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20. September 2017 vor 11 Stunden aktualisiert
© Christian Charisius/dpa

Bundestagswahlkampf: Warum polarisiert der Aufruf eines Modellbaumuseums zum Wählen?

Vier Tage bis zur Wahl: Hamburg diskutiert über ein Video des Miniatur Wunderlandes, in dem gegen Nichtwähler polemisiert wird. Eigentlich nicht der Rede wert. Oder?

Am 24. September wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Und alle schauen auf Angela Merkel und Martin Schulz. Dabei passiert in diesem Wahlkampf viel mehr als das, was die Berliner Parteizentralen so aushecken. In 299 Wahlkreisen kämpfen Direktkandidaten um den Einzug ins Parlament, zwischen Flensburg und Friedrichshafen findet Wahlkampf im Kleinen statt. Welche Diskussionen werden dort geführt? Über welche Themen wird gestritten? Reporter von ZEIT ONLINE und der ZEIT reisen durch Deutschland. Ihre Impressionen, Geschichten und Begegnungen schildern sie bis zur Wahl in unserem Blog Überland wählt.

  • 15:07 Uhr
    Sebastian Kempkens

    Es gibt in Deutschland nicht allzu viele Unternehmer, die mithilfe ihrer Firma politisch Stellung beziehen. Die Gründer des Miniatur Wunderlandes, jener zur Touristenattraktion gewordenen Miniaturwelt in der Hamburger Speicherstadt, gehören zu den wenigen, die es tun und gerade wieder getan haben. 


    Frederik und Gerrit Braun haben einen Wahlaufruf zur Bundestagswahl veröffentlicht, der eigentlich kaum der Rede wert wäre – würden sich die Leute nicht so schrecklich darüber aufregen. Der Aufruf der Braun-Brüder ist schnell zusammengefasst: In einem knapp drei Minuten langen Video kommen verschiedene Arten von Nichtwählern zu Wort, dargestellt von Miniaturfiguren



    Da steht ein kleiner Mann im Anzug auf einer Wiese und sagt: "Wählen gehen? Keiner von den Idioten da oben hat es verdient, von mir gewählt zu werden." Ein anderer steht auf einem Parkplatz und sagt: "Ja natürlich gehe ich wählen, ich gehe immer wählen. Wählen ist erste Bürgerpflicht, jede Stimme zählt für die Demokratie. Wann ist das, Sonntag? Ach Scheiße, da kann ich gar nicht." Ein Reichsbürger kommt zu Wort, der sagt, er sei sowieso sein eigener König. Und am Ende fordert ein letztes dieser Männchen, gewissermaßen die pädagogische Stimme der Vernunft: "Tu es! Zeig's ihnen! Geh wählen. Weil du es kannst!" 

    Man würde erwarten, dass sich Internetnutzer solch ein Video anschauen, es lustig finden oder nicht und dann weiterklicken zum nächsten Katzenvideo. Stattdessen gibt es Hass. Auf Facebook wurde das Video inzwischen knapp zwei Millionen Mal angeklickt, viele Reaktionen sind verheerend. "Propaganda in einem besetzten Land ohne Friedensvertrag?", verschwörungstheoretisiert ein Nutzer. "Dümmlich" und "undemokratisch", schimpft ein anderer. Und eine Nutzerin argumentiert pseudokritisch: So eine Wahl koste ja durchaus einiges – und wer dafür natürlich wieder aufkommen müsse? Der Steuerzahler! Es ist ein anklagendes Stimmenwirrwarr, in dem eine Frage immer wieder auftaucht: Müssen denn selbst Unternehmer politisch werden? Sie liebten das Miniatur Wunderland, schreiben einige, aber für sie sei es damit gestorben.

    Die Braun-Brüder mischen sich nicht zum ersten Mal in die öffentliche Debatte ein. Sie haben für Olympia in Hamburg geworben und nach der US-Wahl eine Mauer um das Mini-Las-Vegas ihrer Modellwelt gezogen, als Kritik an Donald Trump. All das sind Positionen, zu denen man sich kritisch verhalten kann. Aber zu einem Wahlaufruf? Das Video ergreift für niemanden Partei – außer dafür, zur Wahl zu gehen. Das ist das Verstörende am Beitrag der Braun-Brüder: Die Reaktion zeigt, dass schon ein Bekenntnis zur Demokratie reicht, um Empörung auszulösen.

  • 08:43 Uhr
    Tilman Steffen



    Stefan B. aus Riesa in Sachsen, 30 Jahre alt, Beruf Maschinenführer, zwei Töchter, war noch nie wählen. Jetzt will er es erstmals tun – und sein Kreuz bei der AfD setzen. 

    "Politik war mir immer gleichgültig. Ich habe zwar gelesen und Fernsehnachrichten geschaut, aber nie länger drüber nachgedacht. Auch meine Freunde interessieren sich nicht für Politik. Doch seit der Flüchtlingskrise beschäftigte ich mich damit. Mit allen Parteien, auch mit der AfD. Die AfD ist meiner Meinung nach die einzige, die etwas gegen diese unkontrollierte Einwanderung unternehmen will.

    Ich habe das Programm durchgeschaut, das mir meine Freundin von einem Wahlinfostand mitgebracht hat – da war nichts, was ich nicht unterstützen würde. Was CDU, SPD, Grüne und Linke vertreten, ist einfach naiv. Die Grenzen offenlassen – das geht gar nicht. Mir tun die verfolgten Menschen aus Afrika oder Syrien zwar auch leid, aber dass alle herkommen, und darunter auch Terroristen, das geht nicht.

    Ich habe neben Deutschen auch Ausländer als Freunde, auch Moslems. Mein Vater ist Kubaner. Die Rechtsextremen sind im Osten so stark, weil da nur wenige Ausländer leben. Im Westen sind die Menschen Migranten gewohnt.

    Kulturelle Vielfalt in unserer Gesellschaft ist gut und schön, solange die Vielfalt den Menschen dient und ihnen keine Angst macht. Im Freundeskreis ist das in Ordnung, ausländische Restaurants finde ich auch gut. Wenn sich aber der radikale Islam auf den Straßen zeigt, wenn in Moscheen Hass gepredigt wird, dann: nein, danke.

    Polizei und Verfassungsschutz haben das bisher leider nicht im Griff. Keiner konnte zum Beispiel den Anschlag vom Breitscheidplatz verhindern.

    AfD-Spitzenkandidat Gauland hat recht, wenn er sagt, man müsse einen Schlussstrich ziehen unter die Nazizeit. Wegen der Schuld der Nazis dürfen sich die Deutschen nicht auf ewig selbst hassen. Dass die Befehlshaber der NS-Zeit verachtet werden, ist richtig. Aber das kann doch nach so vielen Jahrzehnten nicht jeden Deutschen treffen. Die Menschheit sollte diese Zeit in Erinnerung behalten, damit so etwas nicht wieder geschieht.

    Ich werde am Sonntag zum ersten Mal wählen und mein Kreuz bei der AfD machen."

  • 15:10 Uhr
    Martin Debes

    Warum gibt es dieses Jahr so viele Briefwähler?

    Es scheint fast so, als sei im Rathaus von Erfurt die DDR wieder ausgebrochen. Draußen scheint die Herbstsonne durch die Altstadt, drinnen, im Dunkeln des Treppenhauses, stehen die Menschen an. Die Schlange reicht über den Flur vom 1. Stock bis fast ins Erdgeschoss hinunter. Doch es gibt keine Südfrüchte – nur Stimmzettel. 

    Bis zur Bundestagswahl ist es zwar noch ein paar Tage hin, aber die Leute auf der Treppe wollen nicht warten. Offiziell nennt sich der Vorgang Briefwahl, doch eigentlich handelt es sich um eine vorgezogene Abstimmung. Denn die allermeisten, die eigens an diesem Vormittag gekommen sind, füllen die Zettel schon im Rathaus aus und werfen sie in die Urne. "Das spart doch für alle Aufwand", sagt ein junger Mann, der neben seiner Freundin  steht. Die beiden wollen nach Teneriffa fliegen, aber trotzdem ihr Wahlrecht nutzen. 

