Über Monate hinweg wurde gemutmaßt: Der Ämterverzicht von Frauke Petry sei lang geplant, die baldige Gründung einer Art AfD 2.0 Teil einer ausgeklügelten Strategie gewesen. Eine Gruppe von Austrittswilligen soll sich sogar in Probeabstimmungen darauf geeinigt haben. Die Frage sei nur noch, wer von den neu gewählten Bundestagsabgeordneten Petry folgen würde, nachdem sie öffentlich ihren Verzicht auf die Mitgliedschaft in der AfD-Fraktion erklärt und damit ihre gesamte Parteiführung überrascht hatte.

Am Tag zwei nach der Wahl hat sich aber lediglich der härteste Kern um Petry zurückgezogen. Mit der 42-jährigen Parteimitgründerin geht ihr Ehemann, der NRW-Fraktionschef und Landessprecher Marcus Pretzell. Auch der Petry-Vertraute und sächsische Generalsekretär der AfD, Uwe Wurlitzer, sowie die Landtagsabgeordnete Kirsten Muster verlassen ihre Fraktion. Sie sind jetzt Einzelabgeordnete wie Petry. Ihre Begründung ähnelt der, die am Montag schon aus Mecklenburg-Vorpommern zu hören war. Dort waren vier AfD-Abgeordnete aus der Fraktion ausgetreten, wegen "unüberbrückbarer Differenzen" zur Partei.

Die AfD ist schnelle Personalwechsel gewohnt. Auch in Thüringen, Baden-Württemberg oder Sachsen-Anhalt verließen Abgeordnete die Fraktionen oder wurden rausgemobbt. Im Hinblick auf Petry und Pretzell ist von "normalen Häutungen" einer noch jungen Partei die Rede. Im Falle Petrys zog sich die Häutung über Monate, fast Jahre. Den Anfang machte ihr erfolgloser Versuch, den Thüringer Nationalisten Björn Höcke einzuhegen. Nachdem sie im Bundesvorstand im Alleingang ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke durchsetzte, haben ihre Gegner massiv mobilisiert. Der Wahlprogrammparteitag vom April wurde für Petry zum Desaster, inklusive öffentlicher Demütigungen durch Gauland. Dabei war Petry mit ihrem Plan, die Partei realpolitisch auszurichten, zu diesem Zeitpunkt bereits gescheitert. Ebenfalls im Alleingang hatte sie kurz zuvor per Facebook-Video den Verzicht auf eine Bundestagsspitzenkandidatur erklärt, seitdem war sie marginalisiert. Als Petry kurz vor der Wahl in einem Interview vor nationalistischen Auswüchsen in ihrer eigenen Partei warnte, sprach Meuthen von "Sabotage". Ihre Unterstützer drangen überhaupt nicht mehr durch. Petry stand vollkommen allein.

Die Vermutung, die Bundeschefin könnte mit ihrem Rückzug eine Art Erdrutsch auslösen und aus der sich konstituierenden Bundestagsfraktion zahlreiche Abgeordnete mitnehmen, hat sich bisher nicht bestätigt. Die Gewählten erschienen vollzählig in dem an der Spree gelegenen Sitzungssaal des Bundestages, so wurde es zumindest öffentlich verkündet. Nur Petry fehlte. Nach wenigen Minuten war aber auch dieses Kapitel abgehakt: Die Fraktion stellte formal fest, dass Petry wegen ihrer Verzichtserklärung kein Mitglied sein werde. Dann ging man zu organisatorischen Dingen über, beschloss eine Satzung und eine Geschäftsordnung. Am Abend wurden Gauland und Weidel zu Fraktionschefs gewählt. 

Doch tagsüber in den Gesprächen vor der Tür zeigte sich: Petry konnte in ihrer Situation nur noch Fehler begehen. Schon vor der Wahl reinen Tisch zu machen, hätte die Partei möglicherweise Stimmen gekostet. Nun, da sie abgewartet hatte, sprechen viele Fraktionsmitglieder von einem "Betrug am Wähler": Eine Abgeordnete, die sich kurz nach der Wahl abspaltet, schade der Partei. Vor allem interne Widersacher unterstellen Petry negative Absichten. "Sie hat sich zu einer Gegenkraft entwickelt", sagt etwa der NRW-Co-Landessprecher Martin Renner. Von Petrys Leistungen für die Partei spricht hingegen niemand. Dass sie vor zwei Jahren von einem euphorischen Parteitag an die Spitze gewählt wurde und den damals ungeliebten Bernd Lucke ablöste – keine Rede mehr. Dass sie vom Hoffnungsträger zum "Gesicht der Partei" wurde – vergessen. Dass sie sich zuletzt gegen die erstarkenden Nationalisten stemmte, die sie eine Zeitlang ungehindert gewähren ließ, ja sogar unterstützte, wird ihr nun als Fehler vorgeworfen. Denn nichts gilt in der AfD mehr als die Meinung und Stimmung der Basis. "Schon Lucke wollte autoritär gestalten", erinnert sich Renner. Das komme nicht gut an in einer Partei, die sich für direkte Demokratie einsetzt.

Interner Burgfriede

Für Petry war jeder Zeitpunkt für einen Rückzug der Falsche. Die neu gewählte Fraktion rückte am Tag ihrer Konstituierung jedenfalls auffällig zusammen. Selbst Petry bisher wohlgesonnene Mitglieder, die ebenso wie sie die parteiinternen Nationalisten als Gefahr sehen, beklagten die von ihr ausgelösten Irritationen. Spitzenkandidat Alexander Gauland wollte zwar nicht ausschließen, dass Petry andere aus der neuen Fraktion mit sich ziehen könnte. Die vorherrschende Stimmung spricht aber eher dagegen.

Denkbar ist das eher in den Landesverbänden. Dort liegen die Frustrationen tiefer, die Anfangseuphorie ist vielerorts längst verflogen, wie sich jetzt in Schwerin und Düsseldorf zeigte. Einige Landtagsfraktionen haben bereits reinigenden Streit hinter sich: In Baden-Württemberg läuft es seit einer Spaltung und Wiedervereinigung stabil. Im Magdeburger Landtag herrscht ein AfD-interner Burgfriede.

Petry scheiterte mit ihrem Anspruch, die Partei zu führen und zugleich auf ihren Kurs zu lenken. Ihr Zukunftsantrag, der es auf dem Programmparteitag nicht einmal auf die Tagesordnung schaffte, illustriert das deutlich. Was nicht heißen muss, dass dieser Kurs in der Partei nicht gewollt ist: Auch Alice Weidel sprach sich kurz vor der Wahl dafür aus, im Verlauf der Wahlperiode regierungsfähig zu werden. Auch Weidel unterstützte den Parteiausschluss von Höcke. Nur ist sie als Neuling und erfolgreiche Wahlkämpferin derzeit unanfechtbar. Petry dagegen wird als Störfaktor wahrgenommen: Sie sei autoritär vorgegangen, zu selbstherrlich. Die AfD-Basis will keine Autoritäten: "Jeder Vorstand, der sich über die Ziele der Partei stellt, muss damit rechnen, abgewählt zu werden", warnt die bayerische Abgeordnete Corinna Miazga.

Ab sofort führt Petrys Co-Bundeschef Jörg Meuthen die AfD bis zum Wahlparteitag im Spätherbst allein. Der Ökonom hat sich mit den Nationalisten um Höcke verbündet, er hat ein gutes Verhältnis zu Gauland und Weidel. Doch er steht allein an der Spitze. Er ist jetzt die Führungsperson, die ungeschützt dem Argwohn der Parteibasis ausgesetzt ist.