Merken Sie das auch? Irgendetwas stimmt doch nicht in diesem Wahlkampf. Martin Schulz tourt über die Marktplätze der Republik und wird dort fast schon wie ein Rockstar gefeiert. Marburg, Erfurt, Göttingen – egal, wo der SPD-Kandidat Station macht, fast überall schlagen ihm Zuspruch und Begeisterung entgegen. Seit Wochen lesen sich die Berichte über seine Tour anders als die von den Wahlkampfauftritten der früheren Spitzenkandidaten Steinmeier und Steinbrück. Es kommen deutlich mehr Menschen als vor vier oder acht Jahren und viele gehen begeistert nach Hause. Auch das verkorkste TV-Duell hat daran nichts geändert.

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Während Schulz also die Mittelzentren rockt, schlägt der Kanzlerin vor allem im Osten unverhohlener Hass entgegen. Angela Merkel wird ausgebuht, niedergeschrien, beschimpft, beworfen.

Die Umfragen, auch die neuesten, zeichnen aber ein ganz anderes Bild. Weiterhin bewegt sich hier – nichts. Der Vorsprung der Unionsparteien liegt je nach Institut zwischen zehn und 14 Prozent. Die parallele Welt der Marktplätze kann ihnen scheinbar nichts anhaben. Als ob es in der Republik gerade zwei Wirklichkeiten gebe.

Auf der Suche nach Parallelen lande ich im Jahr 2005, bei einem Satz, den ich nicht vergessen werde: "Hänschen, das war’s!" Vor mir auf seiner Wohnzimmer-Couch saß damals ein gewisser Joschka Fischer, an diesem nachösterlichen Sonntagmorgen noch Außenminister der Bundesrepublik Deutschland. Gerade hatte ich ihm die Nachricht überbracht, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder im wahrscheinlichen Fall einer Niederlage bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen sofort Neuwahlen ausrufen wollte. Machtmensch Fischer hatte sofort realisiert, dass es mit Rot-Grün nun bald zu Ende gehen würde und damit auch mit der eigenen Außenministerei. "Hänschen, das war’s!"

Mich trieb in diesem Moment eine ganz andere Sorge um. Wie bitteschön sollte dieser desillusionierte Mensch vor mir den nun anstehenden Wahlkampf zu einem guten Ergebnis für die Grünen führen? Gestern noch auf Du und Du mit Kofi und Madeleine in New York und Washington, heute zurück auf dem Boden der Tatsachen, zurück im Klein-Klein der deutschen Parteipolitik. Mitten hinein in seinen Jetlag war ich mit meiner heiklen Nachricht geplatzt. Nun starrten wir wortlos auf die Übertragung eines drittklassigen Radrennens bei Eurosport.

Verlangt wird Selbsthypnose

Geschichte wiederholt sich ja angeblich nicht. Jeder Wahlkampf ist anders – eine Binse. Und doch will mir diese Szene nicht aus dem Sinn, wenn ich den Wahlkampf hier und heute beobachte, denn alle Wahlkämpfe sind eben auch ein bisschen gleich. Sie sind eine einzige psychische und physische Grenzüberschreitung. Keinem Spitzenkandidaten ist das möglich ohne selbsthypnotische Fähigkeiten. Die Rede ist vom berühmten Tunnelblick, der Zweifel rechts und links ausblendet. Die Rede ist von der Kunst der Autosuggestion.

Joschka Fischer jedenfalls zog ein paar Wochen später in sein letztes Gefecht, als gäbe es all die deprimierenden Umfragen und medialen Abschiedsgesänge um ihn herum gar nicht. Tausende und Abertausende Besucher seiner Wahlkampftour zog er in seinen Bann mit einer Siegeszuversicht, die so gar nicht in die Zeit passen wollte.