"Wow! Die Züge fahren oben, Fußgänger laufen darunter durch. Das liebe ich an Deutschland. Man kann hier unter einer Zugbrücke durchgehen und sich sicher sein, dass sie nicht einstürzt", sagt Goodluck. Mit Kenneth und Theo (niemand von ihnen will seinen vollständigen Namen in der Zeitung lesen) ist er gerade auf dem Weg zu einem Ingolstädter MediaMarkt. Die drei Jungs sind Nigerianer, vor wenigen Wochen haben sie Asyl in Deutschland beantragt.

Die Unterkunft, in der Goodluck und seine Freunde leben, ist die Max-Immelmann-Kaserne. Früher gehörte das Gelände der Bundeswehr, der Zaun war mit Drähten der Nato umwickelt. Heute erinnert vor allem noch ein altes Schild mit dem Warnhinweis "Fotografieverbot!" an die Zeit. Darunter sind strafrechtliche Folgen gelistet, die beim Verstoß drohen.

Nachdem die Westbalkanstaaten zu sicheren Herkunftsstaaten erklärt worden sind, wurden ab 2015 in der Immelmann-Kaserne Asylsuchende aus dem Westbalkan untergebracht. Die sind inzwischen fast alle weg, künftig sollen dort deshalb andere Asylbewerber mit geringer Bleibeperspektive aufgenommen werden. So hat das der Freistaat Bayern vorgesehen. Die Heime werden zu Transitzentren umfunktioniert, beispielsweise für Menschen aus Nigeria und Afghanistan. Bis September sollen noch drei errichtet werden. Andere Bundesländer prüfen zurzeit, ob sie das Modell kopieren können und Asylsuchende aus Ländern mit geringer Bleibeperspektive gesondert behandeln wollen.

Der Bayerische Flüchtlingsrat kritisiert den Aufbau eines zweigeteilten Aufnahmesystems für Menschen mit hoher Bleibeperspektive auf der einen und für Menschen mit geringer Bleibeperspektive auf der anderen Seite. Die Möglichkeit, Schutz in Deutschland zu erhalten, könnte damit vom Herkunftsland der Flüchtlinge abhängig gemacht werden. Denn wer in einem Transitzentrum wohnt, kann sich nur schlecht auf Anhörungen während des Asylverfahrens vorbereiten. Der Flüchtlingsrat spricht bereits von einer "Abschiebbarkeit", die hergestellt worden sei.

Dabei hofft der von der deutschen Ingenieurskunst so entzückte Goodluck nach wie vor, den Rest seines Lebens in Deutschland bleiben zu können. In einer nördlichen Provinz Nigerias arbeitete der 27-Jährige als Grundschullehrer. "Nigeria ist ein gutes Land", sagt er. "Meine Frau und ich konnten von unserem Einkommen leben. Der Staat hat uns nie wirklich Probleme gemacht, Boko Haram war weit weg von unserer Heimat." Dennoch zog es die beiden nach Italien, wo sie zwei Jahre lang lebten. Die anderthalbjährige Tochter Julia ist dort geboren worden. Vor einem Monat beantragte Goodluck Asyl in Deutschland. Warum? "Von Zeit zu Zeit muss man eben den Ort ändern, an dem man lebt", begründet er seine "Flucht". Er liebe eben die deutsche Freundlichkeit und deutsche Eisenbahnbrücken. Für das Bedürfnis, ab und zu den Ort zu wechseln, nahm Goodluck große Risiken auf sich. Nicht alle Passagiere auf dem Flüchtlingsboot, das seine Frau und ihn aus Libyen nach Italien brachte, hätten die Überfahrt überlebt. 15 Menschen seien im Meer ertrunken, erzählt er.

Der Vater tot, die Mutter schwulenfeindlich

Theo ist seit drei Wochen in Deutschland. Er ist gerade mit Kenneth und Goodluck auf dem Weg ins Stadtzentrum, er sucht nach einem schwulen Szenetreff. Auch der 19-Jährige erzählt, ihm sei es in Nigeria nicht schlecht gegangen, zumindest wirtschaftlich. Theo erzählt von seiner Ausbildung in einer Fabrik, die Wandfarben produzierte. Sein Vater sei früh gestorben, seine streng katholische Mutter habe den Kontakt zu ihm abgebrochen, nachdem er ihr gesagt habe, dass er schwul ist. Im christlich dominierten Teil Nigerias, aus dem auch Theo kommt, kann homosexuelle Liebe mit Haftstrafen von bis zu 14 Jahren bestraft werden.

Theo bezahlte den Schleuser, der ihn durch die Wüste im Niger und in Libyen brachte, mit seinen Ersparnissen. In der libyschen Hauptstadt Tripolis lebte er für knapp drei Monate. Ein Viertel der Miete, die er für sein Zimmer zahlen musste, erarbeitete sich Theo, indem er teure Villen vom Baudreck reinigte. "Ich hatte Glück. Ich weiß von vielen Leuten, die gar nicht bezahlt wurden. Araber können in dem Land sowieso alles mit uns Schwarzen machen. Niemanden interessiert es, wenn wir dort einfach umgebracht werden."