Die CDU kümmert sich dieser Tage um die wirklich großen Probleme unserer Gesellschaft. Ah, endlich ein Einwanderungsgesetz, könnte man jetzt denken. Leider falsch. Also Digitalisierung? Oder die Zukunft unserer Sozialsysteme? Alles falsch. Nein, es geht um den englisch sprechenden Restaurant-Hipster. Um junge Menschen aus aller Welt, die in deutschen Großstädten angeblich nur unter sich bleiben und sich dann noch auf Englisch verständigen. Unser Land, unsere Restaurants, unsere Sprache? Echt? Come on, lieber Jens!

In den sozialen Medien gab es für diesen Debattenvorstoß viel Spott. Aber gerade weil ich Jens Spahn persönlich gut kenne und schätze, lohnt sich eine ernsthafte Erwiderung.

In der Neuen Osnabrücker Zeitung hat er seine Kritik mit einem Plädoyer für "kulturelle Sicherheit" verbunden: "Es geht darum, den Wandel so zu verlangsamen und zu gestalten, dass er erträglich wird." Der Wandel, das Neue nicht als Chance, sondern als Bedrohung, die man bestenfalls "erträglich" machen kann. Chapeau, eine Lehrbuchdefinition konservativen Denkens. Ich könnte nicht unterschiedlicher empfinden, aber deshalb sind wir ja auch in unterschiedlichen Parteien. Dennoch halte ich es auch für Konservative für fatal, ausgerechnet die Weltsprache Englisch zum Gegenstand des kulturpessimistischen Unbehagens zu machen. Warum?

Erstens: Amsterdam, Kopenhagen, London oder Mailand – für viele Menschen unserer Generation sind das nicht bloß Urlaubsziele, sondern Lebenslaufstationen. Erasmus und Schengen sei Dank. Sehr viele Unternehmen haben heute Standorte auch in anderen Ländern. Und nicht nur in der Start-up-Szene in Berlin, im Rheinland oder in München arbeiten viele qualifizierte junge Menschen aus diversen Ländern dieser Welt in einem Team zusammen. Wenn diese sich in der Mittagspause oder im Meeting auf Englisch unterhalten, weil so alle sofort miteinander kommunizieren können, dann ist das keine "provinzielle Selbstverzwergung" – sondern gelebte Internationalität. Und wenn es in manchen Restaurants in unseren Metropolen auch mal englischsprachige Kellner gibt – dann eben, weil die Nachfrage dort entsprechend ist.

Zweitens: Fließendes Englisch ersetzt eben nicht die eigene Sprache, sondern es ergänzt sie bei immer mehr Menschen – zum Glück. Das Gegenteil zu fordern wäre in einer Exportnation wie Deutschland geradezu absurd. Zumal unsere Nachbarn in Skandinavien, den Niederlanden oder auch im Baltikum seit Jahren viel weiter sind – ohne dass dort irgendjemand die eigene Kultur nivelliert sähe oder gar die eigene Sprache weniger genutzt werden würde. Wie sollte die vieldiskutierte europäische Öffentlichkeit jemals entstehen, ohne eine Lingua franca? Und was sollte das anderes sein als die Weltsprache Englisch, wie schon Bundespräsident Gauck zu Recht bemerkte? Die Englischkenntnisse der Deutschen rangieren zudem immer noch hinter denen genannter Nationen. Das weiter zu verbessern ist eine wichtige bildungspolitische Aufgabe. Es ist auch vorbildlich, wenn Städte wie Düsseldorf Englisch als zweite Sprache in jenen Teilen der Verwaltung einführen, die im Erstkontakt mit ausländischen Fachkräften stehen, um anfängliche Sprachbarrieren zu überwinden. Dass wir angesichts des Fachkräftebedarfs überlegen, wie wir die Attraktivität unseres Standortes für hochqualifizierte internationale Talente weiter steigern, liegt übrigens gerade auch im Interesse unserer hochinnovativen Weltmarktführer im ganzen Land.

Eben keine kulturelle Uniformität

Drittens: "Junge Leute aus aller Welt, die unter sich bleiben" – das ist kein Phänomen der Abschottung, sondern ein Oxymoron. Und auch zu Globalisierungskritik  ("Clubs, wo die gleiche Musik gespielt und Cafés, die exakt so eingerichtet sind wie anderswo") besteht kein Anlass. Starbucks bedroht unsere Identität nicht und auch nach der flächendeckenden Ankunft von McDonalds lief der deutsche Literaturbetrieb genauso weiter wie die Brauchtumspflege im Sauerland. Ja, in Berlin bekommt man immer häufiger die Lissabonner Spezialität Nata, aber ebenso findet man in immer mehr europäischen Städten Anklänge an den aktuellen Berliner Stil. Selbst in Chengdu mitten im chinesischen Hinterland habe ich in Clubs schon die deutsche Band Mia gehört – auf Deutsch. Das alles ist ein Mehr an vielfältigen Einflüssen und eben keine kulturelle Uniformität. Wegen der jeweiligen Einzigartigkeit reisen so viele Menschen an unterschiedliche Orte, nicht um sich dort auf Englisch zu unterhalten.

Viertens: Bei der Einwanderungspolitik gäbe es für die Regierung noch viel zu tun – klare Regeln inklusive Punktesystem; verständliche Trennung zwischen vorübergehendem humanitären Schutz, Asyl und Einwanderung; Deutsch-Sprachtests flächendeckend bereits in Kitas; ausnahmslose Durchsetzung des Rechts. Aber diese echten Fragen der Integrationspolitik haben doch mit dem Verhalten junger Europäer in Großstädten nichts zu tun. Statt also Nebelkerzen zu werfen, sollte auch die CDU sich lieber mit den eigentlichen Herausforderungen beschäftigen.

Ich bekenne: Auch ich habe in Berliner Restaurants schon ganze Abende mit Freunden und Bekannten nur Englisch gesprochen. Aus Höflichkeit, weil es mindestens einen in der Gruppe gab, der noch nicht gut genug deutsch sprach, um der Diskussion zu folgen. In allen Restaurants konnte man übrigens auch auf Deutsch bestellen. Sollte es tatsächlich Einzelfälle geben, wo sich auch Deutsche in Deutschland in Restaurants lieber nur auf Englisch unterhalten, empfehle ich entspanntes Achselzucken – oder den jeweiligen Laden einfach nicht mehr aufzusuchen. Seltsames findet man nicht nur in Berlin-Mitte, sondern auch in der deutschen Provinz oder auf Deutschlandtagen der Jungen Union.

Jeder nach seiner Fasson. Diese Gelassenheit kann sich das moderne Deutschland leisten. Denn Weltoffenheit ist keine Bedrohung – sondern eine Chance.