Kommunikationsabsprachen zwischen Volkswagen und der Landesregierung in Niedersachsen sind offenbar auch vor Rot-Grün eine regelmäßige Praxis gewesen. Laut Recherchen der Nordwestzeitung versorgte der Autokonzern auch die schwarz-gelbe Vorgängerregierung regelmäßig mit "Formulierungshilfen". Demnach legten der frühere CDU-Ministerpräsident David McAllister und der FDP-Wirtschaftsminister Jörg Bode VW Pressemitteilung vor. 2010 soll zudem eine gemeinsame Kommunikationsrichtlinie zum Thema Porsche vereinbart worden sein.

Die Vorgaben umfassten laut Nordwestzeitung selbst kleinste Details. So ließ sich McAllister im Februar 2011 beispielsweise "generelle Statements als Antwort auf mögliche Fragen zum VW-Konzern" übermitteln. Die Zeitung zitiert auch eine wenige Monate später erfolgte Anweisung der Pressestelle der Staatskanzlei, wonach sich der damalige VW-Vorstandschef Winterkorn, der Gesamtbetriebsratsvorsitzende Osterloh und McAllister "gegenseitig mit 'Steilpässen'" bedienen sollten.

Dem Bericht zufolge ließen McAllister und Wirtschaftsminister Bode vor einer Aufsichtsratssitzung im September 2011 auch eine Pressemitteilung der Landesregierung von VW "mit der Bitte um Anmerkungen" gegenlesen. Zudem soll die damalige Landesregierung VW vor einer Erklärung des Ministerpräsidenten gebeten haben, sich den Text anzusehen.

"Natürlich gab es eine Abstimmung und einen Austausch", sagte FDP-Politiker Bode dazu auf Nachfrage. "Daraus haben wir nie ein Geheimnis gemacht." Für VW-Aufsichtsratsmitglieder habe sogar eine Pflicht zur Absprache bestanden. VW äußerte sich nicht zu einzelnen Sachverhalten. Der Konzern teilte aber mit, dass es grundsätzlich "völlig üblich" sei, wenn Aufsichtsratsmitglieder beabsichtigte Aussagen über Angelegenheiten der Gesellschaft mit dem Unternehmen abstimmten.

Im Zuge der Dieselaffäre war eine Diskussion um die Verflechtungen zwischen VW und der rot-grünen Landesregierung in Niedersachsen aufgekommen. Anfang August hatten Oppositionspolitiker von CDU und FDP den Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) wegen Absprachen mit VW-Lobbyisten attackiert. Weil soll unter anderem seine Regierungserklärung zur Abgasaffäre mit VW abgestimmt haben. In dem Zuge soll VW die Regierungserklärung umgeschrieben haben. FDP-Vize Wolfgang Kubicki kritisierte daraufhin die "Verfilzung zwischen Konzern und Staat" und forderte den Verkauf von Niedersachsens Anteilen an VW. Die CDU will den Konzern mit einem unabhängigen Experten kontrollieren. 

Die niedersächsische Opposition wusste allerdings schon früher von Absprachen mit VW. Am Montag wurde bekannt, dass die Landesregierung bereits im September 2016 CDU und FDP über Rücksprachen mit VW zum Dieselskandal informiert hatte. Dabei habe sie aber Informationen zurückgehalten, kritisiert die Opposition.

Weil wehrt sich gegen die Vorwürfe. Sie seien "Wahlkampf und nicht mehr". Der frühere SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel unterstütze Weil. Er hätte in einem vergleichbaren Fall nichts anderes gemacht, sagte Gabriel.

Am 15. Oktober, also drei Wochen nach der Bundestagswahl, werden die Niedersachsen über ein neues Landesparlament abstimmen. Hintergrund der vorgezogenen Wahl ist der Wechsel der Grünenabgeordneten Elke Twesten zur CDU. Damit verlor die rot-grüne Regierung ihre Mehrheit von einer Stimme im Landtag.