    Das mit dem Aufwand kann man auch anders sehen. So eine Briefwahl ist komplizierter als der normale Wahlvorgang. Der wählende Bürger bekommt neben dem Stimmzettel auch noch einen Wahlschein, auf dem er eidesstattlich versichern muss, dass er auch der Bürger ist, der gerade abstimmt. Danach muss der ausgefüllte Stimmzettel in einen blauen Umschlag gelegt werden, bevor dann alles zusammen in einem roten Umschlag verstaut wird.   

    Die Arbeit für die Behörden ist beträchtlich. Die Stadtverwaltung Erfurt hat fast ein Dutzend Mitarbeiter abgeordnet, um die Stimmzettel nebst den Briefwahlunterlagen auszugeben. Zudem wurden eigens zehn Wahlkabinen in einem großen Raum aufgebaut. Und trotzdem staut sich das Wahlvolk vor der Tür. "Das geht schon seit Tagen so", sagt Jörg Kallenbach. Er ist des Öfteren im Rathaus unterwegs, weil er für die CDU im Stadtrat sitzt. "Aber das ist schon eine gute Sache, auch für mich." Er reise über das  Wochenende nach Litauen, erzählt er noch, bevor er hinter dem grauen Vorhang einer  Wahlkabine verschwindet. 

    Und so wird es, das steht jetzt schon fest, bei dieser Bundestagswahl wieder einen Briefwahlrekord geben. Elf Tage vor dem Wahlsonntag hatten bereits mehr als 200.000 Thüringer die nötigen Unterlagen abgefordert. Das waren doppelt so viele wie an einem vergleichbaren Termin vor vier Jahren – also mehr als jeder zehnte Wahlberechtigte. Aktuellere Zahlen für das gesamte Land soll es am Donnerstag geben.

    Erfurt gehört zum Wahlkreis 193, der neben Erfurt noch Weimar und ein bisschen Umland umfasst. Hier kämpft  die regionale Prominenz um die Erststimme, von der grünen Bundestagsfraktionschefin Katrin Göring-Eckardt bis zum SPD-Fraktionsvize Carsten Schneider, und hier war schon in der vorigen Woche die Briefwahlbeteiligung mit 15,3 Prozent besonders hoch. Inzwischen, heißt es aus dem Büro des Kreiswahlleiters, sei der Anteil auf 18 Prozent gestiegen. 

    Die Thüringer AfD, die immer gerne von Manipulation raunt, vermisste schon mal per Pressemitteilung eine zentrale Information darüber, wo denn überall die Stimmzettel der Briefwahl ausgezählt werden. Björn Höckes Co-Landeschef Stefan Möller teilte mit, es sei seiner Partei "eine Herzensangelegenheit, den ordnungsgemäßen Ablauf der Auszählung auch in den Briefwahlräumen beobachten zu wollen". Von den Behörden hieß es dazu, dass die Orte der Auszählung lokal und auf "ortsübliche Weise" bekannt gemacht worden seien, also über die Amtsblätter oder Aushänge.

  • 15:03 Uhr
    Martin Sistig

    CDU, SPD, FDP – kennt jeder. Doch wer weiß eigentlich, was die Magdeburger Gartenpartei will? Nicht alle der 42 Parteien, die sich zur Wahl stellen, sind deutschlandweit bekannt. Deshalb stellen wir in unserer Reihe zehn der Parteien vor, die wenig beachtet werden. Dafür besuchen wir Wahlveranstaltungen, sprechen mit Kandidaten und lassen auch mal die Wähler zu Wort kommen.

    Die Bergpartei die Überpartei bezeichnet sich selbst als “ökoanarchistisch realdadaistisches Sammelbecken” und tritt nur in Berlin zur Bundestagswahl an. Sie hat rund 260 Mitglieder. Wir treffen Rhaffi Hadizadeh Kharazi, die Spitzenkandidatin in der "heimlichen Parteizentrale", im Crack Bellmer, einer Bar auf dem Berliner RAW-Gelände, einer Partymeile im Szene-Viertel Friedrichshain. Die 43-Jährige ist alleinerziehende Mutter und aktuell arbeitslos. Sie spreche nur für sich, nicht für die gesamte Partei, diese Feststellung ist ihr wichtig. Viele ihrer Parteigenossen seien in einigen Punkten sicher gegensätzlicher Meinung, was für eine anarchistische Partei aber vollkommen normal sei.

    Was für eine Partei ist die die Bergpartei?
    Die Bergpartei ist ein Zusammenschluss aus zwei Parteien, der Bergpartei und der Überpartei. Die Bergpartei sind die Dadaisten unter uns und die Überpartei sind die Anarchisten. In der Partei vereint sich die ehemalige linke Hausbesetzerszene mit Künstlern und dem Partyvolk. Wir sind ein ziemlich wilder und verpeilter Haufen.

    Wofür steht die Bergpartei?
    Wir haben einen großen Strom, mit dem sich alle unsere Mitglieder identifizieren können. Wir stehen zum Beispiel für radikalen Umweltschutz, freie Genderwahl und den Austritt aus der Nato. Ich persönlich bin obendrein gegen alle Grenzen.

    Was erwartet die Bergpartei von der Bundestagswahl?
    Wir treten ja nur in Berlin an und selbst wenn uns ganz Berlin wählen würde, würden wir die Fünf-Prozent-Hürde nicht schaffen. Wir legen es gar nicht auf´s Regieren an, deswegen muss man uns auch nicht unbedingt wählen. Wir sind schon froh, dass wir in ganz Berlin unsere Plakate aufstellen und Wahlwerbespots senden dürfen. Und wir verstehen uns im besten Fall als Bewusstseinserweiterung.

    Bekannt ist die Partei in Berlin durch ihre selbstgemalten Plakate und Kunstprojekte. Eines dieser Projekte wurde allerdings schon einen Tag nach Fertigstellung wieder entfernt:



    Was verstehen Sie unter Anarchie?
    Anarchie ist auf keinen Fall Chaos. Anarchie bedeutet für uns freie Menschen in freien Vereinbarungen. Im besten Fall bricht man die Politik wieder runter auf Kommunal- und Kollektivebene. Es müssen sich so viele Menschen beteiligen können, wie wollen, damit auch alle Gruppierungen ihre Interessenvertreter haben.

    Wie passen Anarchie und Partei zusammen?
    Eigentlich gar nicht. Aber man muss es trotzdem anbieten, vor allem weil die Anarchie in der Geschichte schon öfter gut funktioniert hat. Wir sind langsam aber sicher bereit für den nächsten Schritt. Wir kommen aus der Monarchie, jetzt werden wir demokratisch regiert. Nur mir und vielen meinen Parteigenossen reicht das gar nicht. Wir finden, dass alle beteiligt sein sollten und ich glaube auch, dass die Menschen bewusstseinstechnisch so weit sind, die richtigen Entscheidungen treffen zu können. Niemand muss die Verantwortung für sich selbst abgeben.

    Wie sind Sie zur Bergpartei gekommen?
    Ich bin seit 2016 dabei. Ich wollte Gegendruck machen zum allgemeinen Rechtsruck und bin erstmal der Linken beigetreten. Da habe ich aber bemerkt, dass ich bis auf den monatlichen Mitgliedsbeitrag kaum etwas bewirken kann. Über meinen Freundeskreis habe ich dann die Bergpartei kennengelernt.

  • 02:20 Uhr
    Doreen Reinhard

    Bei der 126. Pegida-Kundgebung in Dresden haben sich an diesem Montagabend schätzungsweise 1.200 Anhänger auf dem Neumarkt getroffen der harte Kern der Bewegung, der sich in den letzten Monaten stabil gehalten hat. Zur Aufwärmung stimmt eine Band Volkslieder an. Man singt gemeinsam das Rennsteiglied und Die Gedanken sind frei, bevor die Pegida-Hymne durch die Boxen schallt. Seit Monaten präsentiert sich das fremdenfeindliche Bündnis als Veranstaltungskoalition mit Vertretern der sächsischen AfD. Wie gehabt stehen die beiden Kundgebungswagen Stoßstange an Stoßstange. Noch immer trennt man die Mikrofone, aber dieser Abend hat vor allem einen Zweck: Es wird intensiv Wahlkampf für die AfD gemacht. Das Publikum reißt sich um Bierdeckel, AfD-Kekse und Jutebeutel mit dem Konterfei von Jens Maier, Dresdner Richter und AfD-Kandidat. "Alles muss raus", ruft ein Mann hinter dem Stand und legt noch Broschüren obendrauf. "Wichtig ist, dass ihr alle Wahlbeobachter werdet, damit wir denen auf die Finger schauen können."



