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23. September 2017 vor 2 Monaten aktualisiert
© Imre Balzer

Bundestagswahlkampf: Endspurt vor dem Hipster-Hauptquartier

Ein Tag zur Wahl: In Berlin-Mitte will die FDP bis zur letzten Minute werben. In Sachsen kämpft ein Bürgermeister gegen die niedrige Wahlbeteiligung im Ort. Unser Blog

Am 24. September wählen die Deutschen einen neuen Bundestag. Ihr Blick richtet sich auf Angela Merkel und Martin Schulz – dabei passiert kurz vor der Wahl sehr viel mehr. In 299 Wahlkreisen kämpfen Direktkandidaten um den Einzug ins Parlament. Zwischen Flensburg und Friedrichshafen findet Wahlkampf im Kleinen statt. Welche Diskussionen werden dort geführt? Über welche Themen wird gestritten? Reporter von ZEIT ONLINE und der ZEIT reisen durch Deutschland. Ihre Eindrücke, Geschichten und Begegnungen schildern sie bis zur Wahl in diesem Blog.

  • 17:35 Uhr
    Ferdinand Otto

    In den letzten zehn Tagen vor der Bundestagswahl haben wir in diesem Blog, Überland wählt, das Echo der großen Politik im Kleinen beleuchtet. Reporter von ZEIT ONLINE waren in Bayern, Thüringen, Sachsen, NRW, Berlin und Brandenburg unterwegs. 


    Sie berichteten unter anderem von Pöbeleien im Wahlkampf, zertrümmerten Wahlplakaten, Flüchtlingen, die gut und gerne in Deutschland leben möchten, Briefwählern, Nichtwählern und den Wählern von Mini-Parteien. 

    Unser Blog war der Versuch, Politik jenseits der Parteizentralen und Pressekonferenzen abzubilden. Morgen um acht Uhr öffnen die Wahllokale. Wir schließen dieses Blog. Über Geschichten, Menschen und Eindrücke aus allen Ecken von Deutschland werden wir auf ZEIT ONLINE an anderer Stelle weiterhin berichten.

  • 15:58 Uhr
    Imre Balzer



    Natürlich ist auch Christian Lindner am Rosenthaler Platz in Berlin-Mitte. Hier will die FDP Berlin-Mitte die letzten Stunden vor der Wahl nutzen, um Wahlkampf zu machen. Deshalb steht sie jetzt mit vier Ständen an jeder Ecke des Platzes und verteilt Wahlprogramme und Luftballons (gelb, blau, magenta), Kugelschreiber (magenta) und Balisto-Schokoriegel (natürlich auch magenta), um noch die letzten Unentschlossenen zu überzeugen. Bis 24 Uhr ist ihnen das erlaubt – und genauso lange wollen sie es hier auch aushalten.

    Parteichef Christian Lindner ist nicht persönlich da, er bestreitet den offiziellen Wahlkampfabschluss der Partei auf dem Schadowplatz in Düsseldorf. Linder lehnt vielmehr als Wahlplakat hinter dem Stand und überblickt die Bemühungen von FDP-Kandidatin Katharina Ziolkowski und ihren Helfern. Sie will die FDP zur drittstärksten Partei in Berlin machen. Während Lindner also in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt noch mal Selfies mit Anhängern macht und über Bildung, Digitalisierung und mögliche Koalitionsoptionen spricht, übt sich die FDP-Mitte in der ganz analogen Wählerwerbung. Ziolkowski freut sich, dass sie gerade eine ehemalige Grünen-Wählerin von der FDP überzeugen konnte. Und alle sind natürlich hochzufrieden mit dem Wahlkampf. Man habe kaum noch Material zum verteilen, betont eine Helferin. Ansonsten herrscht typische Wahlkampfstand-Stimmung: Einige Passanten bleiben stehen, die meisten wegen der Kugelschreiber und der Luftballons. Einmal habe sie auch die 90-seitige Langfassung des Wahlprogramms schon ausgeteilt, sagt eine Helferin. Bei denen, die diskutieren wollen, sind vor allem die Themen Integration und Bildung ein Thema.


    (Foto: Ina Fassbender/dpa)

    Eigentlich sollte die Abschlussveranstaltung der FDP Berlin-Mitte wie vor vier Jahren am Alexanderplatz stattfinden. Weil der aber schon vom Berlin Marathon besetzt ist, musste man an den Rosenthaler Platz ausweichen. Es ist also Zufall, dass die selbst ernannte Digital- und Start-up-Partei direkt vor dem inoffiziellen Hauptquartier der Berliner Start-up-Szene steht: dem Café St. Oberholz. Hier arbeiten auch am Samstag hippe Endzwanzigjährige an ihren Macbooks. Die Zielgruppe der neuen FDP also. Luftballons wollen die zwar keine, der echte Christian Lindner hätte sich hier aber sicher sehr wohl gefühlt.

  • 11:37 Uhr
    Doreen Reinhard

    Die Gemeinde Arzberg in Nordsachsen fällt nach Wahlen immer wieder auf, weil hier die Wahlbeteiligung meist am niedrigsten ist, zumindest im Sachsen-Vergleich. Holger Reinboth, parteiloser Bürgermeister, sucht nach Ursachen und Lösungen. 


