Bevor sich der Bundestag an die AfD gewöhnen kann, muss die AfD erst mal in den Bundestag kommen. Und genau dort, beim Pförtner, fangen die Probleme schon an. Es ist Dienstag, Tag zwei nach der Wahl, und die neue AfD-Bundestagsfraktion will zum ersten Mal offiziell den Bundestag betreten. Einen eigenen Raum haben die 93 Parlamentarier noch nicht, zur Konstitution der Fraktion treffen sie sich im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus. Dort ist normalerweise wenig los, neben der Parlamentsbibliothek befinden sich hier die Reise- und Poststelle des Bundestags.

Das Problem ist: Hausausweise haben die Neuen noch keine. Es bildet sich eine kleine Schlange vor dem Gebäude, Abgeordnete und Dutzende Journalisten drängeln sich vor dem Eingang. Es dauert einige Minuten, bis alle Parlamentarier an den Pförtnern vorbei sind. Vor der konstituierenden Fraktionssitzung der AfD verteilen Mitarbeiter der Bundestagsverwaltung noch ein Starterpaket – darin unter anderem: Bahncard, Hausausweis und das Abgeordnetengesetz. Dann beginnt im Sitzungssaal 3.101 die Geschichte der AfD-Bundestagsfraktion.

Mit der Alternative für Deutschland zieht erstmals eine rechtspopulistische Partei in Fraktionsstärke in den Bundestag ein. Und schon der erste Tag im Parlament zeigt: Es ist etwas in Aufruhr. Die AfD und einige ihrer rechtsextremen Abgeordneten könnten parlamentarische Traditionen und Gewohnheiten infrage stellen und die Stimmung verändern. Wie gehen die anderen Parteien damit um?

"Guten Tag" und "Auf Wiedersehen" – mehr nicht

Wenn man sich bei den Fraktionen nach dem Umgang mit den Neulingen umhört, hoffen die meisten vor allem auf die Hausordnung, die den Umgang mit den AfD-Parlamentariern und ihren Mitarbeitern regeln soll. Offen sprechen über das Verhalten der AfD gegenüber will jedoch keiner. Es sei noch zu früh, dazu etwas zu sagen, heißt es etwa aus Fraktionskreisen der Union. Erst mal wolle man sich auf die Geschäftsordnung und die Regeln des Hauses verlassen. Und dass die AfD-Leute in der Kantine die Füße auf die Tische legen werden, sei nicht zu erwarten. "Merkel muss weg!"-T-Shirts werden jedenfalls keine im Gang zu sehen sein – die Hausordnung verbietet politische Aufschriften auf der Kleidung. 

Auch die Grünen wollen auf die Regeln des Parlaments vertrauen, also Grundgesetz, Geschäfts- und Hausordnung. Die Linksfraktion erwartet einen "raueren Umgangston"; eine Zusammenarbeit mit der AfD, egal auf welcher Ebene, sei aber ausgeschlossen. "Guten Tag" und "Auf Wiedersehen" wolle man den neuen Kollegen sagen – mehr aber auch nicht. Ähnliches gilt für SPD und FDP: Sie wollen ebenfalls nicht mit den Neuen zusammenarbeiten. 

Hält man die Blockade der AfD aber auch dann noch durch, wenn die Fraktion Anträge stellt, die inhaltlich auf der eigenen Parteilinie liegen? Und was passiert, sollte die AfD im Plenum tatsächlich mit einer rechtsextremen Rede provozieren? Als Fraktion geschlossen aufstehen und gehen? Den Redner des Saales verweisen? Lautes Missfallen äußern?

Die Fraktion wird sich alles selbst erarbeiten müssen

Antworten hat noch keiner, das genaue Vorgehen werden die Parlamentarier in den nächsten Wochen besprechen. Sicher wird man sich auch auf Erfahrungen aus den Länderparlamenten stützen können. Und mit Wolfgang Schäuble wird es einen erfahrenen Bundestagspräsidenten geben, der Auseinandersetzungen nicht scheut.

Für die neuen AfD-Abgeordneten kann all das schnell zum Problem werden. Ohne Bundestagserfahrung und mit nur wenig Wissen über die parlamentarischen Abläufe wird es schwierig, sich vom Start weg an der Parlamentsarbeit zu beteiligen. Auf Unterstützung von den anderen Fraktionen, da sind sich alle einig, können die Neuen nicht zählen. Egal ob es darum geht, wie man ein Flugticket bucht oder eine Kleine Anfrage an die Bundesregierung stellt – die AfD-Fraktion wird es sich selbst erarbeiten müssen.

Deshalb auch das Starterpaket der Bundestagsverwaltung: In einem "Wegweiser für Abgeordnete" wird der parlamentarische Alltag erklärt, von der Arbeitsweise der Ausschüsse bis zum Sitzungskalender. Die Abgeordneten haben noch knapp einen Monat Zeit, alles zu verinnerlichen. Die konstituierende Sitzung des Bundestags findet am 24. Oktober statt.