    Das Gesicht von Jens Maier ist überall zu sehen, auf kleinen und großen Plakaten. In der Menge fällt er zunächst kaum auf. Fast schüchtern grüßt er hier und da. Doch als Maier ans Mikrofon tritt, ist sein Ton scharf, oft verächtlich vor allem, als er die Presse attackiert und Medien vorwirft, Straftaten von Migranten gezielt zu verschweigen. "Ihr kennt das ja, dieses Verdrängen und Verschweigen der Mainstreamjournaille, wenn es um deutsche Opfer und ausländische Täter geht. Da zeigt sich, wie die Linke denkt. Wenn die Wirklichkeit nicht zur Ideologie passt, wird nicht die Ideologie hinterfragt, sondern die Wirklichkeit umgedeutet oder verschwiegen. Für diese Art der Journaille gibt es nur ein Wort, das passt. Wie heißt das? Lügenpresse!"

    Auch Pegida-Chef Lutz Bachmann, braungebrannt, weil inzwischen vor allem auf Teneriffa zu Hause, tritt wieder einmal als Redner auf. "Es muss eine Wende passieren und die ist nur mit der AfD möglich. Natürlich gefällt mir auch nicht alles, was im Wahlprogramm steht. Aber, Freunde, das muss es auch gar nicht." Zu welchem AfD-Lager er gehört, stellt Bachmann klar. Er grüßt seinen "Freund Björn Höcke" und lädt ihn als Redner nach Dresden ein. "Man kann es nicht jedem Recht machen", sagt Bachmann. "Ich bin auch immer gegen den Strom geschwommen. Aber genau das hat mich stark gemacht. Wenn ich hier auf den Platz schaue, sehe ich Menschen, die genauso stark sind. Und ich bin stolz hier, in der Hauptstadt des Widerstands, mit euch stehen zu dürfen."

    Ein paar Dutzend Gegenprotestler haben sich mit Bannern und Musikboxen am anderen Ende des Platzes aufgereiht, durch die Polizei getrennt von den Pegidisten. Und noch eine ganz andere Gruppe ist an diesem Montag auf den Neumarkt gekommen, bewacht von Polizisten: Die zehnte Klasse eines Dresdner Gymnasiums, etwa 30 Teenager, die in weiße Chemiekittel gehüllt sind, um sich von allen Lagern abzugrenzen. Jeder hat einen Block in der Hand, um Notizen zu machen. Die Schüler wollen Protestbewegungen neutral beobachten und später im Politikunterricht darüber diskutieren. Manche schauen staunend, andere erschrocken auf das Geschehen. "Ich habe es den Schülern freigestellt, an diesem Projekt teilzunehmen", sagt die Lehrerin. "Aber die meisten wollten dabei sein, es mit eigenen Augen sehen."



    Zu hören ist an diesem Abend häufig, wie dankbar sich AfD und Pegida für die gegenseitige Unterstützung sind. "Die AfD und Pegida stehen gemeinsam", sagt Egbert Ermer, Vorstandsmitglied des AfD-Kreisverbands Sächsische Schweiz. "Nur gemeinsam mit allen Patrioten werden wir unser Land zurückholen von diesen linksgrünversifften Einheitsparteien. Wir werden es am 24.9. noch nicht ganz schaffen. An diesem Tag kommt es darauf an, so viele aufrechte Patrioten wie möglich nach Berlin zu bringen, um Einblick zu kriegen in dieses miese Geflecht dort. Und dann, in vier Jahren, geht es darum, ordentlich zuzuschlagen und den Kanzler zu stellen." Ermer spricht auch über den Angriff auf ein AfD-Mitglied. Der 72-jährige Mann war am Wochenende an seinem Wahlkampfstand am Rand von Dresden von einem 39-jährigen Mann attackiert und gewürgt worden. Das Opfer musste im Krankenhaus behandelt werden, teilte die Polizei mit. Was die Motivation des Täters war, wurde nicht veröffentlicht. "Inzwischen geht es dem Hans wieder gut", sagt Egbert Ermer. "Eine deutsche Eiche wackelt zwar mal, aber eine deutsche Eiche fällt nie. Aber das lasst euch gesagt sein, ihr Linksfaschisten dahinten. Ihr seid die wahren Faschisten und nicht wir." Danach wendet sich Ermer an jene aus den eigenen Reihen, die Wahlkampfveranstaltungen von Angela Merkel stören. "Es ist mir ein Bedürfnis, allen, die in Torgau, in Annaberg und anderen Orten waren und dieser Volksverräterin ordentlich in die Ohren gepfiffen haben, zu danken. Der überwiegende Teil der AfD, das kann ich auch versichern, steht hinter euch und fordert euch auf: Macht weiter so. Pfeift dieser Volksverräterin richtig in die Ohren, dass ihr Hören und Sehen vergeht. Denn nur so können wir unser Land zurückholen."

  • 17:37 Uhr
    Imre Balzer

    CDU, SPD, FDP – kennt jeder. Doch wer weiß eigentlich, was die Magdeburger Gartenpartei will? Nicht alle der 42 Parteien, die sich zur Wahl stellen, sind deutschlandweit bekannt. Deshalb stellen wir in unserer Reihe zehn der Parteien vor, die wenig beachtet werden. Dafür besuchen wir Wahlveranstaltungen, sprechen mit Kandidaten und lassen auch mal die Wähler zu Wort kommen. 


    Roland Zander, 52, ist selbstständiger Maler sowie Vorsitzender und Spitzenkandidat der Magdeburger Gartenpartei. Bei der Kommunalwahl 2014 erzielte die Partei 1,9 Prozent des Stimmen. Seitdem sitzt Zander als Fraktionsvorsitzender seiner Partei im Stadtrat von Magdeburg. Zur Bundestagswahl treten die "Dunkelgrünen" – wie sie sich selbst nennen – nur in Sachsen-Anhalt an. 

    Warum haben Sie die Magdeburger Gartenpartei gegründet? 
    Weil man uns von unserer Scholle verjagen wollte, also von unseren Kleingärten. Das war im Sommer 2013, da bin ich morgens aufgestanden und habe in der Zeitung gelesen, dass da, wo unsere Kleingartenanlage steht, Wohnungen gebaut werden sollen. Ich war der Vorsitzende der Gartenanlage und niemand von uns wurden darüber informiert – nicht vom Stadtrat, nicht von den Parteien. Deshalb haben wir eine eigene Partei gegründet, um uns zu wehren. 

    Waren Sie denn erfolgreich mit ihrem Protest?
    Ja, acht Stunden nach unserer Parteigründung hat der Oberbürgermeister von Magdeburg die Bebauungspläne zurückgezogen. 

    Klingt, als hätten Sie eigentlich alles erreicht. Warum wollen Sie dann noch in den Bundestag? 
    Zum einen wollen wir uns für die über eine Million Kleingärtner in Deutschland einsetzten und deren Interessen im Bund vertreten. Auf der anderen Seite wollen wir eine Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland erreichen. Es kann nicht sein, dass über 25 Jahre nach der Wiedervereinigung die Löhne und Renten immer noch verschieden sind. 

    Mit Bündnis 90/Die Grünen gibt es doch schon eine Umweltpartei im Bundestag – oder nicht? 
    In Magdeburg haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Grünen sich nicht mehr mit den Sorgen der kleinen Leute beschäftigen. Wenn uns die Grünen damals als Kleingärtner ernst genommen hätten, würde es uns heute nicht geben. Die Chancen auf einen Bundestagseinzug stehen nicht gut. 

