Die größte Enttäuschung kommt für Evi und ihren Mann nach etwa einer Stunde. Als Karl-Theodor zu Guttenberg beiläufig sagt, er werde den Abend der Bundestagswahl an einem Vormittag erleben – wegen der Zeitverschiebung in seiner neuen Heimat an der Ostküste der USA. "Na ein bisschen hatten wir es schon gehofft, dass er die Bundestagswahl in Berlin mitmacht", sagt die Rentnerin.

Sechs Jahre ist es jetzt her, dass zu Guttenberg – in dem viele damals nicht nur den künftigen CSU-Chef sondern wohlmöglich sogar einen künftigen Kanzlerkandidaten sahen – zurücktreten musste, weil seine Doktorarbeit zu großen Teilen nicht von ihm stammte. Seither ist er ein Mann ohne jedes politische Amt, ja sogar einer, der nach eigenem Bekunden auch keines mehr anstrebt. Was natürlich umso mehr die Frage aufwirft, warum er an einem Mittwochabend in einer bayerischen Provinzstadt dennoch mehrere Tausend Menschen mobilisieren kann. Schon Stunden vor dem offiziellen Einlass herrscht am Eingang der Kulmbacher Stadthalle in Guttenbergs ehemaligem Heimatwahlkreis großes Gedränge, alle wollen die erste von insgesamt sieben Wahlkampfreden des einstigen CSU-Hoffnungsträgers hören.

Und, außer mit der Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr in die Bundespolitik, enttäuscht KT, wie ihn hier alle nennen, niemanden. Nachdem Guttenberg sich minutenlang durch die jubelnde Halle geschoben hat, federt er gut gelaunt auf die Bühne, genießt seinen Applaus und legt los. KT trägt ein dunkelblaues Jackett, hat den obersten Hemdknopf offen gelassen und spricht frei, ohne Notizen: "Ich turne hier herum und nicht am Rednerpult, weil ich sonst Gefahr liefe, eine abgeschriebene Rede vorzulesen." Guttenberg, Entertainer und Selbstdarsteller, hat in Amerika nichts verlernt. Rente und Sozialpolitik werde er in seiner Rede aussparen, davon verstehe er nach seinen Jahren im Ausland nichts mehr. "Manche werden sagen, davon hat er ja noch nie was verstanden", schiebt er hinterher. 

Bundestagswahlkampf - Guttenberg spricht sich für gutes Verhältnis zu USA aus Nach der Plagiatsaffäre und seinem Rücktritt hat der ehemalige Bundesverteidigungsminister mehrere Jahre in den USA verbracht. Bei einer CSU-Veranstaltung in Kulmbach hatte er einen Rat im Gepäck. © Foto: Sven Hoppe / dpa

Weltdeutung mit Kalauern

Damit ist der Ton gesetzt. Die Neigung, Politik mit einem Touch von Theater zu verbinden – in diesem Fall Kabarett – hat der Baron konserviert. Zum Beispiel wenn er erzählt, wie US-Präsident Trump eine Glühbirne eindrehe: "Er steigt auf einen Stuhl und wartet, dass sich die Welt um ihn dreht." Dass mit Mike "Mickey" Pence und Donald Trump mal zwei Disney-Figuren im Weißen Haus säßen, habe sich wohl nicht mal deren Schöpfer träumen lassen. Guttenberg zieht über Politiker her, Kim Jon Il nennt er einen "Dickmops mit lustigem Haarschnitt". Sigmar Gabriel mache gerade eine "Verschlankung" durch, er hoffe, der Außenminister fange nicht auch noch an mit Marathonläufen und ende wie Joschka Fischer als "Dörrzwetschge".

Zwischen seinen Kalauern nimmt Guttenberg sein Publikum mit auf eine Reise durch die Welt: "Wir hatten den Brexit, eine interessante Wahl in den USA, eine besorgniserregende Krise mit und um Nordkorea, der Nahe Osten steht noch immer in Flammen, Venezuela droht zu zerbröseln."

Weltgewandt, selbstironisch, angriffslustig, immer ein bisschen über den Dingen schwebend – aber im richtigen Moment auf Stammtischniveau: Guttenberg bringt sich in Stellung, das merken auch seine Zuschauer. Offen ist nur wofür. Und für wann. Denn dass er direkt nach der Bundestagswahl ein Amt übernimmt, gilt als unrealistisch.