    Herr Reinboth, woran liegt es, dass so viele Arzberger nicht an Wahlen teilnehmen?
     Bei der Landtagswahl 2014 betrug die Wahlbeteiligung in Arzberg etwa 30 Prozent, bei der letzten Bundestagswahl circa 50 Prozent. Diese niedrigen Werte haben vielleicht allgemein etwas mit Politikverdrossenheit zu tun. Vielleicht aber auch mit unseren geografischen Besonderheiten. Die Gemeinde Arzberg liegt in Nordsachsen, erstreckt sich über 58 Quadratkilometer und hat knapp 2000 Einwohner, die in 18 sehr verstreuten Ortsteilen leben. Wir können aus organisatorischen Gründen in der Gemeinde nur zwei Wahllokale anbieten. Also müssen sich jeweils neun Ortsteile in ein Wahllokal reinteilen. Der Altersdurchschnitt unserer Gemeinde liegt bei etwa 47 Jahren, aber wir haben natürlich einen recht hohen Anteil an Bürgern, die sehr alt sind, alleinstehend und eben nicht mobil. Und das ist ein großes Problem. Wir müssen sehen, wie wir diese Leute am Sonntag zu den Wahllokalen bekommen. 

    Was ist Ihre Lösung dafür? 
    Es gibt natürlich auch hier einen großen Bedarf an der Briefwahl. Für alle, die das nicht in Anspruch nehmen, aus welchen Gründen auch immer, müssen wir uns etwas überlegen. Es wurde in den letzten Jahren auch immer mal über mobile Wahllokale nachgedacht. Dieses Mal lösen wir es aber so, dass wir unseren Bürgerbus anbieten. Man muss sich nur vorher anmelden, dann kann jeder von acht bis 18 Uhr mit dem Bus zum Wahllokal gebracht werden. Das ist immerhin ein Angebot. Wir haben auch versucht, allerhand Öffentlichkeitsarbeit für die Wahl zu machen und zum Beispiel zwei Veranstaltungen mit Direktkandidaten aus der Region organisiert. Aber letztendlich entscheidet bekanntlich jeder selbst, ob und wem er am Sonntag seine Stimme gibt. 

    Was sind die drängenden Themen in Arzberg? 
    Typische Probleme, die viele ländliche Gemeinden haben. Das fängt beim Erhalt von Infrastruktur an, von Einkaufsmöglichkeiten bis zum Hausarzt. Geht weiter bei Problemen, die man mit der Verkehrsanbindung im ländlichen Raum hat. Und hört bei der Breitbandversorgung für die Haushalte nicht auf. Das sind Sorgen, die viele Einwohner beschäftigen. Als Kommune merken wir wiederum, dass bei uns ein großes finanzielles Loch klafft. Wir sind eine relativ kleine Kommune mit einem bescheidenen Haushalt und nur wenigen Einnahmen aus dem Gewerbebereich. Wir müssen immer sehen, wie wir unseren Haushalt rund bekommen, Extra-Ausgaben sind kaum drin. Allgemein merken wir bei den Bürgern aber eben auch Probleme mit einer gewissen Politikverdrossenheit. Die bekommen wir hier mit, aber die Ursachen sind eher hausgemacht auf der politischen Bundesebene. 

    Was glauben Sie, welche Parteien in Arzberg besonders stark abschneiden werden? 
    Ich denke, dass in Arzberg eher links gewählt wird. So war es zumindest in den letzten Jahren immer Tradition. Wir hatten aber auch immer schon einen bedenklich hohen Anteil an NPD-Wählern. Und vielleicht macht dieses Mal auch die AfD einen großen Sprung nach vorn in der Gemeinde.

  • 11:28 Uhr
    Martin Sistig

    CDU, SPD, FDP – kennt jeder. Doch wer weiß eigentlich, was die Magdeburger Gartenpartei will? Nicht alle der 42 Parteien, die sich zur Wahl stellen, sind deutschlandweit bekannt. Deshalb stellen wir in unserer Reihe zehn der Parteien vor, die wenig beachtet werden. Dafür besuchen wir Wahlveranstaltungen, sprechen mit Kandidaten und lassen auch mal die Wähler zu Wort kommen.


    Michael Schulz, 40, ist Fahrlehrer aus Berlin Reinickendorf und hat dieses Jahr eine neue Partei mitgegründet: Die Grauen. Mit dem Untertitel: Für alle Generationen. Klingt nicht zufällig so wie die Grauen Panther – Schulz’ Partei hat sich von den Panthern abgespalten. Die haben einen Ruf als “Renterpartei”, findet er. Deshalb stehen nun drei Direktkandidaten und eine Landesliste der Grauen in Berlin zur Wahl. 

    Warum haben Sie die Partei die Grauen gegründet? 
    Die Grauen Panther wollten nicht an der Bundestagswahl teilnehmen. Da ein großer Teil der Partei aber Politik machen wollte, mussten wir eine Lösung finden. Die Neugründung ist dafür ein guter Weg - auch , um das Rentnerimage loszuwerden. 

    Warum wollten die Grauen Panther nicht an der Wahl teilnehmen? 
    Viele sahen wohl keine Chance auf Erfolg und wollten keine Zeit investieren. Die Partei ist generell blockiert. Der Bundesparteitag der Grauen Panther fand mit zwölf Mitgliedern statt. Und neue Mitglieder wurden oftmals abgelehnt. 

    Was wollen die Grauen jetzt anders machen? 
    Wir wollen eine Mindestrente einführen und die Pflegesituation dramatisch verbessern. Gleichzeitig wollen wir die Lehrmittelfreiheit ausbauen und dafür sorgen, dass man auch mit einem Haupt- oder Realschulabschluss in die Berufswelt einsteigen kann. 