    Was muss passieren, damit Sie am Abend des 24. September trotzdem zufrieden sind? 
    Ich bin heute schon sehr zufrieden, denn der Bekanntheitsgrad unserer Partei ist in den letzten Wochen stark gestiegen. Ich komme aus einer großen Familie, habe neun Geschwister und habe in meinem früheren Leben nie politisch gearbeitet. Das ich mal in die Politik gehen würde, hätte ich mir nie vorstellen können. Alleine das, was wir heute schon erreicht haben, ist wie ein Traum für mich. 

     Und wie geht es weiter, wenn der Bundestagswahlkampf vorbei ist? 
     Das Hauptziel war und ist die Kommunalwahl 2019, das muss man so sagen. Trotzdem hat die Bundestagswahl einen guten Effekt für uns. Und was am Ende rauskommt – wir werden sehen.

  • 17:32 Uhr
    Doreen Reinhard

    Eine Gruppe junger Leipziger klärt Menschen über Parteiprogramme auf und will zur Wahl motivieren. Hunderte Haustürgespräche haben die Ehrenämtler schon geführt. Klaas Behrens-Scholvin, 26 Jahre alt, BWL-Student, erzählt, was man dabei alles zu hören bekommt. 


    An wie vielen Haustüren haben Sie schon geklingelt, um mit Menschen über die Wahl zu sprechen? 
    In den vergangenen zwei Wochen haben wir in Leipzig mit ungefähr 600 Menschen gesprochen. Einige Menschen lehnen uns schon im Vorhinein ab, wenn Sie das Wort „Wahl“ hören. Es gibt eine hohe Politikverdrossenheit. Diese Leute sagen: ‚Was nützt es, wenn ich zur Wahl gehe? Es ändert sich doch eh nichts.‘ Durch die Große Koalition der vergangenen Jahre hat sich dieses Gefühl bei vielen noch mal verstärkt. Mit anderen wiederum kann man gut darüber sprechen, warum es in einer Demokratie wichtig ist, zur Wahl zu gehen. Warum, man als Nichtwähler seine Möglichkeit gänzlich verspielt, die Politik entsprechend der eigenen Wünsche zu beeinflussen. Für uns ist diese Haustür-Tour eine extrem interessante Erfahrung. In einem Haus, in dem wir waren, wohnt zum Beispiel ein NPD-Wähler direkt gegenüber einer Migrantenfamilie. Man erlebt also ein sehr dichtes Nebeneinander von unterschiedlichsten Positionen. Uns zeigt es, dass ein Austausch über die Grenzen der eigenen Filterblasen hinweg wichtig ist, um Vorurteile abzubauen. 

    Was hat Sie zu dieser Aktion bewegt? 
    An den Haustüren wollen wir mit den Menschen über deren Wünsche und Sorgen ins Gespräch kommen und sie zu einer reflektierten Entscheidung bei der Bundestagswahl motivieren. Außerdem verteilen wir Flyer, um die Unterschiede zwischen den Parteien aufzuzeigen. Die sieht man auch auf unserer Webseite www.informiert-waehlen.de. Wir haben die Wahlprogramme der sechs größten Parteien zusammengefasst. Wir sind kein Verein, sondern eine ehrenamtliche, parteiunabhängige Gruppe von etwa 20 Leuten, die aus einem Freundeskreis heraus entstanden ist. Manche von uns arbeiten Vollzeit, andere sind Studenten. Vor einigen Monaten haben wir beschlossen, uns aktiv mit den Wahlprogrammen auseinanderzusetzen. Wir wollten selbst gern wissen, mit welchen Themen und Positionen sich Parteien vorstellen. Das kommt uns bei anderen Instrumenten wie dem Wahl-O-Mat ein bisschen zu kurz. Unsere Aktion ist als Ergänzung zu derartigen Angeboten gedacht. Es hat einige Zeit gedauert, all diese Programme zu lesen. Insgesamt waren es über 600 Seiten. Die AfD hat das kürzeste Programm, danach kommt die CDU. Das längste Programm kommt von den Grünen, aber die haben eine sehr große Schrift gewählt, also wahrscheinlich haben die Linken das ausführlichste Programm. 

    Haben Sie das Gefühl, dass einige Themen von den Parteien im Wahlkampf nicht genug betont oder diskutiert werden, bei den Bürgern jedoch eine große Rolle spielen? 
    Absolut. Ich glaube, der Wahlkampf bildet nur zum Teil die Probleme ab, die viele Menschen bewegen. Es war ja schon beim TV-Duell zwischen Merkel und Schulz sichtbar, dass auch dort viel über die Migrationspolitik gesprochen wurde, die ja auch in den Medien insgesamt eine große Rolle spielt, aber deutlich weniger über andere Themen. Soziales zum Beispiel, etwa die Wohnungspolitik oder die Renten-Thematik. An den Haustüren merken wir, dass der Umgang mit Geflüchteten schon eine sehr große Rolle für viele Leute spielt. Viele sehen das als großes Thema, einige haben Ängste. Gleich danach kommt aber schon das Thema Altersarmut. Wir gehen in viele Viertel, in denen es einen besonders hohen Anteil an Nichtwählern gibt. Dort trifft man oft auf prekäre Lebenswelten. Zum Thema Rente sagt ja zum Beispiel die CDU, dass eigentlich alles so bleiben soll wie es ist, was für viele allerdings nicht akzeptabel ist. Oft geht es bei den Haustürgesprächen auch um soziale Gerechtigkeit, Mindestlöhne, Bildung. 

    Denken Sie, es wird beim Ausgang der Wahl Überraschungen geben? 
    Vorhersagen sind schwierig. Wir haben natürlich keine repräsentative Umfrage gemacht. Hier im Osten gibt es auch viele Linke-Wähler. Aber in den Gebieten, in denen wir unterwegs waren, merkt man schon, dass es größere Sympathien für die AfD gibt und die Partei vielleicht sogar bessere Ergebnisse einfahren könnte als prognostiziert. Viele wollen die AfD aus Trotz wählen, bei ihnen steht der Umgang mit Geflüchteten an erster Stelle. Die sehr begrenzte Sozialpolitik dieser Partei ist allerdings vielen gar nicht bekannt. 

    Haben Sie sich schon für eine Partei entschieden? 
    Ich habe gerade meine Briefwahlunterlagen abgegeben. Aber auch ich fand die Entscheidung dieses Mal schwer und war bis zum Schluss schwankend. Für mich haben schließlich auch taktische Überlegungen eine Rolle gespielt.

  • 17:05 Uhr
    Sophie Rohrmeier

    Trost-Eis gegen die Pöbler im Wahlkampf

    Wenn Anna Lena Brunnthaler ihre Tochter zum Wahlkampf in München mitnimmt, geht die Kleine, sie ist viereinhalb Jahre alt, gerne mit. Nicht nur, weil sie dann manchmal ein Eis bekommt. Sondern weil sie gerne sieht, was ihre Mama macht. Und weil es ihr Spaß macht, den Leuten etwas zu schenken. 

    Ihre Mutter, 35 Jahre alt, ist bei der SPD und immer zu Beginn der Wiesn verteilen die Sozialdemokraten Brezen mit einem Bierdeckel. "Auf eine friedliche Wiesn" steht drauf. Die Kleine darf ihr Dirndl anziehen, und außerdem freuen sich die meisten Leute, sagt Brunnthaler, wenn Sie ihnen die Brezen entgegenhält, und das freut dann auch das Mädchen. Auch dieses Jahr. 

    Obwohl sich eben nicht alle freuen, und die Ausflüge nicht immer schön in Erinnerung bleiben, manchmal wird das Belohnungseis zum Trosteis. 

    Wahlkampf für die SPD - in Bayern eine Herausforderung, aber in München geht’s, in der Landeshauptstadt regiert die Partei schon lang. Trotzdem, die Stimmung wird aggressiver. Die Menschen sie schreiben ihre Wut in den sozialen Netzwerken in die Welt hinaus, und manchmal schreien sie sie auf die Straßen. 