Seehofers Agenda

Aber da ist ja noch die Landtagswahl in Bayern im nächsten Herbst – wobei München eigentlich eine Nummer zu klein für den Weltmann ist. Trotzdem ließ Horst Seehofer, CSU-Chef und Ministerpräsident, bereits durchblicken, dass er seine beiden Posten lieber dem jungen Baron als seinem Dauerwidersacher Markus Söder übergeben würde.

Fast egal, welches von beiden Ämtern Guttenberg übernehmen würde: Als Franke hätte er damit das andere Amt für den zweiten Franken Söder blockiert. So will es der Regionalproporz der Christsozialen. Seit Monaten wird Seehofers Werben und Drängen lauter. So hat er Guttenberg ins außenpolitische Beratergremium der CSU geholt und will ihn langsam wieder in die Politik integrieren und die Partei an seine Anwesenheit gewöhnen.

Dass sich der so Umworbene noch ziert, ist sicher ein bisschen Koketterie, Verkaufsstrategie – und eigene Ratlosigkeit in einem. Denn natürlich passt eine mögliche Rückkehr nicht jedem. Die Stimmen, die Guttenberg für einen eitlen Geck ohne Format halten, gibt es auch in der CSU. Sie mögen zur Zeit verstummt sein, aber verschwunden sind sie nicht.

Guttenberg und die Gassenhauer

In der Kulmbacher Stadthalle fühlt es sich zumindest für einige Zuschauer schon wieder so an, als wäre er nie weg gewesen. Sie hängen an seinen Lippen, wenn er raunt, mit Europa stehe es nicht zum Besten. Oder wenn er den Geostrategen gibt, von Chinas neuer Seidenstraße, dem Hafen in Piräus und dem fernöstlichen Technologiehunger spricht. Applaus bekommt er, als er über die deutsche Flüchtlingspolitik im Sommer 2015 redet. Das habe ihn "sehr stolz" gemacht, wie Freiwillige besonders in Bayern mit angepackt hätten. Die Kanzlerin lobt er ausdrücklich. Sie habe zwar Fehler gemacht, diese mit Hilfe der CSU aber korrigiert.

Warum Banales bei Guttenberg aufregend klingt

Richtig laut wird es in der Halle aber besonders dann, wenn er sich als Meister der Verkürzung zeigt. Gegenüber der Türkei müsse man Härte zeigen: "Die Verhandlungen zur Zollunion mit der Türkei auf Eis legen und zwar komplett!" Nach den G20-Krawallen gelte in Hamburg offensichtlich, Täterschutz gehe vor Opferschutz. Und klar sei für ihn: "Ein Christkindlmarkt ist kein Winterfest, ein Sankt-Martins-Umzug ist kein Lichterfest." Burka und Niqab hätten in Deutschland nichts verloren. Den christsozialen Evergreen, die Leitkulturdebatte, befürwortet er. Das könnte man alles so auf CSU-Wahlplakate drucken lassen.

Dass solche mitteltiefen Weltanalysen in einer durchschnittlichen Wahlkampfrede an der CSU-Basis so bejubelt werden, zeigt auch, wie sehr die letzten Jahre an die Substanz der Partei gegangen sind. Der Dauerstreit mit der CDU, genau wie der Phantomschmerz, in Berlin kein wichtiges Ministerium mehr zu besetzen. Die neue Konkurrenz von rechts, der mögliche Verlust der absoluten Mehrheit in Bayern und obendrein das Gerangel um die Seehofer-Nachfolge.

"Ich stehe hier als engagierter Bürger, der ich bin, und der vielleicht auch nur ganz banale Sachen zu sagen hat", sagt der Heimkehrer. Seinem Status als Hoffnungsträger tut dies keinen Abbruch.

Durch seine mehrjährige Politikabstinenz genießt Guttenberg die Vorteile eines Neulings, der nicht durch Grabenkämpfen und Nickligkeiten ausgezehrt ist. Er wirkt erfrischend. Was bei Seehofer, Söder oder Joachim Herrmann wie ein Rückfall hinter alte Positionen oder eine verbale Verrenkung daherkäme, klingt bei ihm neu und aufregend, egal wie schlicht es eigentlich ist. Der weitere politische Weg des Karl-Theodor zu Guttenberg, der vor sechs Jahren beendet schien, ist wieder offen.