    Also ist die Rente immer noch ein Schwerpunktthema Ihrer Politik. 
    Wir sagen, die Rente fängt an, wenn man geboren wird. Das Kita-Angebot und die schulische Ausbildung sind da große Faktoren. Und wir wollen dafür sorgen, dass Menschen im Alter wieder ordentlich gewürdigt werden. Es geht darum, alt und jung zusammenzuführen, das passiert auch bei uns in der Partei. Da stehen eine 20-Jährige und eine 70-Jährige gemeinsam am Wahlstand. Nur übernimmt die 70-Jährige vielleicht keine Acht-Stunden-Schicht. 

    Höhere Renten und eine bessere Sozialpolitik haben mehrere Parteien auf ihrer Agenda stehen, was unterscheidet die Grauen? 
    Wir sagen als Partei zu allen Themen etwas, genauso wie die etablierten Parteien. Gleichzeitig haben wir aber noch nie politische Verantwortung übernommen. Auf allen Plakaten steht nun soziale Gerechtigkeit, aber in den vielen Jahren, die diese Parteien regiert haben, wurde die Situation nicht besser. Wir sind nicht eingestaubt und haben keine Betriebsblindheit. Und um das auch zu vermeiden sind wir dafür, dass Mandatsträger insgesamt nur zweimal gewählt werden können. 

    Wie geht es mit der Partei nun weiter? 
    Die Unterschriften, um an der Bundestagswahl teilnehmen zu können, haben wir in nur acht Wochen gesammelt. Viele Menschen halten unsere Partei für unterstützenswert und wir wollen ernst machen. Nach der Bundestagswahl sollen weitere Landesverbände gegründet werden und wir treten bei der Landtagswahl in Niedersachen an.

  • 11:27 Uhr
    Sören Götz

    Die Partei “Menschliche Welt” wurde 2013 gegründet und tritt bei der Bundestagswahl in Baden-Württemberg, Berlin und Bremen an. Wir erreichen den Yoga-Mönch und Parteigründer Dada Madhuvidyananda, bürgerlich Michael Moritz, in seinem Ashram-Kloster in Oberschwaben. 


    Was unterscheidet Ihre Partei von anderen Parteien? 
    Für heutige Krisen ist der Führungsstil der Politiker verantwortlich. Deshalb bedarf es einer neuen Denk- und Handlungsweise: ethisch und altruistisch. Wir brauchen Führende, die alle Menschen, Tiere und Pflanzen lieben. Dabei helfen Meditation und Yoga, denn sie fördern Empathie und bewusstes Denken und Handeln. Nicht impulsiv und aus dem Drang nach Prestige, nicht aus Angst, nicht aus Gier, sondern aus der ureigenen Güte, die in jedem Menschen steckt. An unseren Führungstrainings haben schon eine Politikerin der Grünen und ein Kandidat der AfD teilgenommen. 

     Was ist die wichtigste inhaltliche Forderung Ihrer Partei? 
    Wir stehen für eine Friedenspolitik der Verhandlung und Verständigung anstelle von Aufrüsten und militärischer Konfrontation. Wir wollen den Abzug aller deutschen Soldaten in Auslandseinsätzen und den Stopp von Waffenexporten. 

    Was ist Ihr Ziel für die Bundestagswahl? 
    Wir wollen unsere Konzepte und Lösungsvorschläge möglichst vielen Menschen vorstellen. Unser Ziel ist auch, Menschen zu erreichen, die Verantwortung übernehmen möchten und sie zu schulen. Bei der Europawahl 2019 sehen wir die Chance, einen Sitz zu bekommen, denn da gibt es keine Fünf-Prozent-Hürde.

    Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Sie in den Bundestag einziehen. Verschenken Ihre Wähler da nicht ihre Stimme? 
    Ich könnte es nicht mit meinem Gewissen vereinen, eine Partei zu wählen, der ich in manchen Punkten nicht zustimme, nur weil sie Chancen auf Mandate hat. Es geht doch darum, das zu wählen, was meinen Werten entspricht. Wir bekommen täglich Mails von Leuten, die uns nicht kannten, aber beim Wahl-O-Mat eine große Übereinstimmung mit uns hatten. 

    Sie tragen ein oranges Gewand und einen Turban. Wie reagieren die Bürger auf Sie, wenn Sie Wahlkampf machen?
     Durchweg freundlich und respektvoll. Viele wissen nicht genau, was das bedeutet, manche halten es für etwas Islamisches und rufen “Osama bin Laden”. Aber ich wurde nie ausgelacht.

  • 21:56 Uhr
    Sophie Rohrmeier

    Diesmal spricht Merkel mit den Störern. Besser gesagt: Sie spricht über sie und sendet ein Signal – gegen sie. "Mit Pfeifen und mit Brüllen wird man die Zukunft Deutschlands sicher nicht gestalten", sagt die Kanzlerin auf dem Münchner Marienplatz am Freitagabend. Dort geht sie mit der CSU in die Endphase des Wahlkampfs. Die Pfiffe werden ihre ganze Rede begleiten, wie schon die Eröffnung von Ministerpräsident Horst Seehofer und die Worte seines Innenministers Joachim Herrmann. Die Ausdauer der Störer ist lang, die Kommentare der Politiker kurz. Die Wahlkampfveranstaltung sei eine der aufrechten Demokraten, nicht der linken und rechten Schreihälse, ruft Seehofer. Und Herrmann: "Die Mehrheit zählt in einer Demokratie, nicht die Lautstärke." Damit ist es getan für sie.

    Für Michael Voß ist es damit nicht getan. Er stellt sich schon drei Jahre lang Pegida in München entgegen. An diesem Abend ist er auch da. Nicht etwa, um Merkel zu unterstützen, sondern um die Heimat zu verteidigen, wie er sagt. Voß ist Münchner, auch seine Vorfahren lebten dort. "Ich bin in den Traditionen hier verwurzelt, und die haben definitiv nichts Ausgrenzendes", sagt er.

