Stephan Weil behält die Nerven, äußerlich jedenfalls. Sein Markenzeichen, das verhaltene Lächeln, ist noch da – auch wenn das vergangene Wochenende wohl das schlimmste in seiner politischen Karriere gewesen sein dürfte. Erst entzog eine abtrünnige Abgeordnete der Grünen am Freitag seiner rot-grünen Regierung die Mehrheit, dann zitierte die Bild am Sonntag einen anonymen VW-Mitarbeiter, der sagte, der Autokonzern habe Regierungserklärungen von Weil geschönt. Im Ergebnis wirkt es so, als sei Weil nicht Kontrolleur, sondern Sprachrohr der Autoindustrie.

Es geht also nicht nur um seine Karriere. Sondern auch um seine Glaubwürdigkeit.

Der niedersächsische SPD-Ministerpräsident hält sich an die Regeln der Krisenkommunikation, er ist in der Offensive: Seit Tagen stellt er sich den vielen Fragen der Journalisten, lässt sich in Fernsehnachrichten zuschalten, wiederholt seine immer gleichen Sätze. Von "Intrige" sprach er im Fall der Grünen Elke Twesten, die zur CDU wechseln will, der wiederum die SPD "Stimmenkauf " unterstellt.

Den Bericht über VW in der Bild am Sonntag nannte Weil  eine "bodenlose Unterstellung". Noch am Sonntag trat der Ministerpräsident erneut vor die Kameras, wieder hatte er sich hinter seinem Lächeln verschanzt: "Wir haben uns in einer schwierigen Situation verantwortlich verhalten, auch mit Blick auf viele Tausend Arbeitsplätze", sagte Weil.

Seinen Konkurrenten nennen sie "Panzer"

Der Ministerpräsident hatte sich schon am Freitagmittag für Neuwahlen ausgesprochen. Damit war er der CDU voraus, der zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar war, ob sie mit ihrer gerade erst gewonnenen schwarz-gelben Mehrheit im Landtag überhaupt Weils Abwahl über ein konstruktives Misstrauensvotum vorantreiben wollte. 

Weil jedenfalls ließ die Niedersachsen schnell wissen, dass er sich gern vorzeitig dem Wählervotum stelle, selbstverständlich auch wieder als Spitzenkandidat. Am 15. Oktober soll der Landtag nun gewählt werden, drei Monate früher als eigentlich geplant. 

Die SPD muss trotzdem fürchten, mit ihm einen weiteren Ministerpräsidenten zu verlieren. Schon zum turnusgemäßen Wahltermin im Januar wäre es nicht einfach geworden für Weil: In einer letzten Umfrage von Ende Mai lagen die Genossen deutlich hinter der CDU, nichts neues in dem strukturkonservativen Land. Mit Bernd Althusmann hat die CDU außerdem einen Spitzenkandidaten mit Landesvaterqualitäten aufgestellt. Sein interner Spitzname lautet "Panzer", weil er so robust und in sich ruhend wirkt. Ein rauer Norddeutscher eben. Auch die Grünen, die Weil 2013 mit einem starken Ergebnis von 13,7 Prozent zur sicheren Regierungsbildung verhalfen, sind Stephan Weil dieses Mal keine Hilfe. Sie schwächeln bei rund acht Prozent. Eine Neuauflage der rot-grünen Regierungsmehrheit ist mehr als ungewiss.

Elke Twesten könnte helfen

Vernichten die beiden Skandale nun alle Hoffnungen, die Landtagswahl noch zu drehen? Im Gegenteil. Sie könnten Weil vielleicht sogar helfen.

Zum Beispiel der Fall der Grünen Elke Twesten, die ihren Wechsel zur CDU-Fraktion nicht mit Gewissensbissen bezüglich einer konkreten politischen Entscheidung, sondern vor allem mit fehlenden Karrierechancen bei den Grünen erklärte.

Diesen "Verrat am Wählerwillen", wie es die Sozialdemokraten nennen, wollen sie sich im Wahlkampf zu eigen machen. Die SPD will aus der Twesten-Affäre einen Bumerang machen. SPD-Generalsekretär Hubertus Heil, ein Niedersachse, sagte am Montag, er habe am Wochenende in seiner Heimat viele Menschen erlebt, die "angewidert sind von der Art und Weise", wie die CDU dort versuche, Politik zu machen. "Wir erleben eine Solidarisierungswelle, viele Bürger sind wütend und sauer und wollen die SPD im Wahlkampf unterstützen", sagt ein Sprecher des SPD-Landesverbandes in Hannover.