    Oft genug direkt hinüber zu Anna-Lena Brunnthaler und ihrem Mädchen.  "Wie können Sie hier nur stehen und diese Politik unterstützen?", ruft eine ältere Frau. Sie und ihr Mann haben auf ihren Rädern neben den beiden angehalten, vor zwei Jahren ist das gewesen. Genau die Zeit, in der München für seine Willkommenskultur weltweit gefeiert wird.  "Welche Politik meinen Sie denn konkret?" fragt Brunnthaler damals. "Na, all die Asylanten. Sie sollten sich schämen. Sie bringen Ihre Tochter in Gefahr!" Ihr Tonfall wird aggressiver. "Warum bringe ich meine Tochter in Gefahr?" Nochmal fragt Brunnthaler nach. "Das sind doch alles junge Männer... Wollen Sie wirklich, dass Ihre Tochter in so einer Gesellschaft aufwächst?" 

    Die Kleine hört zu. Damals ist sie noch kaum drei Jahre alt. Sie nimmt die Hand ihrer Mutter. Der Ton der Fremdem verschreckt sie. Warum reagieren die Leute so auf sie? In ihrer Krippe haben 60 Prozent der Kinder Migrationshintergrund. Auch ein schwarzes Mädchen. Es gebe Menschen, sagt Beunnthaler in diesen Situationen zu ihrer Tochter, die nicht wollen, dass andere, wie dieses Mädchen, hier wohnen. Einfach, weil sie eine andere Hautfarbe haben oder woanders herkommen – auch wenn sie genau so in die Krippe gehen wie sie selbst.  

    Um ihre Tochter zu schützen, will Anna Lena Brunnthaler ihren wahren Namen nicht veröffentlicht sehen. Sie nehme ihre Tochter nicht mit, um sie politisch einzusetzen, um die SPD als kinderfreundlich zu zeigen oder mit einem niedlichen Mädchen besser anzukommen. Sondern einfach, um die Kleine dabei sein zu lassen, wenn ihre Mutter macht, was ihr wichtig ist. 

  • 11:25 Uhr
    Sören Götz

    CDU, SPD, FDP – kennt jeder. Doch wer weiß eigentlich, was die Magdeburger Gartenpartei will? Nicht alle der 42 Parteien, die sich zur Wahl stellen, sind deutschlandweit bekannt. Deshalb stellen wir in unserer Reihe zehn der Parteien vor, die wenig beachtet werden. Dafür besuchen wir Wahlveranstaltungen, sprechen mit Kandidaten und lassen auch mal die Wähler zu Wort kommen.

    Bio-vegane Landwirtschaft, Postwachstum und vollwertige Ernährung. Das sind die Themen, zu denen sich 15 Männer und Frauen im Hinterzimmer eines alternativ-schicken Restaurants in Berlin-Kreuzberg Vorträge anhören. Und während sie zuhören, essen sie Salat und trinken Rhabarberschorle. Die Redner stammen aus ihrem Milieu, zwei von drei haben promoviert. Sie präsentieren unübersichtlichen Grafiken und oft verwenden sie englische Fachbegriffe. Gestatten: Die “Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer”, kurz V-Partei, wählbar in zwölf Bundesländern.

    Angela Küster, Vorsitzende des Berliner Landesverbands, hat 15 Jahre lang in Brasilien geforscht und mit Kleinbauern gearbeitet. Sie ist überzeugt, dass man die wachsende Weltbevölkerung nur ernähren und die Umwelt retten könne, wenn man weltweit von der industriellen zur kleinbäuerlichen Landwirtschaft zurückkehrt. Natürlich bio und vegan. Heute würde ein Drittel der produzierten Lebensmittel verfüttert. “Wir haben nicht genug Planeten, um alle Menschen mit Fleisch zu versorgen”, sagt Küster.

    Warum sie sich nicht einfach bei den Grünen engagiert? “Die Grünen machen zu viele Kompromisse”, sagt Küster. “Denen reicht es schon, wenn die Ställe ein bisschen größer werden.” Die V-Partei hat das Ziel, die Haltung aller Nutztiere schrittweise abzuschaffen. Es ist, als gründeten sich die Grünen neu. Idealistisch, radikal, kompromisslos.

    Als nächste spricht Didem Aydurmus. Die Politologin weist darauf hin, dass die Menschheit seit 1970 jährlich mehr Ressourcen verbrauche, als die Erde regenerieren könne. Sie hat die Hoffnung aufgegeben, dass die Menschen freiwillig auf schädliche Produkte verzichten könnten. Als einzigen Ausweg sieht sie Verbote.

    “Unser Leben ist doch jetzt schon voll von Verboten”, sagt Aydurmus. Man dürfe ja auch nicht bei Rot über die Ampel gehen oder jemanden ermorden. “Verbote verhindern, dass wir anderen wehtun.” Das möchte sie auf die Umwelt ausweiten. Fleisch, aber auch Einwegplastik, Kurzstreckenflüge und SUVs hat sie auf ihrer Abschussliste. “Wer wäre dafür, das zu verbieten?”, fragt sie. Fast alle melden sich. “Aber schreiben Sie nicht, dass wir eine Verbotspartei sind”, mahnt sie den Reporter.

  • 11:24 Uhr
    Sophie Rohrmeier

    Flüchtlingsfrage und Parkplatznot im Haustürwahlkampf 


    Bernhard Goodwin, Bundestagskandidat der Sozialdemokraten im Münchner Westen, geht Klinkenputzen. Haustürwahlkampf in Genossenschaftshäusern in Neuhausen. Da, wo die SPD sich ganz gute Chancen ausrechnet. Stimmenfang ist körperliche Arbeit, Goodwin läuft durch das Vierteil, steigt Stockwerk um Stockwerk Treppen hinauf, Haus für Haus. 

     An jeder Tür wieder sagt er mit lauter Stimme: „Ich bin für Sie da!“ Meist ist er willkommen, nur wenige hier winken ab. Klinkenputzen macht man aber auch nicht im feindlichen Gebiet. Obwohl: So klar umrissen sind die roten Bezirke nicht mehr wie früher. 

    Einer seiner jungen Helfer aus dem Wahlkampf-Team kommt etwas angeschlagen zurück zum Treffpunkt der Genossen im Innenhof des Genossenschaftsblocks. „Doch recht deutlich“ habe ihm einer der Bewohner signalisiert, dass er die Sache mit den Flüchtlingen anders sieht als die SPD. Nun gut, sagt der junge Mann, das ist Demokratie. Bundestagskandidat Goodwin hat schon mehr Erfahrung darin, sich mit solchen Anwürfen auseinanderzusetzen. 

    „Ich bin für Sie da“, und manchmal nimmt jemand das Angebot an. Ein Bürger, erzählt Goodwin, habe ihm eine Mail geschrieben: „Ihr macht alles für die Flüchtlinge, aber nichts für uns.“ Am Ende der Konversation habe der Mann ihm viel Glück gewünscht und geschrieben: Hoffentlich kommen Sie in den Bundestag. 

     Happy End? 

    „Wir sind an der Stelle nicht näher zusammengekommen“, erzählt Goodwin. Er habe dem Bürger nicht sagen können: Ich verstehe Sie schon. Aber er hat den Mann gefragt: Was ist denn Ihr Bedürfnis? Nach etwas Hin und Her stellte sich heraus: Der Bürger wollte über Parkplätze sprechen. Eine Angelegenheit für Lokalpolitiker. Dort können die Menschen bei Politikern sehr wohl Hilfe einfordern. Sie wissen es oft nur nicht, glaubt Goodwin. Anders als Lobbyisten.

  • 19:53 Uhr
    Tilman Steffen



    Nach der Landtagswahl 2016 befragte Spiegel Online auf den Straßen von Bitterfeld (Sachsen-Anhalt) Passanten. Zu hören war unter anderem, dass „die Ausländer“ in Deutschland mehr Rechte hätten als sie selbst. Auf die Frage, inwiefern die Anwesenheit von Ausländern sich auf ihr persönliches Leben auswirke, gab es nur Schulterzucken.

    In Bitterfeld hat die AfD damals ein Direktmandat geholt. Mit fast 32 Prozent erhielt sie hier ihr bestes Ergebnis in Sachsen-Anhalt.

