Im Garten des AWO-Mehrgenerationenhauses Jena-Lobeda haben sie sich am Nachmittag versammelt, um den hohen Gast aus Berlin zu begrüßen. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz ist auf Sommerreise im Osten. Logisch, dass er bei einem Herzensprojekt seiner Partei vorbeischaut: Alte und ganz junge Menschen leben hier zusammen und werden hier gemeinsam betreut. Das findet Schulz super, wie er sagt. Sei ja auch eine Idee der Genossen gewesen.

Die Rahmenbedingungen stimmen: Die Sonne scheint, ein herrlicher Sommertag, auf dem Kaffeetisch im Garten sind Kuchenstücke verteilt. An einem Tisch löchern Seniorinnen und Senioren den Kanzlerkandidaten mit Fragen. Was tun gegen die Schere zwischen Arm und Reich? Leidet jetzt der Dieselfahrer unter dem VW-Abgasskandal? Wann kommt endlich die Vermögenssteuer? Schulz antwortet, zwinkert, gestikuliert – er erntet zustimmendes Nicken.

Am Nebentisch sitzen allerdings weniger gut gelaunte Bewohnerinnen des Hauses. Sie haben die Arme vor dem Körper verschränkt, wollen mit dem Gespräch sichtlich nichts zu tun haben. Grund sei ein Schreiben der Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Betreiberin des Hauses, sagen sie – es liegt vor ihnen. Darin wird Schulz' Kommen angekündigt: "Bei dem Besuch soll es vor allem um die Themen des Zusammenlebens der Generationen, Familie, Pflege und Alter/Rente gehen", steht dort geschrieben. Und weiter: "Wir bitten Sie darum, 'Flüchtlinge/Migration' nicht zu thematisieren, da bei diesem Besuch die anderen genannten Themen im Fokus stehen sollen." Kein Frageverbot, aber doch ein Grund zur Aufregung. Als Schulz davon erfährt, setzt er sich an den Nebentisch "Ich weiß nicht, warum die AWO diesen Zettel geschrieben hat", sagt er. "Aber wenn Sie wollen, können wir über alles reden."

Die Damen schweigen, stellen keine Fragen, nur ein älterer Mann kommt dazu, will wissen, ob Schulz angesichts der niedrigen Umfragewerte noch Hoffnung für die Bundestagswahl hat. Nach ein paar Minuten steht Schulz auf. "Meine Damen", sagt er, "also es tut mir leid, ich kenne den Zettel nicht, ich hätte mich mit Ihnen über alles unterhalten, ich hätte sogar ein Stück Streuselkuchen gegessen." Doch die angesprochenen Damen wollen nicht mehr reden, auch auf Nachfrage nicht. 

Vor den Kameras bemüht sich der Jenaer Awo-Chef Frank Albrecht um Schadensbegrenzung. Oder macht er nur alles schlimmer? "Wir haben in Berlin nachgefragt, weil wir bei Schulz’ Besuch gerne auch über unsere Integrationsprojekte für Flüchtlinge gesprochen hätten", sagt Albrecht. Aber die SPD-Zentrale habe auf den knappen Zeitplan des Kanzlerkandidaten verwiesen. Lieber wolle man sich auf das Thema Mehrgenerationenhaus konzentrieren, bitte keine Erfolge in der Flüchtlingspolitik.

Warum die örtliche AWO-Sozialarbeiterin einen Zettel an die Bewohner verfasste, weiß Albrecht nicht. Aber er gehe nicht von einem Maulkorb aus:  Die AWO sei in der Flüchtlingspolitik oft einer Meinung mit der SPD. Sicher sei das nur ein Zeitproblem, sagt Albrecht, "und schauen Sie mal, der arme Herr Schulz, der hat einfach keine Zeit, er ist ja jetzt schon eine halbe Stunde zu spät dran."

Schulz äußert sich später "empört"

Schulz lässt später mitteilen, er sei "empört" über das Papier der AWO. "Es ist selbstverständlich, dass die Bewohner mit Martin Schulz über alles sprechen können", sagt ein Sprecher.

Der Ortsbürgermeister von Jena-Lobeda, Volker Blumentritt, der zur Feier des Tages ebenfalls anwesend ist, sagt, sie hätten im Ort 200 Flüchtlinge aufgenommen. Allerdings seien nicht alle älteren Menschen ihnen gegenüber wohlgesonnen, wie man im Garten der Begegnungsstätte auch merke. Manche hätten Angst vor Kriminalität, seien leicht empfänglich für Angstmache. Im Ort, sagt Blumentritt, gäbe es aber "keine besonderen Vorkommnisse."