Dies ist ein Text unserer neuen Serie Fünf und der Fisch. Bis zur Bundestagswahl schreiben fünf Experten über Prognosen, Versprechen und Kampagnen. Und ein Fisch prognostiziert den nächsten Kanzler. Alle Informationen über die Serie finden Sie hier.

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Zuerst die gute Nachricht für den Kanzlerkandidaten der SPD. Lieber Martin Schulz, dieser Beitrag enthält keinen einzigen guten Ratschlag für das TV-Duell am Sonntag.

Eigentlich kann man dem guten Mann auch nur wünschen, dass er diese Woche nicht zu oft in die Zeitungen und Portale geschaut hat. Soviel Rat war selten. Angreifen soll er die Kanzlerin bitteschön am Sonntag, aber auch wieder nicht zu sehr, denn das macht man nicht, und es wirkt auch unsympathisch. Merkel ignorieren empfiehlt der eine Guru, provozieren ein anderer, kritisieren ein dritter. Den Schröder soll er geben. Oder den Anti-Schröder. Je nachdem. Unbedingt Europa thematisieren, ruft es von hier. Bloß keine Außenpolitik, schallt es von da. Zahlen und Fakten sicher vorgetragen wünschen sich die einen, vor Datenhuberei warnen die nächsten. Ungerechte Zustände anprangern, aber bitte, bitte das Land nicht schlechtreden. Mensch Martin, da weißte doch Bescheid.

Und über allem schwebt eine wahnsinnige Erwartungshaltung, geschürt nicht zuletzt von den eigenen Leuten. Die Latte liegt inzwischen so hoch, dass der Kandidat eigentlich nur souverän darunter durchlaufen kann. Nicht weniger als die Trendwende erhoffen die Genossen. Sonntagabend soll sie spätestens gegen 21.45 Uhr kommen, die Aufholjagd sich danach endlich auch in den Umfragen niederschlagen.

Das ist gelinde gesagt ein bisschen viel verlangt von einem einzelnen Menschen, selbst wenn sie ihn in der SPD ein paar Wochen für ihren Messias gehalten haben. Immerhin hat seine Kandidatur ja der malträtierten Seele der Partei so gutgetan, dass er ihr neues Leben einhauchen konnte. Das ist nicht wenig, gewiss nicht. Am Sonntag, drei verlorene Landtagswahlen und ein neues Umfragetief später, soll es der Martin also noch einmal  rumreißen. Doch weder ist das Duell Schulzens letzte Chance, wie oft behauptet wird. Noch ist ausgemacht, dass ein klarer Sieg des Herausforderers ausreicht, um die Umfragen zu drehen. Drei lange Wochen dauert es danach immer noch bis zum Wahlsonntag. Drei Wochen, in denen viel passieren kann, in denen Vorsprünge schmelzen oder wachsen können. Oder um es mit Horst Seehofer zu sagen: "Es ist noch genug Zeit bis zur Bundestagswahl, dass wir sie auch verlieren können."

Freilich ist das TV-Duell eine einmalige Chance für Martin Schulz. Zum ersten Mal schickt die SPD gegen die Kanzlerin einen Mann ins Studio, der nicht mit ihr regiert hat. Zum ersten Mal seit Jahresbeginn hebt ihn das Format auch wieder auf die ersehnte Augenhöhe mit Merkel. Und das auch noch mit maximaler Sichtbarkeit. 15 bis 20 Millionen Deutsche schauen zu, vielleicht diesmal sogar ein paar mehr, die die Neugier auf den impulsiven Herausforderer vor die Bildschirme zieht. Nur Fußball-WM und Olympiaübertragungen elektrisieren das Fernsehpublikum noch mehr. Gut möglich, dass der Herausforderer viele Zuschauer überraschen kann, wo ihm doch nur 17 Prozent laut einer Umfrage zutrauen, dass er Merkel in dem Duell schlagen wird.

Dazu kommt: Angela Merkel hat noch keines ihrer drei TV-Duelle gewonnen. Das Format liegt ihr nach wie vor nicht so richtig, auf überraschende Fragen oder Gesprächswendungen reagierte sie bisher eher zögerlich und manchmal auch ein bisschen unbeholfen.