Vordergründig ging es beim ZDF-Sommerinterview am Sonntagabend mit Martin Schulz um Martin Schulz. Um die Sicht des SPD-Spitzenkandidaten auf die Dieselaffäre, die Integration Geflüchteter und Donald Trump. Aber je länger der Journalist Thomas Walde demonstrativ kühl fragte und der Politiker ebenso demonstrativ gut gelaunt antworte, desto klarer wurde, dass es hier um etwas anderes ging. Die SPD hat nach drei Bundestagswahlen noch immer keine Antwort auf die alles entscheidende Frage: Wie besiegt man Angela Merkel?

Zunächst tat Schulz, was Kandidaten nun mal tun, wenn jüngste Wahlumfragen die eigene Partei bei nur bei 24 Prozent sehen, die Konkurrenz hingegen bei 38 Prozent. Erstens preist man das eigene Durchhaltevermögen ("Ich bin ein erfahrener Wahlkämpfer"). Zweitens erklärt man, sechs Wochen vor der Wahl sei noch alles drin ("In der Flüchtigkeit von Wählerbindungen ist alles möglich"). Drittens muss man sagen, was man selbst besser machen würde als die anderen. Und das ist Schulz' Problem.

Denn je länger das 20-minütige Gespräch voran schritt, desto mehr verfing sich der 61-Jährige in einem altbekannten Dilemma: Wie kritisiert man die aktuelle Regierung, wenn die Partei, die man vertritt, ihr selbst angehört? Und wie stellt man sich als Erneuerer dar, ohne das Erreichte klein zu reden? Schulz' Antwort: "Der Aufbruch in die Zukunft, den wir beschreiben, ist ja keine Absage an den Erfolg, den wir bisher hatten. Sondern die Garantie dieses Erfolges durch neue Strategien für die Zukunft." Das klang schon mal eingängiger.

Gerhard Schröder warb im Bundestagswahlkampf 1998 für sich und die SPD mit dem Satz: "Wir wollen nicht alles anders, aber vieles besser machen." Das verfing, weil eine Mehrheit der Bevölkerung den CDU-Amtsinhaber nach 16 Jahren schlicht satt hatte. Zu selbstgefällig, zu offensichtlich aufs bloße Verharren im Amt ausgerichtet, so erschien ihnen damals Helmut Kohl. Nach zwölf Jahren Merkel und trotz "der Flüchtigkeit der Wählerbindungen" aber fehlt heute diese Wechselstimmung. Das liegt auch am Bild der Deutschen von ihrer Kanzlerin.

Auf Millionen Wähler wirkt sie wie eine gut geölte Maschine. Merkel bearbeitet scheinbar emotionsfrei selbst frustrierendste und komplexeste Themen. Am Ende spuckt sie verlässlich Lösungen aus, mit denen ihre Wähler leben können und die Sympathisanten anderer Parteien nicht zur Weißglut treiben. Deutsche mögen gut geölte Maschinen.

Warum sollten die Deutschen ein Risiko eingehen?

Schulz hat obendrein Pech mit der innen- und außenpolitischen Stimmung. Die Arbeitslosenzahlen sinken, Hunderttausende Geflüchtete haben das Abendland auch nicht untergehen lassen, und die Wähler sind froh, dass sich Merkel mit nimmermüdem Eifer um Europa und die Welt kümmert. Warum, fragt Walde daher den SPD-Kandidaten, sollen die Deutschen "ein Risiko eingehen", indem sie ihn zum Kanzler wählen?

"Das gehen sie ja nicht ein", antwortet Schulz. "Im Gegenteil. Wir gehen ein Risiko ein, wenn wir nichts tun. Schauen Sie sich die deutsche Automobilindustrie an. Die hat auch die Haltung gehabt: 'Alles läuft, die Umsatzzahlen sind gut, die Bilanzen prächtig. Wir brauchen nicht zu investieren.'" Hingegen zeigten die Chinesen oder das Beispiel des Elektroautoherstellers Tesla in den USA: "Wenn wir nicht investieren heute in neue Technologie, hängen die uns ab."

So schlittert Schulz in ein Dilemma. Einerseits muss er Angst schüren, damit die Wähler eine beliebte Amtsinhaberin abwählen. Andererseits ängstigen diese Wähler sich ohnehin schon um den eigenen sozialen Status – und suchen daher Schutz bei der bewährten und scheinbar verschleißfreien Allzweckwaffe Merkel: funktioniert doch noch.