In der sachsen-anhaltischen Provinz, beim Kleingartenverein Am Pfarrberg, erlaubt sich Martin Schulz ein offenes Wort. Der Grill läuft, rund 50 Genossen und andere Gärtner sitzen an diesem lauen Sommerabend auf Bierbänken und Plastikstühlen. Sie lauschen dem SPD-Kanzlerkandidaten, der über das Ehrenamt als gesellschaftliche Stütze spricht und darüber, dass er als Kanzler in marode Schulen investieren will. "Jut", sagt er schließlich im rheinischen Akzent zum großen Vorsprung der CDU in diesem Wahlkampf: "Ich lese auch die Umfragen und sage 'Scheiße'."

Sechs Wochen vor der Bundestagswahl wahlkämpft Schulz sich allein durch Deutschland. Die Kanzlerin ist noch im Urlaub. Die vielen Programmideen der SPD haben es nicht geschafft, die Union aus der Reserve zu locken. Schulz gilt einigen schon als Verlierer. Schon vor dem ersten Wahlkampfauftritt Merkels scheint eine schwarz-gelbe oder schwarz-grüne Mehrheit nach dem 24. September möglich. Und die SPD? Die muss sich rechtfertigen für ihr Dauertief und den Ministerpräsidenten in Niedersachsen.

Allet scheiße also? Einerseits. Andererseits würde das rheinländische Gemüt von Schulz das nie so global gelten lassen. Drei Tage ist er in dieser Woche im Osten Deutschlands unterwegs, überall ist ein Kameratross schon da. Geduldig beantwortet der SPD-Kanzlerkandidat die immer gleichen Fragen. "Ich spüre keine Wechselstimmung. Spüren Sie sie?", fragt ihn nahe dem sächsischen Freiberg ein schwedischer Journalist. 

Zwischen Niederlage und Vergnügen

Schulz’ Augen blitzen auf. Die Dieselaffäre zeige doch, dass "Deutschland an morgen denken muss", dass Stagnation das Land und die Industrie nicht zukunftsfähig mache. In Potsdam will eine Journalistin wissen, ob er noch vom Wahlsieg überzeugt sei. "Der 24. September wird für mich ein guter Tag sein", antwortet Schulz, "wenn ich das nicht aus tiefer Überzeugung glauben würde, dann würde ich nicht in den Wahlkampf ziehen".

Er hat noch nicht aufgegeben, natürlich nicht. Aber der Wahlkampf zehrt. Schulz' Laune schwankt, die Qualität seiner Auftritte auch. Nicht immer kann er auf seinen Terminen so freundlich sein, wie er es gerne wäre. Andererseits hat er sich ja auch mehr Authentizität verordnet. Er habe gelernt, sagte Schulz unlängst in einem Interview: "Dass ich nur dann gut bin, wenn ich ganz bei mir selbst bin." Schulz ist ein impulsiver Mensch mit lockerem Mundwerk, einer, der in privater Runde Kraftausdrücke nicht meidet, meist versehen mit einem fröhlichen Augenrollen. Jetzt also auch beim Grillabend in Landsberg. "Scheiße" muss man noch sagen dürfen, es ist ja auch nur ehrlich. Mit all dem Risiko, das das mit sich bringt.

Manchmal wirkt es nämlich so, als habe er die Niederlage schon eingepreist. Auch wenn er die Bundestagswahl verliere, wolle er SPD-Chef bleiben, sagte Schulz diese Woche auf einer Veranstaltung, auf der Bürger dem Kanzlerkandidaten Fragen stellen konnten. Eigentlich halten sich Spitzenkandidaten solche Entscheidungen offen. Wer weiß, wie schlimm die Niederlage wird. Wer weiß, welche Konkurrenzkämpfe sie in der Partei freilegen mit Blick auf die Zeit danach. Doch Schulz hat sich schon mal öffentlich entschieden. Ein bisschen könnte das auch die Angst davor sein, am Wahlabend beiseite geschoben zu werden.

Er stellt Nähe her

Das ist die eine Seite. Doch es gibt ihn auch, den Schulz, der diebisches Vergnügen am Wahlkampf erkennen lässt. In Halsbrücke, nahe dem sächsischen Freiberg, besucht er ein Bildungszentrum für Auszubildende. Ein Termin nach seinem Geschmack. Er fingert an Maschinen herum, fragt die schüchternen Lehrlinge, ob sie schon ein Übernahmeangebot von ihrer Firma hätten. Er macht alle Anwesenden glücklich: "Ich freue mich über die moralische Unterstützung. Ich hatte nicht das Gefühl, dass staatliche Institutionen sich für den ländlichen Raum interessieren", sagt der Geschäftsführer der Einrichtung. Ein Ausbilder beklagt sich über Fachkräftemangel auf dem sächsischen Land: "Wir kriegen die Leute nicht mehr, weil das Thema Berufsausbildung schlechtgeredet wurde", sagt er. "Aber Facharbeiter kommen nicht von der Universität."

Schulz nickt ernst. Auch er werde ja gelegentlich angegriffen von den Journalisten, weil er kein Abitur habe, antwortet er. Später, im Pressestatement vor dem Ausbildungswerk, fordert er mehr Respekt für die duale Berufsausbildung.

Schulz stellt Nähe her. Das kann er besser als sein Vorgänger Peer Steinbrück, der immer ein wenig so wirkte, als schwebe er über den Dingen. "Steinbrück hat eine gewisse Klientel angesprochen. Mit Schulz ist die Klaviatur größer", sagt der sächsische SPD-Chef Martin Dulig. Jetzt müsse den Menschen nur noch klargemacht werden, dass das Land auch bei der SPD in guten Händen sei.