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Leipzig, Chemnitz, Plauen, Crimmitschau – die AfD-Vorsitzende Frauke Petry ist aus der Babypause zurück und bereist die Basis. Sie ist eine Königin mit Land und mit Volk, aber ohne Hofstaat. Meist folgen nämlich zwar Hunderte von Leuten dem Aufruf "Unsere Frau Dr. Petry kommt", "Die Chefin kommt!", "Hier kommt die künftige Bundeskanzlerin!" Im kleinen Plauen kamen sogar 1.200 Zuhörer. Aber die Karawane der Parteispitze zieht an der amtierenden Vorsitzenden vorbei ins Wahlkampffinale, als wäre Petry gar nicht da. 

Ihr Co-Vorsitzender Jörg Meuthen hat öffentlich erklärt, keinesfalls noch einmal mit ihr zusammenarbeiten zu wollen. Spitzenkandidat Alexander Gauland behauptet, mit Petry seit Monaten nicht gesprochen zu haben. Das bestreitet sie. Es kursiert ein Witz in der AfD: "Was haben Frauke Petry und der Verfassungsschutz gemeinsam? Beide beobachten die AfD!"

Abgekoppelt vom Parteiapparat, mit eigenem Pressesprecher, der nebenbei auch gelegentlich das Baby hält, den Kinderwagen aus dem Auto wuchtet und Räume zum Wickeln sucht, tourt sie zum Wähler. Für den ist Petry nach Auffassung von Demoskopen noch immer das Gesicht der Partei.

"So eine" an der Parteispitze

Die Urszene für diesen Zustand, dieses seltsame Zwischenreich, das politische Limbo, in dem sich Frauke Petry bewegt, speziell nach der Aufhebung ihrer Immunität, hat die ganze Nation im Fernsehen präsentiert bekommen. Es war der AfD-Parteitag im April in Köln, auf dem Petry mit zwei wichtigen Anträgen die Partei gegen den völkischen Kurs und gegen Alexander Gauland zum Aufstand führen wollte – und dafür von einer breiten Mehrheit kalt entthront wurde. Die Zuschauer sahen, wie eine hochschwangere Frau mit durchgestrecktem Rücken und zusammengebissenen Zähnen auf der Bühne saß und in das Blaulicht ihres Laptops starrte – während es rings um sie herum Blumensträuße und Umarmungen für die Frau gab, durch die ihre Gegner, oder besser ihre Feinde, sie von da an ersetzen wollten: Alice Elisabeth Weidel.

Weidel ist die Frau, die mit ihrer Vita dafür bürgen soll, dass in der AfD nicht das Ressentiment regiert: Wirtschaftswissenschaftlerin, Unternehmensberaterin, die jahrelang in China gelebt hat, Mandarin spricht und sogar – für ein paar Monate jedenfalls – im Herz der Globalisierungsfinsternis, beim Investmentbanker Goldman Sachs, gearbeitet hat, was und wie erfolgreich auch immer. Dazu Lebensgefährtin einer Filmemacherin aus Sri Lanka, mit der sie in der Schweiz lebt und zwei Kinder großzieht. So eine Bürgschaft mit dem eigenen Leben – das kann sich zum Joch auswachsen. Weidel verweigert sich Gesprächen, die auf ein Porträt hinauslaufen sollen, auch gegenüber der ZEIT. Sie will kontrollieren, was Journalisten über sie schreiben, und der Partei nicht dauernd unter die Nase reiben, wie anders sie ist.

In jenen Minuten auf dem Kölner Parteitag wurde ein Pakt inszeniert, zwischen dem rechtsextremen Flügel um den thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke und dem früheren CDU-Vordenker Alexander Gauland. Er lautete, grob zugespitzt: Ihr akzeptiert die Lesbe und ich halte euch den Nazi-Ärger vom Hals, aber treibt es bitte nicht zu doll. Gauland erzählt beim Essen in seinem Lieblingsitaliener am Tiefen See in Potsdam ohne Umschweife von den vielen wütenden Briefen von Parteifreunden, die ihn fragen, was zum Teufel "so eine" an der Parteispitze, an seiner Seite verloren hat. "Ich mag Frau Weidel, sie ist mir sympathisch, das ist wichtig, wenn man in so einem Spitzenteam zusammenarbeiten will."

Wer Auftritte von Alice Weidel von vor einem Jahr mit denen von jetzt vergleicht, sieht eine vollkommen veränderte Person. Das empörte Rauslaufen aus der ZDF-Wahlsendung gestern Abend war nur der vorläufige Höhepunkt dieser Entwicklung. Weidel verließ die Sendung Wie geht's, Deutschland? genau in dem Moment, als sie von Andreas Scheuer (CSU) mit den Namen Höcke und Gauland in die Ecke gedrängt wurde. Der Pakt zwischen Gauland und dem rechtsextremen Flügel hat inzwischen aus der einstmals eher scheuen und freundlichen Alice Weidel ein blondes Fallbeil gemacht, das Staatsministerinnen schon mal "Schandfleck" und Angela Merkel "Extremismuskanzlerin" nennt, vom "Schuldkult" spricht und ausgerechnet die "Political Correctness" – das Einzige, das viele Parteifreunde daran hindert, sie anzuspucken – auf den "Müllhaufen der Geschichte" werfen will.