Es gab Zeiten, da hat Heiko Müller an Angela Merkel geglaubt und ihr seine Stimme gegeben. Inzwischen verachtet er die Kanzlerin. Er buht sie aus und pöbelt sie an. Einmal auf einem Marktplatz, nur einen Meter von Angela Merkel entfernt, war er sogar kurz davor, ihr seinen Schuh an den Kopf zu werfen. Genauso hat ein wütender Mensch vor vielen Jahren den damaligen US-Präsidenten George W. Bush attackiert. Heiko Müller hat diese Szene im Fernsehen gesehen. Das Thema, um das es damals ging, hat er vergessen, nicht aber diese Emotion. Solche Ausbrüche interessieren ihn. Er ist selbst oft wütend, sehr sogar. Er hat seinen Schuh nur deshalb anbehalten, weil er über sich selbst, über die Gewalt in seinem Kopf dann doch erschrocken war. Oft genügen ihm seine Schreie und Pfiffe nicht, um das zu erreichen, was er sich wünscht: "Viele Politiker, auch Merkel, wirken auf mich, als wären sie aus Teflon. Ich würde sie gern mal aus der Fassung bringen."

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Heiko Müller, 53 Jahre alt, Buchhalter, ist ein bekennender Krawallmacher. Ein Wutbürger. "Man kann und darf pöbeln", sagt er. "Für mich ist das Pöbeln ein Hilfeschrei. Ein Schrei, um endlich mal beachtet zu werden mit all den Ängsten, die man hat." Seit drei Jahren sucht er nun schon diese Aufmerksamkeit. Es gibt Menschen, die über Heiko Müller sagen, er sei streitsüchtig, narzisstisch und suche doch sowieso nur die einfachsten Lösungen und außerdem das Rampenlicht. Er selbst entgegnet darauf: "Es geht mir um echte Sorgen und Nöte, die eben keiner hören will. Deshalb muss man laut sein."

Heiko Müller ist ein Beispiel aus den Reihen derer, die auch jetzt im Wahlkampf auffallen. Eine störrische, schrille Menge, die andere übertönt. Mal sind es nur ein paar Dutzend Menschen, mal ein paar Hundert, es gibt sie auch in Westdeutschland, aber am häufigsten sind sie im Osten zu hören. Keine Massenbewegung, jedenfalls nicht an den einzelnen Schauplätzen, aber ein Zeichen dafür, wie sehr sich die Stimmung im Land verändert hat. Wie zerrissen und aufgewühlt viele Menschen sind. Wie trotzig und überreizt sie reagieren.

Müller sieht sich als Stimme des Volkes

Müller ist kein Prototyp. Mit manchen aus den Pöblerreihen eint ihn nicht mehr als die Wut auf Politiker. Dennoch gehört er zu den besonders hartnäckigen Protestlern. Sobald in seiner Heimatstadt Dresden irgendein Ereignis für hitzige Diskussionen sorgt, sobald sich Politprominenz ankündigt, kann man sicher sein: Heiko Müller ist ganz vorn mit dabei. Egal welches seiner vielen Feindbilder gerade auftritt, ob Heiko Maas, Claudia Roth, Sigmar Gabriel oder eben die Kanzlerin. Ab und zu fährt Müller ihnen mit seiner silbernen Trillerpfeife auch in andere Städte hinterher. Er will denen zeigen, was sie seiner Meinung nach nicht sehen. "Es kocht in der Mehrheit des Volkes. Egal wo ich hinkomme, zum Bäcker, zum Handwerker, an die Supermarktkasse, überall sagen mir die Leute, dass sie nicht einverstanden sind mit der Politik. Dass es ihnen nicht so gut geht, wie es immer dargestellt wird. Dass trotzdem immer alles beim Alten bleibt und sie kaum Alternativen sehen."

Heiko Müller sieht sich als Stimme des Volkes. Des einfachen Volks, sagt er, und zählt auf: alte Leute mit zu knapper Rente, Obdachlose ohne Perspektiven, Multi-Jobber ohne Sicherheiten. Er selbst gehört nicht zu ihnen. Er ist alles andere als ein Verlierer. Das ist nicht der einzige Widerspruch, mit dem er lebt. Das gehört zu den Schwierigkeiten, wenn man sich mit ihm auseinandersetzt. Auf eine andere Weise ist er unkompliziert. Wenn er auf seinem Sofa sitzt, wirkt er ruhig, entspannt. Dann erzählt er von seinen Aggressionen im lockeren, freundlichen Plauderton.

Schilderwald vor der Villa

Auch sein Zuhause sieht nach einer eigenwilligen Allianz von Gediegenheit und Störung aus. Eine Villa in bester Dresdner Lage, piekfein, friedlich. Wären da nicht die Bäume rund um das Grundstück, die von oben bis unten mit AfD-Plakaten behängt sind. Einige Spaziergänger stehen staunend vor diesem Sorgenwald. Heiko Müller lebt im Untergeschoss der Villa zur Miete, gemeinsam mit seinem Mann und zwei Katzen. Er hat ein schönes Leben, sagt er. In der DDR hat er Florist gelernt und lange in diesem Beruf gearbeitet. Inzwischen ist er im Buchhaltungsbüro seines Mannes angestellt. "Mir ging es in der DDR gut und mir geht es jetzt gut", sagt Müller. Warum also ist er trotzdem so wütend auf die Politik?

Er hat viele Antworten darauf. Enttäuschungen und Eskalationen kommen darin immer wieder vor. Und seine ganz eigene Sicht auf die Welt. Politik kam in seinem Leben lange nur am Rand vor. 1989 hat auch Müller sich in Demonstrationen eingereiht, um für einen Umbruch zu kämpfen, aber danach wurde es in seinem Leben wieder ruhig. Allerdings: Umbruchsstimmungen mobilisieren ihn immer wieder. Als er 2005 Angela Merkel und die CDU wählte, geschah das, "obwohl ich die Frau ein bisschen hölzern fand, aber ich wollte damals etwas Neues, ein Zeichen setzen gegen Schröder und seine Reformen". Diese Entscheidung hat er bereut. "In meinen Augen hat Angela Merkel komplett versagt. Sie sitzt alles aus und jetzt kommt noch Arroganz hinzu."

Müller schimpfte über die Energiewende, "da hat Merkel kurzfristig entschieden, um Stimmen zu kassieren, aber wir bezahlen nun die Rechnung dafür". Noch wütender wurde er 2015, als immer mehr Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Er reihte sich bei Pegida ein und wurde bald AfD-Mitglied. Das ist nun seine Welt. Darin ist kein Platz für Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft, nicht für Offenheit gegenüber Einwanderern – noch nicht mal für gute Erfahrungen mit ihnen. "Ich habe selbst noch keine einzige positive Flüchtlingsgeschichte erlebt. Die Leute, die ich treffe, sprechen entweder kein Deutsch oder finden keine Arbeit, auch wenn sie es vielleicht wollen. Aber die sollen der Gesellschaft ja was zurückgeben und nicht nur von ihr leben. Wenn andere Leute ein großes Herz haben, sollen die denen doch helfen. Aber ich muss das als Bürger ja mitfinanzieren. Das will ich nicht."

Bundestagswahlkampf - Das AfD-Programm in einer Minute Was will die AfD? Mark Schieritz, Korrespondent im Hauptstadtbüro der ZEIT, erklärt, wie sich die Partei positioniert. © Foto: Jan Lüthje