    Der Münchner Michael Voß

    Ein Symbol für seine Heimatverbundenheit ist seine Trompete. Sein Vater war Blasmusik-Dirigent, er selber spielt deshalb auch traditionelle bayerische Musik. Seine Trompete ist aber mehr: Sie ist sein Instrument des Protests. Heute will er nicht protestieren, er will nur da sein. Sich zeigen gegen die Rechten.

    Zu München und Bayern gehöre immer schon Weltoffenheit. Die Könige, sagt er, seien durch Europa gereist, holten sich Künstler von überall her. "Wenn man weiß, wo man herkommt, sollte es einem normalerweise leichter fallen, auf andere zuzugehen. Und gespannt erleben, was deren Geschichte ist.“

    Deshalb kehrt Voß der Bühne, auf die Merkel steigen wird, den Rücken zu. Sein Blick gilt der Einkaufsstraße, die auf den großen Platz führt. Von dort, sagt er, erwartet er die AfD- und Pegida-Anhänger. Fremdes, fügt Voß hinzu, bedrohe die Traditionen nicht. Im Münchner Stadtteil Neuperlach zum Beispiel, da sterbe der Dialekt nicht aus. "Die Türken in der dritten Generation sprechen ein sauberes Münchner Bairisch."

  • 21:35 Uhr
    Sören Götz



    Sogar die Musik war auf die Zielgruppe abgestimmt: Die Latin-Hip-Hop-Band Cuico sollte die jungen Sympathisanten der Linkspartei unterhalten, die 62-Jährige Punk-Koryphäe Nina Hagen die Alt-Linken. Es hätten den perfekten Soundtrack ergeben können für den Wahlkampfabschluss einer Partei, die nur wenige Wähler mittleren Alters anzusprechen scheint. Zum Roten Rathaus in Berlin sind vor allem Kapuzenpulliträger und Herren und Damen in Rentner-Beige gekommen.

    Doch Nina Hagen ist krank. "Sie wählt aber links, hat sie gesagt", verspricht ein Linken-Mitarbeiter. Na dann, halb so schlimm. Die Latin-Hip-Hop-Band spielt wie geplant, Partystimmung kommt aber keine auf. Einige ältere Zuschauer gucken skeptisch. Sie sind entweder wegen Nina Hagen gekommen oder wegen der Reden.

    Die Parteichefs Katja Kipping und Bernd Riexinger, die Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch halten die üblichen Wahlkampfreden. Der gemäßigte Bartsch und die radikale Wagenknecht demonstrieren Einigkeit beim gemeinsamen Selfie. "Und jetzt im Hintergrund alle schön jubeln", weist der Moderator das Publikum an. Das Bild soll ja was hermachen.

    Aktive der Linksjugend recken von der Partei verteilte Plakate so hoch sie können, einer stellt sich auf die Zehenspitzen. "Das ist falschrum", ruft ein älterer Herr, woraufhin der junge Mann das Plakat umdreht. Trotz des unterschiedlichen Musikgeschmacks geht es um die Botschaft, arbeiten Jung und Alt bei der Linkspartei zusammen.

    Für das Publikum gibt es Popcorn. "Schon ein bisschen komisch, wenn die Redner Kunstpausen machen, damit man applaudieren kann", sagt ein junger Mann, der zum ersten mal bei einer Wahlkampfveranstaltung ist.

    Einen hat die Linkspartei noch, der auch ohne Inszenierung das Publikum begeistert. Als Gregor Gysi, der frühere Fraktionschef, in seiner Limousine anrollt, strömen die Fans heran und zücken die Smartphones. "Ich werde das Gleiche erzählen wie die anderen, aber ich will versuchen, dass sie es nicht merken", sagt er zu Beginn seiner Rede – und schon hat er das Publikum im Sack. Schade für die Linke, dass er nur in einem Wahlkreis antreten kann.

  • 19:32 Uhr
    Lisa Caspari



    Auf der gut gefüllten Abschlusskundgebung der SPD auf dem Gendarmenmarkt in Berlin stiehlt Inge Deutschkron dem Kanzlerkandidaten die Show: In eindringlichen Worten warnt die 95-jährige Holocaust-Überlebende vor dem Erstarken der AfD. Der Ton erinnere sie an die Zwanzigerjahre, sagt Deutschkron unter nachdenklichem Klatschen der Zuhörer. Diesen "Halunken" dürfe man keinen Raum geben.

    "Du bist ein ermutigendes Beispiel dafür, dass man sich dem Unrecht in den Weg stellen muss", ruft Martin Schulz. Auch er fokussiert sich in seiner Rede auf die Gefahr von Rechts. Umfragen zufolge könnte die AfD Oppositionsführer werden. "Dieser Wahlkampf ist kein Wahlkampf wie jeder andere", ruft Schulz. Er bezeichnet die AfD als "rechtsextrem" und "Totengräber der Demokratie". Sie sollen sich warm anziehen, fordert er, "euch stellen wir uns in den Weg". Sein Redepult steht inmitten der Menschenmenge.

