Verbindung gut ist, können sie sich über Video sehen.

Heute ist kein guter Tag, das ahnt Khwis schon. Seine Frau Amal hat ihm eine Nachricht geschickt, dass der Strom wieder ausgefallen sei in Suweida. Die Stadt liegt ganz im Süden Syriens, wo sie jetzt mit den Kindern wohnt. In Damaskus waren dreimal Geheimdienstleute des syrischen Regimes in ihre Wohnung gekommen und hatten sie ausgefragt, wo sich ihr Mann aufhalte. Er ist als oppositioneller Verleger bekannt. Aus Angst um sich und die Kinder ging sie nach Suweida. Dort lebt die Familie ihres Mannes und sie fühlt sich sicherer vor dem Geheimdienst.

Aber auch hier bestimmt der Krieg ihren Alltag. Kürzlich explodierte auf einer der Hauptstraßen eine Bombe. Vor einigen Tagen sind wieder ein paar Bewohner von radikalen Islamisten gekidnappt worden. Kidnapping ist ein beliebtes Mittel der Kriegsparteien geworden, um Druck auf den Gegner auszuüben oder Lösegeld zu erpressen. 

Nun geht der Strom mal wieder nicht. Khwis, 45 Jahre alt, sitzt auf seinem Sofa in Berlin, den Rücken gekrümmt und nimmt einen tiefen Zug aus seiner E-Zigarette. Dann drückt er nochmal die Wähltaste. Das Gesicht seiner Frau erscheint auf dem Display des Handys.

Parteifreunde verschwanden

Amal Fares bittet darum, ihren richtigen Namen aus Angst vor dem syrischen Geheimdienst nicht zu nennen. Sie trägt ein türkisfarbenes, ärmelloses T-Shirt. Die 39-Jährige sieht blass und müde aus, ihre hellbraunen Haare hat sie zu einem Zopf streng nach hinten gekämmt. "Guten Abend, mein Schatz", kann sie noch sagen, dann bricht die Verbindung ab. Das WLAN funktioniert nicht ohne Strom und der Handyempfang ist zu schlecht für den Internetanruf.

Khwis lässt sich ins Sofa zurückfallen und fährt sich mit den Händen über das Gesicht, als könne er die Enttäuschung und seine Müdigkeit damit wegwischen. Khwis besaß in Damaskus den kleinen Verlag Khatawat, zu Deutsch Schritte. Dort publizierte er politische und philosophische Bücher, seine Frau half ihm dabei. Khwis war außerdem politisch aktiv im Nationalen Koordinationskomitee für demokratischen Wandel (NCC). Hier hatten sich linksgerichtete Oppositionsparteien zusammengeschlossen, die von Anfang an für eine friedliche Lösung des Syrienkonflikts eintraten.

Viele seiner Parteifreunde wurden vom Assad-Regime verhaftet, zwei Parteivorstände verschwanden im September 2012 spurlos, nachdem sie am Flughafen von Damaskus vom Militärgeheimdienst aufgegriffen worden waren. Wie bei Tausenden anderen Verschwundenen in Syrien weiß niemand, ob sie noch leben. Andere Freunde von Khwis wurden inhaftiert und gefoltert.

Khwis tauchte deshalb zunächst unter und nutzte dann eine Einladung zur Frankfurter Buchmesse im Oktober 2015, um in Deutschland politisches Asyl zu beantragen. Er wurde innerhalb von zwei Monaten als politisch Verfolgter anerkannt und hat damit das Recht, seine Familie aus dem Krieg nach Deutschland zu holen. Als er und seine Frau wenige Wochen später den Onlineantrag für den Familiennachzug ausfüllten, ahnten sie nicht, was auf sie zukommen würde. Die Botschaft warnt in einer automatischen Antwort, dass die Visaverfahren bis zu drei Monaten dauern können. Im ihrem Fall werden es 14 Monate sein.

Familiennachzug – ein Schlagwort, das in Deutschland Ängste hervorruft. Manch einer befürchtet, eine Masse an Angehörigen würde den vielen Flüchtlingen folgen, die 2015 und 2016 nach Deutschland gekommen sind. Den Familiennachzug können aber nur Ehepartner, minderjährige Kinder eines Schutzberechtigten oder die Eltern eines minderjährigen Flüchtlings beantragen. Im Jahr 2017 erhielten im ersten Quartal 32.500 Verwandte von anerkannten Flüchtlingen ein Visum im Rahmen des Familiennachzugs, darunter 14.500 Angehörige von Syrern.