Tatorte

Der Tatort fällt aus, die Kriminalität muss heute unbekämpft bleiben. Denn: Es geht um Deutschland. 90 Prozent der Bürger halten Frau Merkel für gut frisiert, 72 Prozent wissen nicht, ob der amtierende Bundespräsident Frank-Walter oder Harry-Peter heißt, 57 Prozent schwören, dass Brigitte Zypries die Vorsitzende des Aufsichtsrats von VW ist. Und Herr Staatsminister Herrmann lächelt zu all dem so ungekünstelt, dass es 60 Prozent der wunderbaren Türken bei uns nur so durchrüttelt vor lauter Vorfreude. Kurz gesagt: Die Demokratie lebt! Begeisterung! Moderatoren beim Wettrennen um die beste Frage! Leider gibt's nur selten eine Antwort. 

Sie wissen, sehr geehrte Leser, was ich meine. Drei Wochen vor dem 24. September wird das Kulturvolk, aus dem ein Goethe, ein Beethoven und ein Gauland erwuchsen, täglich darüber aufgeklärt, dass Großes bevorsteht: Das in den letzten Tagen bevorzugte Format dafür hieß Duell (siehe: High Noon), gefolgt von einem Fünfkampf (siehe: Gunfight at the O.K. Corral) und einer ungeordneten Schlacht (siehe: Apocalypse Now), aus dem eine in Biel lebende und nach schweizerischem Recht Steuern zahlende Biodeutsche als Opfer zwar nicht hinausgetragen werden musste, aber doch hinausglitt – zufällig knapp an der Kamera vorbei, in deren Optik sie im Vorüberschreiten rasch ein empörtes Schmollmündchen warf.

Frau Dr. Weidel machte das geschmeidiger als Herr Bosbach bei der kürzlichen Erst-Inszenierung dieses sensationellen Dramas. Bei ihm fiel eine gewisse Uneleganz im Bewegungsablauf auf, die dem Hauptdarsteller einige Scherze einbrachte. Wie anders Frau Dr. Weidel! Sie hielt den Kragen ihres Blüschens in dem von der Moderatorin Marietta Slomka entfachten Wirbelsturm so stramm hochgeklappt wie Melania Trump den ihren im Angesicht des Regens. 

Bloß bei der Mimik von Dr. Weidel scheint mir noch darstellerisch Luft nach oben: Man sollte, finde ich, weder aus seinem Herzen noch aus seinem Gesichtsausdruck eine Mördergrube machen, und wer gern rüberkommen möchte wie eine blasierte Prinzessin auf der Erbse, sollte dabei nicht zittern vor Angst. 

Der akademische Nazi

Frau Dr. Weidel befindet sich derzeit bekanntlich als Spitzentänzerin im Pas de deux mit Herrn Dr. Gauland, der wiederum allem stets "gelassen entgegensieht", dies der Welt aber vorsichtshalber morgens, mittags und abends zur Kenntnis gibt. Das ist ein Traum-Duo für jede Nussknacker-Aufführung auf den Heimatbühnen unseres Landes. Geeint weniger durch eine in Paragraf 130 Strafgesetzbuch genannte Orientierung als vielmehr durch das, was die AfD zu einer echten Alternative zu all den volksfernen Parteien macht: den so genannten Akademisierungsgrad. Denn der Schlüsselmoment der Weidelschen Performance war nicht das alberne Vortäuschen von Beleidigtheit am Dienstag, sondern ihre bemerkenswerte Antwort auf die intelligente Frage der Runden-Teilnehmerin Wagenknecht, wie sie sich dabei fühle, wenn mit ihr demnächst Halbnazis in den Deutschen Bundestag einzögen. Da antwortete Frau Dr. Weidel, den Kopf in den Nacken legend und mit größtmöglicher Blasiertheit, live vor ihren lieben Wählerinnen und Wählern: Der Akademisierungsgrad bei der AfD sei überdurchschnittlich hoch. Das ist ein Statement, das mir ein paar Fußnoten wert erscheint.

Der halbe Nazi

Erstens stellt sich die Frage, was man sich wohl unter einem "Halbnazi" vorstellt. Vor unvordenklicher Zeit, als noch Vollnazis auf deutschem Boden marschierten, gab es ja bekanntlich nach deren Ansicht allerhand Halb-, Viertel- oder Achtelmenschen auf der Welt: Halbjuden, Viertel-Neger, Achtel-Chinesen oder Dreiviertel-Homosexuelle. Der "Halbnazi" gehörte nicht dazu; vielmehr hielten sich alle Nazis notorisch für Vollnazis, bis leider der so genannte Zusammenbruch dazwischenkam. Jetzt könnte man natürlich sagen, dass ein "Halbnazi" einer ist, der noch nicht ausgelernt hat, etwa wie ein "Halbschornsteinfeger". Andererseits würde man selbst beim ZDF vermutlich nicht sagen, jemand sei ein Viertelphilosoph oder ein Drittelmoderator. Die Sache bedarf jedenfalls noch einer Klärung.

Der kleine Mann

Zweitens stellt sich die Frage, was Frau Dr. Weidel wohl unter einem wie auch immer gequotelten "Nazi" versteht. Wenn Sprache noch einen Sinn hat, ist nach ihrer Ansicht ein "Nazi" das Gegenteil eines "Akademikers". Dazu muss man leider sagen, dass dies dem berüchtigten Faktencheck nicht unbedingt standhält, jedenfalls soweit es zum Beispiel den körperbehinderten, aber vollakademisierten Kulturbeauftragten des Großdeutschen Reichs, Herrn Dr. Joseph Goebbels, betrifft. Auch im Übrigen soll ja durchaus an der einen oder anderen Fakultät (ich sage nur: Kiel, Erlangen), in manchen Gerichten (ich sage nur: Volksrichter Dr. Freisler) sowie in dem einen oder anderen akademisierten Unternehmensvorstand einmal ein sogenannter "Nazi" gesehen worden sein. Auch die Nazi-Medizin (Stichwort: Herr Dr. Mengele) soll nicht ganz ohne Akademiker ausgekommen sein. 

Aus Weidelscher Sicht kann dagegen ein "echter" und ein Vollnazi, ja sogar ein Halbnazi, nur eine Person sein, deren Akademisierungsgrad zu wünschen übrig lässt – wobei dieser Begriff seinerseits ja ein wirkliches Schmuckstück im Schatzkästlein unserer schönen deutschen Sprache darstellt. Der Akademisierungsgrad der AfD ist hoch, ihr Sinologisierungsgrad niedrig, ihr Durchrassungsgrad unerforscht. Kleiner Scherz!