    Sonst geht es an diesem sonnigen Wahlkampfabend um die sozialdemokratischen Klassiker: Rente, Kitagebühren, gerechte Löhne, Europa. Dazu steigen knallrote Luftballons. Schulz ist bemüht, einen Unterschied zu Angela Merkel aufzumachen. Er zitiert Regierungserfolge und betont das sozialdemokratische Copyright auf viele Projekte: "Wat kann ich denn dafür, dass die mir alles nachplappert?", sagt Schulz über Merkel. Für ihn und seine SPD geht es am Sonntag um viel. "Das ist kein Kampf für mich", sagt Schulz noch. Es gehe um Haltung und vor allem um die Demokratie. Morgen wird der Kanzlerkandidat noch in seiner Heimat auftreten. Seine letzte Kundgebung ist in Aachen geplant.

  • 18:56 Uhr
    Fabian Federl

    Bei der Vorwahlparty der Grünen im E-Werk in Berlin riecht es jetzt ein bisschen wie beim italienischen Schnellrestaurant Vapiano. Überraschend viele Leute sind gekommen, um den Auftakt des Wahlkampfendspurts zu feiern – oder des "Wahlkampfmarathons", wie sie hier sagen. Und weil man für Spurt und Marathon Energie braucht, gibt es Pasta.

    Das Wichtigste vorweg: Die Grünen werden in 48 Stunden 16 Stopps in 16 Bundesländern machen, um von ihren prognostizierten acht Prozent weg zu kommen. Hin zu irgendwas, was sie zu mehr als einem Schwarz-Gelb-Anhängsel oder zur kleinsten Oppositionspartei macht. Deshalb der Marathon. Deshalb die Pasta-Party.



    Nun aber zu den wichtigeren Dingen: Die Pasta, auf einem Bett von – natürlich aussortierten – Zucchini und Möhren, ist bissfest und nicht so zerkocht, wie es unter solchen Großkantinenumständen zu erwarten wäre. Das Gemüse ist nicht überwürzt und nicht fad. Ein bisschen Grünes Pesto oder Basilikumpaste verliehe dem Ganzen noch die fehlende Note.

    Dem ersten Redner ist auch erstmal nach Gastrokritik. "Sie sehen rechts von mir", sagt Michael Kellner aus dem Parteipräsidium, "die Menschen, die die grüne Pasta mit Spinat machen". Er spricht den Wahlkämpfern Mut zu und dankt "für die tollen Soßen".

    Zum Fitwerden gibt es außerdem "Hopfen-Multi-Kulti" aus Berlin, ein "Kreuzberg Pale Ale", Müsliriegel, auf denen "Erneuerbare Energie" steht, Ahoi-Brause mit "sprudelnden Ideen". Auch Bananen gibt es, gemeinsam mit dem Witz "Gelb ist doch Banane". Der Kalauerwahlkampf, Verzeihung, Kalauerwahlkampf-Marathon, kann beginnen!

    Die Spitzenkandidaten sind natürlich auch noch da. Ein bisschen zu spät, aber das kann man Marathonläufern nicht vorwerfen. Als Cem und Katrin kommen, hört die Blaskapelle, die hier Brass Band heißt, auf zu spielen. Cem Özdemir beginnt seine Rede erstmal mit einem Testimonial für Winfried Kretschmanns Wanderskraft, trotz seines Alters, und einer Antirassismus-Anekdote. Der Rest ging, wie sonst auch im Wahlkampf, um E-Auto. Und um Menschenrechte, um Klima, um Europa.

    Alles, was sie sagen, ist richtig. Trotzdem bleibt alles bei acht Prozent. Mal sehen, wie viele Leute am Sonntag pastamotiviert zur Wahl gehen. "Grün macht", so ruft das Katrin Göring-Eckhardt in die Menge, "den Unterschied". Und das, Pesto sei dank, gilt auch für die Pasta.

  • 16:03 Uhr
    Lukas Koschnitzke

    Immer mehr Deutsche geben ihre Stimme nicht im Wahlbüro ab – sondern schon zuvor per Brief. Auch Kurzentschlossene haben bis heute 18 Uhr noch eine Chance. Drei Fragen zur Briefwahl.

    Ist es schon zu spät für die Briefwahl? 

    Nein. Seine Stimme per Post abgeben sollte man besser nicht mehr. Zu groß ist das Risiko, dass der Brief nicht mehr rechtzeitig bis Sonntagabend im Wahlbüro ankommt und die Stimme ungültig wird. Allerdings: Wer Briefwahl beantragt, die Unterlagen aber noch nicht abgeschickt oder sich überhaupt noch nicht gekümmert hat, kann trotzdem noch wählen – bis Freitagabend 18 Uhr im Bezirksamt ist das persönlich möglich. Und auch am Sonntag kann man mit dem Wahlschein aus den Briefwahlunterlagen ins Wahllokal gehen und einfach dort abstimmen.

    Wie viele Wähler stimmen per Brief ab?

    Der Anteil der Briefwähler hat sich seit der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl 1990 mehr als verdoppelt: Bei der vergangenen Wahl 2013 gab beinahe jeder Vierte seine Stimme per Brief ab, insgesamt rund 10,7 Millionen Deutsche. Diesmal werden wohl noch mehr Wahlberechtigte auf diese Möglichkeit zurückgreifen – alle Bundesländer meldeten im Vorfeld eine gestiegene Nachfrage nach Briefwahlunterlagen.

    Welche Parteien profitieren von der Briefwahl?

    Der Zweitstimmenanteil der Briefwähler von Union (+1,8 Prozent), FDP (+1,8 Prozent) und Grünen (+2,1 Prozent) lag 2013 leicht über dem der Urnenwähler dieser Parteien. SPD (-1,8 Prozent) und Linke (-2,8 Prozent) schnitten hingegen bei der Briefwahl schlechter ab als in den Wahlbüros. Wahlforscher erklären diese Unterschiede mit den Charakteristika von Briefwählern: Im Durchschnitt sind sie älter, höher gebildet und leben eher in der Stadt als auf dem Land.