    An der Stimmung in der Stadt hat sich bis heute offenkundig nicht viel geändert. Passanten, die ich auf dem Weg vom Bahnhof ins Zentrum anspreche, erzählen mir ungefragt, welch „kulturelle Zumutung” ihre „tote Stadt” ist: Keine Jugend, kein Kino, kein Theater, kaputte Spielplätze, kein Geld für nichts. Die Identität ist für sie futsch, seit die Stadt verwaltungstechnisch mit dem Nachbarort Wolfen zusammengelegt wurde. Das DDR-Chemiekombinat ist weg, die Filmfabrik Wolfen (Orwo) plattgemacht. Und nach 16 Uhr „kann man nicht mehr auf die Straße gehen”, sagt eine Frau. Der Grund: die Asylbewerber aus Eritrea, die „kein Benehmen gegenüber Frauen” hätten, und deswegen würden in Bitterfeld auch so viele Menschen AfD wählen. Ob sie das als Frau selbst erlebt habe? „Nein.” 

    Am Rande des mit Verkaufsbuden gefüllten Marktplatzes hat sich eine kleine Parteien-Meile gebildet. Um den Schirm des SPD-Infostandes stehen wenige Sympathisanten vom Ortsverein, die beiden CDU-Wahlkampfhelfer verteilen unter ihrem Schirm Rosen an Passanten. Nahezu ständig umlagert ist der Stand in der Mitte, von AfD-Direktkandidat Kay- Uwe Ziegler, 53 Jahre. Hier wird rege diskutiert, man kennt sich, bestärkt sich gegenseitig: „Es fehlt ein neuer 17. Juni”, eifert ein älterer Mann und meint den Arbeiteraufstand in der DDR von 1953.



    Ziegler hat ein eigenes Plakat entworfen und in einen metallenen Aufsteller geklemmt: Es zeigt eine Art Schnellvergleich der Parteiprogramme. Worum es ihm dabei geht, ist schnell klar: In den Kategorien „Unbegrenzte Flüchtlingsaufnahme” und „Familiennachzug” steht bei AfD: „nein”, bei den Grünen „so viele wie möglich”. Bei „Burkaverbot” steht bei AfD „ja” und bei den Grünen „niemals”, bei der SPD „nein” und den anderen „jein”. Es ist nirgends erkennbar, dass die AfD diesen manipulativen Vergleich selbst erstellt hat und nicht etwa eine unabhängige Institution. 

    Ziegler tritt zu zwei weißhaarigen Damen heran, die sich im Schatten der Bäume auf einer der Sitzbänke niedergelassen haben (Foto) und drückt ihnen die Hand. „Wir wünschen ihnen viel Erfolg”, sagt die eine Frau, „gut, dass es Sie gibt”, bekennt die andere und erhebt sich zum Gehen.

    In den Gesprächen in der einstigen Chemiestadt zeigt sich: Wer in Bitterfeld halbwegs zufrieden ist, der wählt CDU. Die Unzufriedenen wählen AfD. Dazwischen gibt es fast nichts. Die Unzufriedenen kümmert nicht, dass die AfD Grundrechte infrage stellt und dass AfD-Funktionäre ausländerfeindliche Parolen dulden, manche sogar Hetzreden halten. Die Unzufriedenen eint ihr Frust auf die anderen Parteien.

  • 11:38 Uhr
    Ferdinand Otto

    In diesem Blog stellen wir Ihnen regelmäßig Kleinstparteien vor. Noch nie traten so viele Bewegungen zu einer Wahl an, die es vermutlich nicht über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen werden. Und nicht über die Aufmerksamkeitsschwelle der meisten Wähler. 


    Über fehlende Aufmerksamkeit kann sich die Satire-Partei Die Partei und ihr Spitzenkandidat, der Komiker Martin Sonneborn, derzeit nicht beklagen. 

    Worum geht es? Grob gesagt darum, ob man in diesen aufgeheizten Zeiten seine Stimme einer Spaßpartei geben darf, die damit wirbt, Inhalte zu überwinden. 

    Wie läuft die Debatte? Öffentlichkeitswirksam bekunden Linksintelektuelle derzeit ihre Unterstützung für Die Partei. Die Spaßmacher Shahak Shapira und Serdar Somuncu zum Beispiel. Auch ein anonymer taz-Redakteur gestand, er werde die Partei wählen. „Ganz im Ernst.“ Schließlich habe die das Ziel ausgegeben, die AfD und die FDP unter fünf Prozent zu drücken. Die SPD sei ihm nicht links und die Grünen nicht öko genug. Die Linke? Zu viel Russland und so.

    Aber ist eine Stimme für Die Partei wirklich eine Stimme gegen die AfD? „Was hast Du gemacht, als 2017 die Nazis in den Bundestag kamen?“ „Die Partei gewählt.“ „Eine Spaßpartei ohne Demokratieinteresse?“ So kommentiert das zum Beispiel eine Twitter-Userin.

    Und auch taz-Redakteur Martin Kaul entfährt es da, die Haltung seines Kollegen sei „Elitär, bourgeois und amoralisch.“ 

     „Es ist die Welt unsympathischer Leute, die an einer Käsetheke so lange nach dem Lactosegehalt eines Schnittkäses fragen, bis der Kassiererin gekündigt wird“, schreibt er. Die Partei binde so Menschen, „die eigentlich Wichtigeres tun sollten“. 

    Bis hier ist das ganze noch ein Binnen-Diskurs einer eher linken Blase.

    Doch selbst die konservative Welt schaltet sich ein. Und nicht irgendein Autor, sondern Chefredakteur Ulf Poschardt, urteilt: Die Partei sei zwar nicht wählbar, müsse aber ausgehalten werden. Ausgerechnet der bekennende FDP-Wähler widerspricht dem Redakteur der linksliberalen taz, Kaul: „Humor ist Ausweis und Grundbedingung geistiger Freiheit und intellektueller Souveränität.“

    Die Partei sei, so Poschardt weiter, „ein Ergebnis – man könnte auch sagen: die Rendite – der luxuriösen politischen Stabilität der Bundesrepublik.“

  • 11:37 Uhr
    Doreen Reinhard

    Der Schillerplatz in Dresden, eine Kreuzung, die viele Menschen passieren. Der Platz ist deshalb auch im Wahlkampf beliebt. Sämtliche Parteien bauen hier ihre Stände auf. Am beliebtesten scheint dieser Ort aber bei den Kandidaten der Dresdner AfD zu sein. Schon seit vielen Tagen stehen sie hier – immer direkt neben der Schiller-Weisheit: "Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben, bewahret sie! Sie sinkt mit euch! Mit euch wird sie sich erheben!"


  • 20:33 Uhr
    Katharina Schuler

    Pfiffe aus Bewunderung

    Zu den meisten Wahlkampfveranstaltungen von Angela Merkel kommen neben Trillerpfeifenträgern auch viele Flüchtlinge. In Trier, wo Merkel am Freitagnachmittag auftrat, waren das geschätzt deutlich mehr als AfD-Anhänger. Gerne nahmen sie die von der Jungen Union verteilten Wahlkampfutensilien an – "I love Merkel", das können die meisten voll und ganz unterschreiben. "Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben", erst recht.



    Unter denen, die am Freitagnachmittag vor der Porta Nigra, einem imposanten Stadttor aus der Römerzeit, auf Merkel warteten, waren Mohamad Alhagi (21) und Alaboud Laith (20), beide aus Syrien. Sie sind seit 2015 in Deutschland und sprechen recht gut deutsch.

    Dass sie Merkel-Fans sind, versteht sich fast schon von selbst. Sie sind überzeugt: "Ohne Merkel hätten wir nicht kommen können, sie ist menschlich“, sagt Alhagi auf die Frage, was er an der Kanzlerin schätze. Was sie von der Veranstaltung erwarten? "Ein Selfie mit Merkel, das wäre toll", sagt Alhagi, der mittlerweile Informatik studiert.

    Laith hat einen anderen Wunsch. Seine Aufenthaltsgenehmigung wird immer nur um drei Monate verlängert. Das behindert ihn extrem, zum Beispiel bei der Wohnungssuche. Dabei hat er sogar zwei Jobs: Er arbeitet bei Randstad in Trier und trägt gleichzeitig noch Zeitungen aus. Wie die Bezahlung ist? "Besser als beim Jobcenter", grinst er. Eine deutsche Freundin hat er auch. Nun hofft er, dass er mit Merkel sprechen kann.  

