Dies ist ein Text unserer neuen Serie Fünf und der Fisch. Bis zur Bundestagswahl schreiben fünf Experten über Prognosen, Versprechen und Kampagnen. Und ein Fisch prognostiziert den nächsten Kanzler. Alle Informationen über die Serie finden Sie hier.

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Von der Linkspartei bis zur AfD – keine Partei verzichtet in ihrem Wahlprogramm auf die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit. Und doch heißt es immer wieder, dass Gerechtigkeit nicht das sei, was Menschen im Jahr 2017 tatsächlich umtreibt. Damit gewinne man keine Wahlen, halten Journalisten etwa Martin Schulz entgegen, zumal nicht in einem Land, in dem es den meisten verhältnismäßig gut gehe. Doch stimmt das tatsächlich?

In Deutschland existiert Ungleichheit, da wird kaum einer widersprechen. Geld und Wissen sind die großen Ressourcen unserer Gesellschaft. Sie ermöglichen den Menschen, an gesellschaftlichen Entwicklungen und am Arbeitsmarkt teilzuhaben. Sie schaffen Respekt und Selbstrespekt. Und sie sind äußerst ungleich verteilt. Beim Geld reicht ein Blick auf die Verteilung der Einkommen und der Vermögen. Auch die Unterschiede in der Bildung sind augenscheinlich: Zwischen den Deutschen existieren tiefe Gräben in den kognitiven und sozialen Kompetenzen, sehr viel größere, als es die Bildungsabschlüsse vermitteln.

Doch empfinden die Bürger diese Ungleichheit auch als ungerecht? Das war eine der zentralen Fragen, mit der sich die Vermächtnisstudie von ZEIT, infas und WZB befasste. Und kurz gesagt: Nein, die Deutschen haben prinzipiell kein Problem mit Ungleichheit. Wer mehr leistet, da sind sich die allermeisten einig, soll auch mehr haben. 

Dieses Ideal bezeichnet man als Ergebnisgerechtigkeit. Seine Schwäche ist, dass es die Voraussetzungen nicht einbezieht, unter denen jemand überhaupt erst etwas leisten kann. Dass zum Beispiel Menschen aus sozial schwachen Elternhäusern es schwerer haben, an gute Bildung und damit an gute Jobs zu kommen. Doch die Zugangsvoraussetzungen spielen kaum eine Rolle im Gerechtigkeitsempfinden vieler Deutscher. Wie oft hört man schon Arbeiterkinder, die sich darüber beschweren, dass sie wegen ihrer Herkunft nicht an die Uni gekommen sind? 

Aber die Vermächtnisstudie birgt weitere Einblicke: Denn während viele Menschen in Deutschland prinzipiell daran glauben, dass jeder seines Glückes Schmied ist, empfinden viele gleichzeitig, dass sich manche Ungleichheit nicht mehr mit unterschiedlicher Leistung erklären lässt. Sie nennen drei Missstände.

Leistung hat eine Obergrenze

Erstens: Die Menschen stören sich an dem wachsenden Auseinanderdriften der Bruttoeinkommen, denn Leistung kennt  eine gewisse untere und obere Grenze. Selbst der bestbezahlte Manager hat eine Leistungsgrenze, die viel näher an der eines Maurers ist als sein Gehalt. Sprich: Eine Arbeitsstunde muss einen bestimmten Mindestbetrag wert sein, gleichzeitig soll dieser eine gewisse Höhe nicht überschreiten. Es ist den Bürgern nicht vermittelbar – und dem subjektiven Gerechtigkeitsempfinden zutiefst abträglich – dass Bonuszahlungen an Manager auch dann gewährt werden, wenn diese schlechte oder gar keine Leistungen erbringen.

Zweitens sehen die Bürger, dass Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt keine Ausnahme ist. Sie betrifft Frauen, von denen die meisten wissen, dass sie zu wenig Geld für ihre Leistung bekommen. Ebenso Ostdeutsche, deren Löhne durchschnittlich geringer sind als die im Westen. Und auch Migranten, deren Löhne auch deswegen geringer sind, weil ihre Qualifikationen hier oft nicht anerkannt werden. 

Drittens beklagen viele,  dass die Lohnersatzleistungen, etwa bei den Renten, zu niedrig sind. Viele Rentnerinnen und Rentner bezeichnen sich als arm, obgleich sie es rein statistisch gesehen nicht sind. Doch Statistik hin oder her: Trotz erbrachter Lebensleistung müssen sie massive Einbußen ihres Lebensstandard im Alter in Kauf nehmen. Ein Prozess setzt ein, den ich als Entbiografisierung bezeichne: Man verliert seinen sozialen Status.