Zu der am heutigen Sonntag stattfindenden Bundestagswahl hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Deutschen aufgefordert, ihre Stimme abzugeben. "Wahlrecht ist Bürgerrecht. Für mich ist es in einer Demokratie vornehmste Bürgerpflicht. Gehen Sie zur Wahl!", schreibt der Präsident in der Bild am Sonntag. "Wer nicht wählt, lässt nur andere über die Zukunft unseres Landes entscheiden", warnte Steinmeier. Es sei vielleicht noch nie so spürbar wie jetzt gewesen, dass es in Wahlen auch um die Zukunft der Demokratie und die Zukunft Europas gehe. "Jede Stimme zählt – Ihre Stimme zählt", schrieb er. "Es geht bei dieser Wahl um viel. Wenn Sie wählen, geht es um das, was Ihnen wichtig ist."

Umfragen zufolge gilt eine Bestätigung von Angela Merkel als Bundeskanzlerin als wahrscheinlich – trotz erwarteter Verluste für die Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD. Mit Spannung wird aber erwartet, ob sich Merkel Regierungsbündnisse jenseits der großen Koalition bieten werden. Politiker und Beobachter äußerten sich zudem besorgt darüber, dass die rechtsnationale AfD erstmals und als drittstärkste Kraft in den Bundestag einziehen könnte.

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Viele unentschlossene Wähler

Rund 61,5 Millionen Deutsche sind zur Wahl aufgerufen. Die Wahllokale haben von 8 Uhr bis 18 Uhr geöffnet. Letzte Umfragen sehen die Union zwischen 34 und 36 Prozent. Die SPD steht bei 21 bis 22 Prozent. Die AfD käme auf 11 bis 13 Prozent, die Linke auf 9,5 bis 11, die FDP auf 9 bis 9,5 Prozent. Damit könnte neben einer neuen großen Koalition aus Union und SPD auch ein Jamaikabündnis aus Union, FDP und Grünen möglich werden. Die Grünen stehen bei 7 bis 8 Prozent. Angesichts zahlreicher unentschlossener Wähler sind jedoch Überraschungen möglich.

Merkel, ihr SPD-Herausforderer Martin Schulz und andere Spitzenkandidaten kämpften bis zuletzt um die Stimmen unentschlossener Wähler. Schulz warb am Samstag in Aachen noch einmal für einen Regierungswechsel unter seiner Führung. "Wir kämpfen bis zur letzten Minute", sagte der 61-Jährige. Es gelte, eine "Regierung der sozialen Kälte" und einen Erfolg der AfD zu verhindern. "Es droht zum ersten Mal seit 1945, dass im Bundestag wieder die Totengräber der Demokratie das Wort ergreifen", warnte er.

Die Bundeskanzlerin besuchte zum Abschluss des Wahlkampfs ihren Wahlkreis in Mecklenburg-Vorpommern, wo sie vor vier Jahren 56,2 Prozent der Erststimmen erhalten hatte. Sie rief die CDU noch einmal zum Kampf um die Stimmen unentschiedener Wähler auf. "Viele entscheiden sich erst in den letzten Stunden", sagte sie bei einem Treffen mit jungen CDU-Wahlkampfhelfern in Berlin.

Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, äußerte sich besorgt über die hitzige Stimmung vor allem in Ostdeutschland. "Diese Wut und der Hass, der dieser Tage auf der Straße zu beobachten ist, beunruhigt mich schon sehr", sagte er der Berliner Zeitung. Der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, erwartet jedoch, dass sich die AfD nach ihrem Einzug in den Bundestag rasch zerstreiten wird. "Die AfD wird sich zerlegen, weil das bei sektiererischen Gruppen vom rechten Rand bisher immer so war", sagte er der Neuen Osnabrücker Zeitung.