    Dann steckt er die Finger in den Mund und pfeift durchdringend. Weiß er eigentlich, dass man in Deutschland mit Pfeifen Missfallen oder Ärger ausdrückt? "Ich kann nicht anders", lacht er etwas verlegen. "In Syrien ist Pfeifen gut". Als Merkel schließlich auf der Bühne steht, sind etliche Trillerpfeifen zu hören, mit denen Merkels Kritiker auch hier ihren Unmut kundtun. Ein kleiner Teil der Pfiffe ist aber reine Bewunderung.

  • 16:45 Uhr
    Sören Götz

    CDU, SPD, FDP – kennt jeder. Doch wer weiß eigentlich, was die Magdeburger Gartenpartei will? Nicht alle der 42 Parteien, die sich zur Wahl stellen, sind deutschlandweit bekannt. Deshalb stellen wir in unserer Reihe zehn der Parteien vor, die wenig beachtet werden. Dafür besuchen wir Wahlveranstaltungen, sprechen mit Kandidaten und lassen auch mal die Wähler zu Wort kommen.

    Natürlich in der U-Bahn. Wo sonst sollte Die Urbane. Eine HipHop Partei Wahlkampf machen. “Hier wird man seine Flyer viel besser los als auf der Straße”, sagt Frithjof Zerger, und steigt am Kottbusser Tor in die U1. Zerger ist Direktkandidat in Berlin-Kreuzberg-Friedrichshain. Einen Kandidaten einer Hip-Hop-Partei stellt man sich nicht so vor wie den 49-Jährigen, der auch gerne Klassik hört. Nur ein schwarzer Hut weist darauf hin, dass er sich als Teil einer Subkultur fühlt. Das T-Shirt mit dem Schriftzug seiner Partei schaut eher uncool unter seiner Jacke hervor.


    Foto: Die Urbane

    Ivan Stefanovic, Vorsitzender des Landesverbands Berlin, begleitet Zerger beim U-Bahn-Wahlkampf. “Einen wunderschönen guten Abend”, ruft Stefanovic, 39, als die Bahn anfährt. Einige Leute schauen erschrocken von ihren Smartphones hoch. “Keine Sorge, wir sind keine Straßenmusiker. Wir machen Wahlkampf für Die Urbane. Eine HipHop Partei”. Die Passagiere entspannen sich wieder. “Ich dachte schon, ihr seid Kontrolleure”, sagt eine junge Frau erleichtert. Zu Stefanovics Baumwollmütze, Bomberjacke und Bauchtasche würde auch das passen.

    “Das ist der neue Ströbele”, ruft Stefanovic und deutet auf Zerger, der schüchtern die Hand hebt. Der Grüne Hans-Christian Ströbele gewann bei den vergangenen vier Bundestagswahlen das Direktmandat in Kreuzberg-Friedrichshain. Jetzt tritt er nicht mehr an und 18 Kandidaten kämpfen um seinen Sitz im Bundestag. Zerger ist der erste und einzige Direktkandidat der Hip-Hop-Partei, die nur in Berlin antritt. Sehr urban eben.

    Als Stefanovic und Zerger ihre Flyer verteilt haben, fragt ein junger Mann: “Was meint ihr damit, dass ihr den Hip-Hop in die Politik bringen wollt?” Stefanovic antwortet: “Ich habe 15 Jahre lang Jugendliche in Breakdance trainiert. Die Werte, die man dabei vermittelt, sind uns auch in der Politik wichtig: europäische Identität, Diversität, die Rückeroberung des urbanen Raums.” – “Aha”, sagt der Jugendliche ausdruckslos. Ein Mann mit Hemd schaltet sich ein: “Also wie Willy Brandt, nur mit Sprechgesang?” – “Genau”, sagt Ivanovic und strahlt.

    An der nächsten Station wechseln sie den Waggon. Oft treffen die Wahlkämpfer auf Touristen und Ausländer. “Wir setzen uns dafür ein, dass ihr auch wählen dürft”, verspricht Zerger denen, die in Deutschland leben. Ein Mann will wissen, ob sie für die Legalisierung von Cannabis sind, er kiffe seit dreißig Jahren. “Ja klar, daran führt kein Weg vorbei”, sagt Stefanovic. Zufrieden steckt der Mann den Flyer ein.

  • 15:52 Uhr
    Martin Debes

    Der Wahlkampf mag langweilig sein. Gewaltfrei ist er nicht. Zum Beispiel Thüringen: Es war Ende August, als in Gera ein Mann in das Wahlkreisbüro der Landtagsabgeordneten Margit Jung stürmte, die Räume verwüstete und mit Gegenständen herumwarf. Schließlich schlug er der linken Politikerin mit einem Werbeflyer ins Gesicht. Jung erstattete Anzeige. Der Mann, 63 Jahre und obdachlos, wurde festgenommen.

    "Genug ist genug!", rief später der Landtagspräsident Christian Carius (CDU), als dessen Stellvertreterin Jung amtiert, im Plenarsaal in Erfurt. Doch offenkundig hörte keiner auf ihn. Seit August zählte die Thüringer Polizei landesweit 205 Strafanzeigen im Zusammenhang mit dem Bundestagswahlkampf. Bei der letzten derartigen Anfrage an die Landespolizeidirektion am 24. August lag die Zahl noch bei 49. Damit hat sich die Anzeigendichte in den vergangenen drei Wochen nochmals deutlich erhöht.

    Bei den Delikten, hieß es, handele es sich zwar insbesondere um zerstörte oder gestohlene Wahlplakate und Aufsteller. Zunehmend würden aber auch Attacken gegen Politiker oder Wahlhelfer angezeigt. So wurde nach einem Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in Südthüringen ein Wahlhelfer der CDU von Protestierern verletzt. Auch Bundestagskandidaten haben Anzeige erstattet. 

    Mehr Gewalt als 2013

    Betroffen sind aber vor allem Die Linke und die AfD – wobei zur Vollständigkeit des Befundes gehört, dass es in vielen Fällen ihre Anhänger sein dürften, die jeweils die Plakate des politischen Gegners abreißen. Beide Landesparteien hatten in den vergangenen Wochen mehrfach beklagt, dass 30 bis 40 Prozent ihrer Plakate zerstört würden. In der Universitätsstadt Jena, wo diese Woche die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel von Hunderten Gegendemonstranten ausgepfiffen wurde, bleiben Plakate der AfD oft nicht einmal einen Tag hängen. 

    Auch die Zahl der gemeldeten Attacken auf Wahlkreisbüros ist hoch. Sie summierten sich in der ersten Hälfte dieses Jahres auf 22. Neuere Zahlen gebe es nicht, teilte das Landeskriminalamt mit. Jeweils achtmal wurden Häuser von Linke und AfD angegriffen. Viermal war die CDU betroffen, in zwei Fällen die SPD. Im gesamten Bundestagswahljahr 2013 sind nur 23 derartige Fälle registriert worden. 

  • 11:03 Uhr
    Lisa Caspari


    "Tschuldigung“, ruft Kate einem jungen Juso zu, der nach dem Wahlkampfauftritt von Martin Schulz in Braunschweig die knallroten und europablauen Papp-Plakate vom Boden aufsammelt. Jetzt ist der Kanzlerkandidat der SPD weg, eilt weiter zum nächsten Wahlkampftermin, die Bierbänke sind leer und die Techniker haben angefangen, abzubauen. Die Plakate, die das Publikum vorher wedelte und die der Juso nun vom Boden aufgelesen hat, sind größtenteils lädiert. Aber Kate gibt nicht auf: „Tschuldigung“, ruft sie. "Haben Sie noch ein schönes für mich?“ 

    Und tatsächlich, ein Plakat ist noch übrig. Feuerrot, kaum ein Knick, handliches DIN-A-3-Format. „Jetzt Kanzler“ steht darauf. „Das kommt bei uns an die Wand“, sagt Kate und freut sich. Solche Frohnaturen bräuchten sie wohl öfters bei der SPD, vor allem an diesem Donnerstagnachmittag, an dem die Partei in einer Umfrage einen erneuten historischen Tiefstand erreicht. 