  • 15:21 Uhr
    Ferdinand Otto

    Die letzten Stunden des Bundestagswahlkampfs laufen. Alle Parteien feiern sich noch mal selbst. Ab dem Nachmittag werden wir in diesem Blog dabei sein, wenn die Spitzenkandidaten die letzten Selfies des Wahlkampfes knipsen, die letzten Hände schütteln und die letzten Reden halten.


    Die Grünen beginnen den Endspurt, wie es sich für geübte Langstreckenläufer gehört: mit Pasta. Ab 16 Uhr kochen Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt in Berlin live vor Publikum. Fabian Federl ist für ZEIT ONLINE vor Ort.

    Ebenfalls ab 16 Uhr röhrt Nina Hagen durch Berlin. Sie Punk-Sängerin wird beim Wahlkampfabschluss der Linkspartei auftreten. 

    Ab 16.30 Uhr spricht Martin Schulz auf dem Berliner Gendarmenmarkt, seine letzte Großveranstaltung, bevor er am Samstag noch mal in seiner rheinischen Heimat im kleineren Kreise auftritt. Meine Kollegin Lisa Caspari ist in Berlin dabei. 

    Als letztes tritt die Kanzlerin auf. Ab 19 Uhr tritt Angela Merkel in München vor ihre Anhänger. Überland-Reporterin Sophie Rohrmeier wird im Publikum stehen und beobachten.

    Imre Balzer ist am Samstag dabei, wenn sich die FDP auf die Wahl einstimmt.

    Die AfD hat den Wahlkampf übrigens schon beendet. Frauke Petry sprach am Donnerstag in Pirna, Spitzenkandidatin Alice Weidel trat am Mittwoch in Viernheim auf.


  • 13:33 Uhr
    Hasan Gökkaya

    Wer in Nordrhein-Westfalen spaziert, kann an manchen Orten Recep Tayyip Erdoğan direkt in die Augen schauen. Denn die Allianz Deutscher Demokraten (AD-Demokraten) will in den Bundestag und ist dafür mit einem Porträt des türkischen Präsidenten auf Wählerfang. Die Migranten-Partei, die sich nach eigenen Angaben besonders für Chancengleichheit und Diversität einsetzen möchte, ist erst ein Jahr alt und tritt nur in Nordrhein-Westfalen für den Bundestag an. Wegen ihrer Erdoğan-Plakate erregte sie Medieninteresse. Sind die AD-Demokraten wirklich eine Schwesterpartei der türkischen Regierungspartei AKP und werden von Erdoğan gesteuert?


    Die Partei selbst sagt: Nein. Ein Anruf bei Adem Susam, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Landesverbands NRW. "Unsere Partei hat keinerlei Verbindungen zur AKP in der Türkei. Es gibt sehr viele bei uns, die eine große Sympathie für den türkischen Staatspräsidenten haben. Es gibt sehr viele, die seine Leistung wertschätzen. Es gibt aber auch Leute bei uns, die den Präsidenten kritisch sehen. Wir sind also kein Sammelbecken für AKP-Freunde", sagt er. Und warum dann die Erdoğan-Plakate, auf denen der Präsident sagt: "Seid mit den Freunden der Türkei. Gebt ihnen eure Stimmen"?


    "Die Werbung soll ganz klar provozieren und anecken. Sie soll ja auch eine bestimmte Botschaft senden. Nämlich die, dass unsere Partei nicht feindlich gegenüber der Türkei steht", sagt Susam. Er selbst war acht Jahre bei der SPD, sei aber nach der Armenien-Resolution des Bundestags im Sommer 2016 ausgetreten. Der Fachinformatiker gibt Erdoğans jüngstem Aufruf zum Wahlboykott deutscher Parteien recht: die SPD, Grüne und CDU hält auch er für Türkei-feindlich.


    Partei hat Erdoğans Segen

    Weniger eloquent formuliert es der Gründer und Vorsitzende der Partei, Remzi Aru. Politiker wie Cem Özdemir bezeichnet er als "Haustürken". Wenn Aru in Talkshows redet, stellt er sich gerne an die Seite der türkischen Regierung. Das kommt in der Türkei gut an: "Wenn die Partei versucht, die türkeistämmigen Menschen in Deutschland zu einen und mein Porträt ihnen dabei weiterhilft, dann möge ihr Vorhaben gelingen", sagte Erdoğan über die deutsche Partei vor türkischen Reportern.


    Banken gestatten der Partei keine Konten

    In einem Video des Präsidenten, das die AD-Demokraten auf ihrer Website veröffentlicht haben, zeigt sich Erdoğan enttäuscht darüber, dass die Partei nur in einem Bundesland kandidiert. Tatsächlich sind die AD-Demokraten mit sechs Landesverbänden in Deutschland organisiert, können aber nur in NRW antreten. Parteimitglied Halil Ertem sieht sich diskriminiert.


    "Wir besitzen keine Parteikonten und können uns deshalb nicht organisieren, um uns in den einzelnen Ländern aufzustellen. Mitgliedsbeiträge können wir lediglich durch PayPal (ein Onlinebezahldienst, Anmerkung der Redaktion) beziehen, dazu müssen unsere Mitglieder aber auch über ein solches Konto verfügen. Das macht es für uns kompliziert." Laut Ertem hätten mehrere Banken ohne Angabe von Gründen ein Konto der Partei im Nachhinein gekündigt, andere haben es erst gar nicht erlaubt. Mehr als ein PayPal-Konto ist auf der Website der AD-Demokraten tatsächlich nicht hinterlegt.


