TV-Moderator Thomas Gottschalk hat das TV-Duell treffend zusammengefasst. Inhaltlich hätten sich Angela Merkel und Martin Schulz kaum unterschieden, sodass es fast egal sei, wer Deutschland am Ende regiere, sagte der TV-Moderator direkt im Anschluss in der ARD.

Schulz und Merkel wollen sich beide nicht auf ein Enddatum für den Dieselmotor in Deutschland festlegen, beide wollen mehr Polizisten, ähnliche Maßnahmen in der Terrorabwehr, bei Nordkorea sind sie sich einig, dass die Krise nur mit Diplomatie gelöst werden kann. Beide sind für eine Art Einwanderungsgesetz, um gut ausgebildete Ausländer nach Deutschland zu holen und verkaufen dies auch als Lösung in der Flüchtlingsfrage. Schulz und Merkel setzen aber auch auf Abschottungsmaßnahmen gegen Flüchtlinge und zögern, den Familiennachzug für Geflüchtete wieder großzügiger zuzulassen.

Wenn es allerdings um Haltungsnoten geht, so verpatzt Martin Schulz an entscheidenden Stellen seinen Auftritt. Zum Beispiel in seinem Schlusswort, in dem der SPD-Kanzlerkandidat mit Aussetzern zu kämpfen hat. Er formuliert stockend, die zentrale Botschaft kommt nicht so knackig rüber, wie sie ihm wohl seine Berater aufgeschrieben hatten. Er wolle die Zukunft gestalten, Mut zum Aufbruch versprühen, sagt Schulz. Doch wirkt er im entscheidenden Moment eben unsicher.

Bundestagswahl - Die wichtigsten Aussagen aus dem TV-Duell Die Themen Flucht und Migration haben lange die Debatte zwischen Martin Schulz (SPD) und Angela Merkel (CDU) dominiert. Die Rente, der Dieselskandal und die Innere Sicherheit kamen kurz zur Sprache. Ein Überblick © Foto: -/MG RTL D/dpa

Fatal für einen, der zeigen muss, dass er Kanzler kann

Ebenso, als er – schon früher am Abend – ein Zitat des persischen Mystikers Dschalal ad-Din al-Rumi vorbringt: "Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns." Es geht um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört und darum, dass die Religion nichts mit dem Terrorismus in seinem Namen zu tun habe. Schöne, wahre Worte. Doch es verunsichert Schulz, dass er diese nun früher ruft als geplant. Und so stehen sie ein wenig einsam im Raum.

Schulz zeigt Nerven: Es sind genau solche Holprigkeiten, die fatal sind für den Kandidaten, der noch beweisen muss, ob er Kanzler kann. Vor allem in den unruhigen Zeiten, in denen sich die internationale Politik befindet.

Dabei ist Schulz durchaus mit Verve und guter Laune in das Duell gestartet. Sein Vorhaben, Merkel inhaltlich zu stellen, ist ihm zum Beispiel bei der Rente mit 70 gelungen. Die Kanzlerin verspricht vor einem Millionenpublikum, dass es diese mit ihr nicht geben werde – obwohl schon einzelne CDU-Politiker und auch der potenzielle Koalitionspartner FDP offen über eine längere Lebensarbeitszeit sprechen.

Merkel piesackt mit der Koalitionsfrage

Auch beim Umgang mit der Türkei bringt Schulz Merkel zunächst in Rechtfertigungsnot. Sie gehe keinesfalls zu lasch mit Premier Recep Tayep Erdoğan um, muss die Kanzlerin mehrfach betonen. Allerdings will sie sich Schulz' Forderungen nach schwerwiegenderen Konsequenzen nicht anschließen, so zum Beispiel einem definitiven Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei, den Schulz als Kanzler forcieren will.

Hier muss er sich aber auch von Merkel belehren lassen, so wie an manch anderer Stelle im Duell. Das könne er in der EU doch gar nicht allein entscheiden, sagt die Kanzlerin. Es sei nicht klug, jegliche Diplomatie abzubrechen, das helfe auch den Inhaftierten nicht.

Eine strategische Schwäche der SPD ist es, dass sie auf die Frage nach möglichen Koalitionen nach der Bundestagswahl immer in die Defensive gerät. Er wolle Kanzler werden, sagt Schulz mantrahaft, als die Moderatoren ihn fragten, ob er – so wie zeitweise Ex-Parteichef Sigmar Gabriel – eine erneute große Koalition ausschließe. Auch eine Zusammenarbeit mit der Linkspartei will Schulz nicht ausschließen. Hier verunsichert Merkel ihn erfolgreich.

Bundestagswahl - Reaktionen auf das TV-Duell Tolle Schlussworte, langweilige Fragen, eine gelassene Merkel und ein europäischer Schulz - Politiker und Prominente reagieren auf das TV-Duell zwischen den Kanzlerkandidaten von CDU und SPD. © Foto: Fabrizio Bensch, Reuters