Im Sommer 2016 erreicht einen Funktionär der rechtsextremen Identitären Bewegung (IB) eine ungewöhnliche Anfrage. Ein AfD-Politiker aus Norddeutschland meldet sich. Offiziell arbeitet die Partei nicht mit den Identitären zusammen, weil die Gruppe von ehemaligen Neonazis durchsetzt ist und vom Verfassungsschutz beobachtet wird. Doch Holger Arppe, damals Landtagskandidat der AfD, sucht trotzdem ihre Hilfe: "Kennt ihr ein oder zwei junge Damen, die im AfD-Wahlspot für Berlin mitspielen würden?", fragt er den Identitären-Funktionär. Man ist beim Du, kennt sich offenbar schon länger. Den AfD-Wahlwerbespot, erläutert Arppe dem Rechtsextremen, machten "die Jungs von Ein Prozent". Der Identitären-Aktivist verspricht, er werde sich für die AfD nach Darstellerinnen umhören.

Der Dialog stammt aus einem internen Facebookchat des Rostocker Landtagsabgeordneten Holger Arppe, den ZEIT ONLINE und DIE ZEIT einsehen konnten. Nachdem kürzlich gewaltverherrlichende Äußerungen aus dem Chat öffentlich geworden waren, musste der Politiker die Landtagsfraktion der AfD in Schwerin verlassen. Die Chat-Protokolle werfen jedoch Fragen auf, die weit über Arppes persönliche Hassbotschaften hinausgehen.

Die Protokolle zeigen, dass die AfD sich zwar offiziell von rechtsradikalen Gruppierungen abgrenzt, aber hinter den Kulissen mit ihnen kooperiert. Das dokumentieren auch weitere Chat-Dialoge. Darin warnt der Rechtsextreme den AfD-Politiker Arppe vor einem Journalisten, der ihn angerufen hatte. Er habe diesem gegenüber die "organisatorische Verbindung und persönliche Kontakte" zwischen AfD und Identitären "grundsätzlich verneint". Nur damit Arppe Bescheid wisse, wenn Fragen danach kämen.

Ein Verein als Scharnier zur rechten Szene

Wenige Tage nach diesem Gespräch wurde der Werbespot in Berlin gedreht. Da sich wohl keine Darstellerinnen aus den Reihen der Identitären fanden, griff der Werbestratege der AfD, Thor Kunkel, auf "Amateurmodelle aus dem Ausland" zurück, wie er auf Anfrage sagte. Auch Holger Arppe selbst spielte eine Nebenrolle. "Aus einem kleinen schlechten Gewissen heraus, und weil ich schon lange vorhatte, in Berlin mal wieder ein paar Ausstellungen zu besuchen, sagte ich zu und stellte mich dem ungefähr einstündigen Dreh zur Verfügung", bestätigt Arppe. Im September 2016 wurde der Wahlspot im Namen des AfD-Landesverbands Berlin veröffentlicht.

Der Spot zeigt, wie die geheime Zusammenarbeit von AfD und Rechtsextremen abläuft – über Scharniere wie den oben erwähnten Verein Ein Prozent. Er wurde vom neurechten Verleger Götz Kubitschek und dem Chefredakteur des Querfront-Magazins Compact, Jürgen Elsässer, initiiert und vermarktet sich selbst als neurechte NGO, eine Art Greenpeace für Wutbürger. Der Name spielt darauf an, dass nur ein Prozent der Bevölkerung auf die Straße gehen müsse, um eine Revolution auszulösen. Ein Prozent will fremdenfeindliche Initiativen bundesweit vernetzen und sammelt Spenden für rechte Projekte, zum Beispiel für Aktionen der Identitären Bewegung.

Bekannt wurde Ein Prozent durch eine Verfassungsbeschwerde gegen die Asylpolitik der Bundesregierung. Und durch den Aufruf an die rechte Szene, zur Bundestagswahl als Beobachter in Wahllokale zu gehen, um angebliche Wahlfälschung zu verhindern. Weniger bekannt sind bisher die Videoproduktionen von Ein-Prozent-Unterstützern – für die AfD. "Einige junge Herren der Initiative" hätten 2016 der AfD angeboten, sie "durch Imagefilme im Wahlkampf zu unterstützen", bestätigt Arppe ZEIT ONLINE.