    "Stimmt nicht mit unseren Werten überein"
    Die Postbank bestätigte auf Anfrage von ZEIT ONLINE, dass das Parteikonto der AD-Demokraten durch die Bank gekündigt worden sei. Der "Wertekosmos, in dem sich die Partei befindet", sei mit denen der Postbank "nicht vereinbar".


    Ursprünglich trat die Allianz Deutscher Demokraten mit dem Kürzel ADD an. Dagegen klagte die AfD – das ähnliche Kürzel könne zu Verwechslungen unter Wählern führen. Die AfD konnte eine einstweilige Verfügung beim Landgericht Köln durchsetzen. Juristisch vertreten wurde die AfD im Rechtsstreit mit der Migrantenpartei ausgerechnet durch die Anwaltskanzlei von Ralf Höcker. Höcker ist ein bekannter Medienanwalt. Einer seiner letzten Mandanten war der türkische Präsident Erdoğan im Rechtsstreit um die Schmähkritik gegen den Satiriker Jan Böhmermann.

  • 13:28 Uhr
    Doreen Reinhard

    Gerd Siemschen ist 72 Jahre alt und trägt noch zwei Mal in der Woche Zeitungen aus. Am Sonntag wird der Dresdner aus Überzeugung wählen. "Ich verteile heute ungefähr 800 Zeitungen auf meiner Tour durch Dresden. Da kommen etliche Kilometer zusammen. Manchmal bin ich danach schon ein bisschen kaputt. Aber fast die Hälfte habe ich heute schon geschafft. Ich habe früher als Koch und Kellner gearbeitet, eine Weile hatte ich sogar eine eigene Gaststätte in der Sächsischen Schweiz. Inzwischen bekomme ich 900 Euro Rente. Das ist nicht viel, aber ich will mich nicht beschweren. 


    Schon seit zehn Jahren bin ich Zeitungsausträger. Zwei Mal in der Woche mache ich diese Tour, immer mit einer anderen Beilage. Eine Runde dauert fünf, sechs Stunden. Insgesamt verdiene ich damit pro Monat ungefähr 400 Euro dazu. Da kann man sich immer mal ein Extra leisten. Ich will mir mit meiner Lebenspartnerin bald ein neues Sofa kaufen. Das Geld haben wir schon zusammengespart. Und vielleicht gibt es noch einen neuen Tisch. 

    Ich würde gar nicht unbedingt sagen, dass ich arm bin. Obwohl es schon mehr sein könnte. Aber die Zeitungstouren sind ja auch ein bisschen so etwas wie eine Freizeitbeschäftigung für mich. 

    Am Sonntag gehe ich natürlich zur Wahl. Die anderen Parteien interessieren mich nicht. Auch nicht diese neue, die AfD, die ist ja so ein bisschen rechts. Das gefällt mir nicht. Ich wähle schon immer die SPD. Aus Überzeugung. Die sagen ja immer, dass sie sich für Gerechtigkeit einsetzen. Das ist mir auch wichtig."

  • 09:44 Uhr
    Nastaran Nawras

    Wähler ohne Wahlrecht 


    Vielerorts geben Migranten ohne Wahlrecht ihre Stimme ab. Eine Aktion, die zeigen soll: Nicht alle, deren Leben die Politik beeinflusst, können mit darüber entscheiden. 

    In Berlin-Mitte hat die SPD die Wahl bereits gewonnen – nur für die echte Entscheidung am Sonntag wird ihr das nicht helfen. Denn die Rede ist von einer symbolischen Aktion, die Migranten ohne deutsche Staatsangehörigkeit ermöglicht hat, ihr Kreuz zu machen. Die Zweitstimmen dieser Wähler ohne Wahlrecht bescherten den Sozialdemokraten satte 26,81 Prozent, der CDU abgeschlagen auf Platz drei nur 21,72 Prozent. Dazwischen an zweiter Stelle: Die Linke mit 23,06 Prozent. Die Grünen kamen in Berlin auf 16,09 Prozent der Zweitstimmen. Alle anderen spielten in der Kategorie "Sonstige" keine Rolle. 

    Außer in der Hauptstadt öffneten die Wahllokale auch in vielen weiteren Städten in ganz Deutschland. Einige haben die Stimmen bereits ausgezählt – wie Berlin, wo im Bezirk Mitte 373 Migranten teilgenommen haben –, andernorts läuft die Abstimmung noch. Das Gesamtergebnis wird erst nach der Bundestagswahl bekannt gegeben. Auch wenn diese Wahl keine direkten Auswirkungen auf die Politik hat: Die Teilnehmer meinen es ernst. "Ich habe mich gefreut, dass endlich jemanden interessiert, was ich zu sagen hab. Ich habe damit eine Stimme und muss nicht schreien, bis mich jemand hört, sondern ich werde gefragt", sagt zum Beispiel James Rosalind aus Großbritannien. Er lebt seit 2006 in Deutschland und ist in der Jugendarbeit tätig. 

    Auch für Tuncay Büttner aus der Türkei ist es ein besonderer Moment: "Ich durfte das erste Mal in meinem Leben wählen", sagt die 57-Jährige. Vor über 40 Jahren folgte sie ihren Eltern nach Deutschland, die bereits in den Sechzigerjahren als Arbeitskräfte herkamen. "Das war schön. Ich habe mich erwachsen gefühlt, wie wenn man mit 18 den Führerschein bekommt", sagt Büttner. In Berlin engagiert sie sich als Kiezmutter, unterstützt also vor allem andere Mütter, die Hilfe brauchen. Büttner ist sich inzwischen ganz sicher ist: Sie will Deutsche werden. 