    Kate ist gebürtige Britin, lebt seit Jahrzehnten in Braunschweig, sie ist SPD-Mitglied und hat inzwischen die doppelte Staatsbürgerschaft. Und sie ist sozialdemokratische Patriotin: zur Feier des Tages weitestgehend in Rot gekleidet. Und Kate ist richtig gut drauf, in Partystimmung geradezu. "Ich war überrascht, wie toll Schulz war“, ruft sie, ihre Freundin nickt. 

    Der Kandidat hat in Braunschweig, wie immer, über Bildung, Rente und zu hohe Mieten gesprochen. „Das war klare Sprache, gute Themen“, findet Kate. „Im TV-Duell war er noch ein bisschen nervös, aber jetzt hat er Übung.“ Stolz schaut sie auf das feuerrote Plakat, dass sie von ihrer SPD erstanden hat. Schulz als Kanzler. Nur ihr Sitznachbar, der ist weniger euphorisch: „Schulz? Na, den kannste wegpacken“, sagt er und grinst. Da muss auch Kate ein bisschen schmunzeln.

  • 18:29 Uhr
    Imre Balzer

    CDU, SPD, FDP – kennt jeder. Doch wer weiß eigentlich, was die Magdeburger Gartenpartei will? Nicht alle der 42 Parteien, die sich zur Wahl stellen, sind deutschlandweit bekannt. Deshalb stellen wir in unserer Reihe zehn der Parteien vor, die wenig beachtet werden. Dafür besuchen wir Wahlveranstaltungen, sprechen mit Kandidaten und lassen auch mal die Wähler zu Wort kommen. Warum geben Menschen Kleinstparteien ihre Stimme, obwohl diese es nie in den Bundestag schaffen?


     André, 39, ist Kaufmännischer Angestellter. Er wird das Bündnis Grundeinkommen wählen – ist aber kein offizieller Vertreter der Mini-Partei. Das BGE wurde 2016 in München gegründet und hat inzwischen 16 Landesverbände. Bei der letzten Landtagswahl in NRW holte es 5.260 Stimmen, 0,1 Prozent. 

    In den meisten großen Parteien gibt es mittlerweile Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens. Was unterscheidet das Bündnis Grundeinkommen von den anderen? 
    Weil sich das Bündnis Grundeinkommen nur einem Thema verschrieben hat, glaube ich denen eher, dass sie auch umsetzen, was sie fordern. Von den anderen Parteien wurde ich schon zu oft enttäuscht. Außerdem finde ich es sehr sympathisch, dass sie sich nach dem Erreichen ihres Ziels auflösen möchten. 

    Warum brauchen wir das Grundeinkommen denn? 
    Ich sehe das bedingungslose Grundeinkommen als eine Möglichkeit, uns dauerhaft vom kapitalistischen Wirtschaftssystem zu lösen. Nur so werden wir verstehen, dass wir nicht für den Profit, sondern füreinander arbeiten. Das ist der Wandel, den ich mir für die Welt wünsche. 

    Wen haben Sie denn früher gewählt? 
    Zunächst habe ich längere Zeit Die Linke gewählt, irgendwann habe ich dann angefangen, meinen Stimmzettel ungültig zu machen. Ich bin mit unserem Parteien- und Politiksystem im Gesamten nicht zufrieden. Ich glaube, der Kapitalismus ist wesentlich stärker als das, was uns Wählern an Mitbestimmung in unserem System versprochen wird. An einen Wandel aus dem System heraus glaube ich nicht mehr. 

    Und das Grundeinkommen würde etwas verändern? 
    Ich denke nicht, dass das Grundeinkommen die Lösung ist. Aber es wäre ein Zwischenschritt und würde helfen, den Einfluss des Kapitalismus einzudämmen. 

    Das Bündnis wird vermutlich nicht über die Fünf-Prozent-Hürde kommen. Manche würden sagen, Sie schmeißen ihre Stimme damit weg. 
    Mir ist es wichtig, das zu wählen, woran ich glaube. Sonst wäre meine Stimme auf jeden Fall weggeschmissen. Und wie es dann tatsächlich ausgeht, das werden wir ja sehen. Vermutlich haben Sie recht. Ich bin trotzdem beeindruckt, wie sehr das Grundeinkommen europaweit zu einem Thema geworden ist. 

  • 18:23 Uhr
    Sophie Rohrmeier

    Im Grenzgebiet wirbt die CSU mit Kontrollen 


    Ein CSU-Wahlkampftermin, wenige Wochen vor der Bundestagswahl. Schwarzbach an der A8, kurz vor Österreich, am Walserberg bei Bad Reichenhall. Idyllisches Alpenland, der bayerische Innenminister, Joachim Herrmann, steht mitten auf der Autobahn. Das geht, weil die Trasse da, wo die Mitarbeiter sein Redepult aufgestellt haben, gesperrt ist, hier an der deutsch-österreichischen Grenze.

    Um Herrmann herum sortiert die Polizei. Manche Autos nach ganz links, sie dürfen durch. Andere auf die Kontrollspur eins, hinein in das weiße Zelt, unter dem Bundespolizisten und bayerische Bereitschaftspolizisten schon warten. Unterm Zelt steht der Innenminister und wirbt dafür, dass hier weiterhin durchsucht werden darf. 

    „Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, als ob wir hier völlig offene Grenzen haben“, sagt Herrmann im Schatten des Zeltdachs, „und jeder, schon von den Außengrenzen her, beliebig nach Europa reinspazieren kann und sich dann innerhalb der EU auch beliebig weiterbewegen kann“. Wenig später wird die EU diesem Wunsch erneut nachgeben. 

    Ausnahmsweise und eigentlich vorübergehend waren die Grenzen im September 2015 wieder spürbar geworden, wegen der Flüchtlinge. Heute kommen deutlich weniger Migranten über Österreich nach Bayern. Trotzdem beharrt Herrmann darauf, weiter zu kontrollieren. Die Bundespolizei greife ja, hier und an anderen Kontrollstellen, illegal Einreisende und Schleuser auf. 

    Und noch mehr. Waffen- und Drogenschmuggler, Passfälscher, Diebe. Diese Kriminellen zu finden, rechtfertigt aus Sicht von Polizei und Herrmann die Kontrollen mindestens genauso wie jene Flüchtlinge. 

    Herrmanns Hauptargument für die Binnenkontrollen: Erst wenn die EU-Außengrenzen gut genug gesichert seien, ist er bereit, die Binnenkontrollen wieder aufzugeben. Wann aber wird es gut genug sein für die CSU? Passfälscher, Drogen- und Waffenschmuggler, die Personen, nach denen gefahndet wird – finden die Bayern nach den Flüchtlingen neue Gründe für Kontrollen an innereuropäischen Grenzen?

  • 18:18 Uhr
    Ferdinand Otto

    Wozu dieses Blog? Am 24. September wählt Deutschland einen neuen Bundestag. Und alle schauen auf Angela Merkel und Martin Schulz. Dabei passiert in diesem Wahlkampf viel mehr als das, was die Berliner Parteizentralen so aushecken. In 299 Wahlkreisen kämpfen Direktkandidaten um den Einzug ins Parlament, zwischen Flensburg und Friedrichshafen findet Wahlkampf im Kleinen statt. Welche Diskussionen werden dort geführt? Über welche Themen wird gestritten? 


    Wir wollen wissen, was dieser Wahlkampf mit dem Land und seinen Menschen macht, in der Dorfkneipe, beim Feierabendbier, auf den Marktplätzen. Reporter von ZEIT ONLINE und der ZEIT reisen durch Deutschland. Impressionen, Geschichten, Menschen, die sie bewegen, zeigen wir bis zur Wahl in diesem Blog Überland wählt. Die Lokalreporter unserer Serie Überland werden aus Bayern, Thüringen, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern berichten. 

    Weil die politische Landschaft in Deutschland vielfältiger ist als je zuvor – zur Wahl treten 42 Parteien an, der Balken für die "Sonstigen" wächst –, finden sich hier außerdem kurze Porträts, Interviews, Berichte und Reportagen über einige dieser Bewegungen, die es nicht in den Bundestag schaffen werden. Die letzten zehn Tage bis zur Bundestagswahl werden wir hier mehrmals täglich eine Facette des Wahlkampfes beleuchten, die es vielleicht nicht in die Schlagzeilen schafft. 


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