Interessiert der deutsche Wahlkampf in anderen Ländern? Wie wird Angela Merkel in der Welt wahrgenommen? Wir haben unsere Korrespondenten gefragt.

Russland: Merkel steht für die Sanktionen

Wenn es sonntags in Moskau 20 Uhr schlägt, ist die Apokalypse zum Greifen nah. Dann kommentiert der Moderator Dmitrij Kisseljow in seiner Sendung Westi Nedeli das Weltgeschehen der Woche aus russischer Perspektive. Beliebte Themen: die Niedertracht der USA oder die Schwäche und Verkommenheit Europas, das seine christlichen Werte ausverkauft und sich Islamisten ins Land geholt hat. Sollte Europa eines Tages untergehen – und nach Untergang riecht es! –, dann liegt nach einem Fernsehabend mit Kisseljow die Vermutung nahe, dass Angela Merkel daran schuld sein wird. Immerhin hat sie die Beziehungen zu Russland ruiniert, da ist sich Kisseljow sicher.

Die Ukraine? Wolle sich Merkel greifen, um die Lebensraumpolitik der Deutschen fortzusetzen, und wer sich hier kurz an Hitler erinnert fühlt: Der Effekt ist gewollt. Merkel kurz nach der Ernennung Donald Trumps zum 45. amerikanischen Präsidenten? Sei krass gealtert, aus der "politischen Mode" gekommen, verkörpere Europas Vergangenheit, nicht die Zukunft. Habe das Land mit Flüchtlingen aus Nordafrika und dem Nahen Osten vollgestopft, nun stecke Deutschland in einer Sackgasse. Deutschland? Ganz Europa!

Kurioses Nischenfernsehen, könnte man meinen, aber Kisseljow ist der mächtigste Journalist in Russland (und steht als einziger Journalist auf der EU-Sanktionsliste), er leitet das weltweit agierende staatliche Medienimperium Rossija Sewodnja. Seine Sendung Nachrichten der Woche läuft zur besten Sendezeit bei einem der wichtigsten Staatssender, und allsonntäglich schalten mehrere Millionen Zuschauer ein, wenn Kisseljow ihnen die Welt erklärt.

Merkel hat Satan geküsst

Als das Umfrageinstitut Lewada die Russen zuletzt vor einem Jahr nach ihrer Haltung zu diversen Regierungschefs fragte, bewertete fast niemand Merkel durchweg positiv. Zwei Drittel der Befragten sahen Merkel negativ – schlechter schnitten nur der Ukrainer Petro Poroschenko, der Amerikaner Barack Obama und der Türke Recep Tayyip Erdoğan ab, der nach dem Abschuss eines russischen Kampfjets über Nacht zum russischen Erzfeind geworden war. Merkel, wie es in einem russischen Blog heißt, habe ihre enorme Beliebtheit eingebüßt – wegen des "Umsturzes in der Ukraine" und der "Migrantenkrise". Sie sei die "Mörderin Deutschlands". Im Sommer meldete sich der homophobe Politiker Witalij Milonow zu Wort, als in Deutschland die Schwulen-Ehe gesetzlich erlaubt wurde: Merkel habe Satan geküsst.

Man macht sich viele Sorgen um Deutschland und Europa in Russland, aber in diesem Jahr es ist ruhiger geworden um Angela Merkel. Der deutsche Wahlkampf ermüdet offenbar nicht nur die Deutschen, sondern auch die Russen. Im Staatsfernsehen kommt er nur gelegentlich vor, wenn es etwa solche Bilder gibt: Die Menge buht die Kanzlerin aus, oder Demonstranten halten "Merkel muss weg"-Plakate hoch. Dabei stellt sich auch für die Russen kaum mehr die Frage, ob Merkel wieder Kanzlerin wird, eher: mit wem? Dazu passt auch, über wen die Staatsmedien im Moment wirklich prominent berichten: Ex-Kanzler Gerhard Schröder und seine Nominierung für den Aufsichtsratsvorsitz bei Rosneft.

Aus Sicht der herrschenden Klasse steht Merkel für die Sanktionen und eine Krise der Beziehungen zu Russland (und Gerhard Schröder für die süße Utopie). Das Leben könnte einfacher sein ohne diese Kanzlerin, aber es gibt ja auch noch die Amerikaner. Denn eigentlich, räumt Kisseljow manchmal ein, kann Merkel nicht wirklich etwas dafür, so ein Albtraum für Russland zu sein: Sie ist ja doch nur eine Marionette der USA.

von Alice Bota, Moskau