    Menschen aus 52 Nationen nahmen in Berlin an der symbolischen Wahl teil. Sie gehören zu den rund 7,8 Millionen Menschen, die am Sonntag nicht über den neuen Bundestag mitbestimmen können, teils aber schon sehr lange hier leben. EU-Bürger dürfen in Deutschland immerhin seit 1992 zur Kommunalwahl gehen, die anderen – rund 4,5 Millionen – auch dort nicht. Die Initiative Wir wählen, die hinter der Aktion steht, fordert das Wahlrecht für ausländische Bürger mit einem einfachen Argument: "Wer von politischen Entscheidungen betroffen ist, sollte durch das Wahlrecht an dem Zustandekommen der Entscheidungen beteiligt sein. So geht Demokratie."

    Sandra Obermeyer, Bezirksstadträtin in Berlin-Mitte, findet es ganz selbstverständlich, dass der Bezirk die Aktion unterstützt hat. Allein schon, weil von den 360.000 Menschen hier rund 100.000 mit ausländischen Wurzeln nicht wählen können: "Man muss eine Haltung dazu finden, was wichtig ist: die Staatsbürgerschaft allein oder ob hier jemand seinen Lebensmittelpunkt hat und in Deutschland verwurzelt ist, hier lebt, Steuern zahlt und auch ansonsten Anteil haben will an der politischen Gestaltung. Darüber wollen wir ins Gespräch kommen."

  • 09:37 Uhr
    Martin Debes

    Lindner-Hype erfasst die Provinz

    In dem Vierteljahrhundert, das sie bisher im Politikgeschäft verbrachte, hat sich die einzige grüne Bundestagsabgeordnete aus Thüringen eine routinierte Coolness erarbeitet. Außerdem: Sie führt in Berlin die Bundestagsfraktion und ist Spitzenkandidatin. Was könnten sie da ein paar Provinzunternehmer schrecken? Doch an diesem Herbstabend, im großen Saal der Industrie- und Handelskammer Erfurt, musste Katrin Göring-Eckardt dann doch mehrfach aufpassen, dass ihr das Gesicht nicht zu sehr entglitt

    Da saß sie sichtlich wahlkampferschöpft auf der Bühne, eingerahmt vom örtlichen AfD-Kandidaten Stephan Brandner und dem SPD-Bundestagsfraktionsvize Carsten Schneider, und ließ sich von Redakteuren der Thüringer Allgemeinen zu spröden Dingen wie Fachkräftemangel, der Steuerpolitik oder neuen EU-Förderperiode befragen. Es gibt spaßigere Termine im Wahlkampf.

    Denn zwischendurch durften die etwa 200 anwesenden Unternehmer, Wirtschaftslobbyisten und sonstigen Interessierten immer wieder live abstimmen, welche Partei sie denn beim jeweiligen Thema am stärksten überzeuge. Die Antwort lautete fast immer, und zwar mit großen Abstand: die FDP. Wie es sich für ein Unternehmerpublikum gehört. Am Ende der Veranstaltung überraschte es nicht, dass die Liberalen auch die Wahlumfrage klar gewannen und sich die Hälfte des Publikums für eine schwarz-gelbe, Pardon: gelb-schwarze Koalition aussprach. 

    Der Mann, der auf dem Podium ganz links platziert worden war, musste derweil ordentlich aufpassen, nicht zu breit zu grinsen. Thomas Kemmerich saß mal im Landtag, als es dort für eine kurze Weile die FDP gab. Seit Ende 2015 führt er die Landespartei. Als er vor einem Jahr verkündete, dass er für den Bundestag kandidieren werde, nahmen das die wenigsten wirklich ernst. Außer ihm selbst. Bei den meisten überwogen die Zweifel, dass es die Liberalen wieder ins Parlament schafften würden. Nun kann selbstverständlich das Publikum in einer Wirtschaftskammer keinesfalls als repräsentativ gelten. Dennoch ist es gar nicht so lange her, dass die FDP auch bei der thüringischen Unternehmerschaft unten durch war. 

    Die gebrochenen Wahlversprechen der Partei aus der Regierungszeit zwischen 2009 und 2013 kegelten die Landespartei 2014 auch aus dem Landtag. Doch jetzt ist alles anders. Die wiedererwachte Zuneigung zwischen der Wirtschaft und der Partei war in Erfurt geradezu physisch zu spüren, auf beiden Seiten. Während sich die CDU-Bundestagsabgeordnete Antje Tillmann in technischen Einzelheiten erging, SPD-Schneider mit gequältem Gesicht erklärte, warum der Solizuschlag nicht für Reiche abgeschafft werden soll und Göring-Eckardt ihr übliches Programm abspulte, sprach Kemmerich mit sonorer Stimme davon, dass niemand mehr den Unternehmer so wertschätze, wie er es verdiene. 

    Das Risiko, die Verantwortung, all die Arbeit, die ein Firmengründer übernehme: Dies müsse viel stärker gewürdigt werden. Da rauschte der Applaus durch den Saal. Dass Kemmerich, der eine Friseurkette aufgebaut hat, selbst Unternehmer ist, schadete ihm erkennbar an dem Abend nicht. Aber dies erklärt noch längst nicht die wundersame Rückkehr der FDP in einem Bundesland, in dem sie bei der letzten Landtagswahl 2,5 Prozent bekam. Vielmehr hat wohl der Christian-Lindner-Trend endgültig die Provinz erreicht.

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