Die Schlüsselszene des Wahlabends spielt sich gegen 19 Uhr ab. Der Traffic Club am Berliner Alexanderplatz ist gut gefüllt, euphorisiert reden Dutzende Anhänger der AfD durcheinander, Fraktionschefs und Mitarbeiter auf der blaurot ausgeleuchteten Fläche, wo sonst freitags bis sonntags Partyvolk tanzt. Alice Weidel lässt sich den Weg zur Bühne bahnen, vor die TV-Leinwand, wo das Parteilogo leuchtet. Ihr Co-Spitzenkandidat Alexander Gauland und Parteichef Jörg Meuthen erwarten sie dort. Zu dritt stehen sie da. Eine Person aber fehlt.

13 Prozent für die AfD, das ist besser, als viele hier erwartet hätten. Dass die AfD in den Bundestag einziehen würde, war klar. Dass sie in die Opposition geht, auch – mit der AfD will keine andere Partei koalieren. Die Gäste der Wahlparty haben den Sieg frenetisch bejubelt, "AfD, AfD" skandiert, die Nationalhymne angestimmt, dann Getränke bestellt. Dass die Partei später in mehreren ost- und westdeutschen Wahlkreisen die CDU überholt und sich anschickt, mehrere Direktmandate zu erobern, das verstärkt den Siegestaumel noch einmal gewaltig. Für den politischen Gegner haben sie hier vor allem Häme: "Na, zufrieden mit dem Ergebnis?", fragt ein Parteifreund den anderen. "Na ja, nicht ganz, die Grünen haben noch zu viel."

"Konstruktive Opposition"

Die Spitzenleute dagegen dämpfen die Euphorie. Alice Weidel kippt den Wahlkampf-Schalter wieder zurück, den sie bei ihrer Wahl zur Spitzenkandidatin im April auf dem Kölner Bundesparteitag umgelegt hatte. Sie kündigt in mildem Ton eine "konstruktive Oppositionsarbeit" an und lässt eine Mahnung folgen. "In Demut und Sorgfalt" sollten die neuen Abgeordneten diesen Wählerauftrag annehmen. "Wenn Ihr nach draußen geht, bitte keine Sprüche, die uns später auf die Füße fallen könnten", appelliert Gauland.

Das ist ein so völlig anderer Tonfall als zum Wahlkampfauftakt, wo Weidel die politische Korrektheit auf dem "Müllhaufen der Geschichte entsorgen" wollte. Das klingt kaum noch nach Gaulands Nationalismus. Da klingt viel Frauke Petry durch, die den Begriff der konstruktiven Opposition prägte. Der brandenburgische Abgeordnete Steffen Königer warnt, die Euphorie könne schnell abklingen: "Wir werden einmal aus Protest gewählt, dann aber müssen wir liefern, sonst sind wir zur nächsten Wahl wieder weg." Doch die Kampfrhetorik verschwindet nicht so schnell: Der Untersuchungsausschuss gegen Merkel werde kommen –  wegen ihrer angeblichen Rechtsbrüche während der Flüchtlingskrise. "Jawohl", schallt es durch den Club. "Wir werden sie jagen", droht Gauland der künftigen Bundesregierung.

Mit Bannern und Parolen gegen die AfD

Das gute Ergebnis muss auch die AfD erst mal verarbeiten. Um die 90 Abgeordnete kommen in den Bundestag, unerwartet viele, sie alle benötigen Mitarbeiter. Keiner weiß derzeit, woher die kommen sollen. "Falsche Frage", wiegelt einer ab, der das alles aus einem Landesparlament kennt. 

Die parlamentarische Konkurrenz zieht schon in den ersten TV-Interviews über die AfD her. Und auch auf der Straße entlädt sich die Kritik an der Alternative. Im Verlauf des Abends versammeln sich etwa an die 1.000 überwiegend junge Menschen vor dem Hochhaus am Alexanderplatz. Sie haben Transparente entrollt: "Solidarität statt Hetze" steht darauf, sie skandieren: "Nationalismus raus aus den Köpfen" und "Kein Mensch ist illegal" – die Slogans der linken AfD-Gegner. Die Polizei hält sie auf Distanz. Der Lärmpegel auf der Club-Terrasse ist gewaltig, einige AfD-ler reagieren konsterniert. Gegen 21 Uhr sperrt die Security des Hauses den Außenbereich – "damit die Provokationen aufhören", sagt ein Sicherheitsmann. Einige AfDler hatten von oben in die Menge zurückgebrüllt und sie so aufgestachelt. 

Dann kommt sie doch noch, die Person, die anfangs auf der Bühne fehlte, als Weidel, Gauland und Meuthen das Wahlergebnis würdigten. Frauke Petry geht von Kamerateam zu Kamerateam und spricht in Mikrofone. Eine Parteichefin, die an der Parteibasis nur noch bedingt ernst genommen wird, seit sie kurz vor der Wahl ein Interview gab, das als Warnung vor der eigenen Partei verstanden wurde. Der aggressive Kurs im Wahlkampf verschrecke viele potenzielle Wähler, hatte Petry kritisiert.

Meuthen kann für sich in Anspruch nehmen, dass er die AfD trotz seiner zuletzt derben Rhetorik zu diesem unerwarteten Wahlerfolg geführt hat. Er hatte sich gegen Pertry gestellt, als diese das Parteiausschlussverfahren gegen die AfD-Nationalisten Björn Höcke und den Dresdner Bundestagskandidaten Jens Maier eingeleitet hatte. Gauland und Meuthen halten das Verfahren für einen Fehler. Und die Wähler geben ihnen Recht: Maier hat in seinem Dresdner Wahlkreis beinahe so viele Stimmen geholt wie der CDU-Kandidat.

Die Landesgruppe konstituiert sich ohne die Landeschefin

Warum Meuthen nicht auf Petry wartete, bevor die Bühne der Wahlparty betrat, weiß Petry nicht zu sagen. Sie spricht von Terminproblemen und sagt, man solle Meuthen fragen. Der ist unterwegs in ein Fernsehstudio. Wie gering Petrys Einfluss im kommenden Bundestag sein dürfte, machte vergangene Woche eine Mail klar. Darin lädt die sächsische AfD, immerhin Petrys Landesverband, für Montagnachmittag zu einer konstituierenden Sitzung der sächsischen Landesgruppe der AfD-Bundestagsfraktion. Die Initiatoren sind allesamt Petry-Widersacher: Maier ist darunter, die Leitung hat der Leipziger Abgeordnete Siegbert Droese, der Pegida nahe steht und Maier gegen den Parteiausschluss verteidigt. Petry sagt, sie habe nie eine Einladung zu der Sitzung erhalten. Hingehen will sie nicht. Sie habe am Montag in Berlin Termine. 

Das ist ein Affront gegen die geschwächte Parteichefin. Die Landesgruppe Sachsen bildet sich ohne die sächsische Spitzenkandidatin, die obendrein ihren Wahlkreis als Direktkandidatin gewonnen hat. "Es gibt eben Leute in dieser Partei, die sich nicht an Regeln halten", sagt sie noch. Als auf der Wahlparty das Fernsehen ein zuvor geführtes Interview mit Petry einspielt, werden zwei, drei Buhrufe hörbar. Wenige klatschen, als Petry das Wahlergebnis lobt. Die Parteichefin ist hier so gut wie abgemeldet.