Es ist eine seltsam irreale Stimmung an diesem Abend im Konrad-Adenauer-Haus, der Berliner Parteizentrale der CDU. Die Union mit Angela Merkel an der Spitze hat zum vierten Mal in Folge eine Bundestagswahl gewonnen – mit einem Riesenabstand zur SPD.

Für Merkel selbst bedeutet das: In der Mitte der kommenden Legislaturperiode wird sie – was die Dauer der Amtszeit angeht – länger regiert haben als Konrad Adenauer, am Ende könnte sie mit Einheitskanzler Helmut Kohl gleichgezogen haben. Und doch ist den meisten hier, die dicht gedrängt im Zelt vor der Parteizentrale an den Tischen stehen und Bier oder Wein trinken, nicht zum Jubeln zumute – auch wenn die Mitglieder der Jungen Union ihr Bestes tun, um so etwas wie Siegesstimmung aufkommen zu lassen. "Angie, Angie!" rufen sie, als Merkel um kurz vor sieben gemeinsam mit den Mitgliedern ihres Präsidiums auf die Bühne im Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses tritt.

"Nicht drumrumreden"

Merkel macht jedoch schnell klar, dass auch sie weiß: Zum Feiern besteht an diesem Abend wenig Anlass. Merkel hat mit knapp 33 Prozent nicht nur das schlechteste Ergebnis aller von ihr angeführten Wahlkämpfen erreicht, sondern auch das zweitschlechteste in der Geschichte der Partei.

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"Wir brauchen nicht lange darum herumzureden, wir hätten uns ein besseres Ergebnis erwünscht", sagt sie. Auch die Gesichter ihrer Präsidiumsmitglieder sehen nicht nach Wahlsieg aus. Starr, ohne Lächeln blicken die meisten auf ihre Anhänger. Dass die Union, wie Merkel betont, ja immerhin ihr strategisches Wahlziel erreicht hat, nämlich zu verhindern, dass gegen sie eine Regierung gebildet werden kann, ist ihnen nicht wirklich anzusehen.

Dabei ist es nicht nur das CDU-Ergebnis selbst, das ihnen die Freude an der trotz allem gewonnenen Wahl verdirbt. Es ist vor allem der Erfolg der rechtspopulistischen AfD, die mit rund 13 Prozent im nächsten Bundestag vertreten sein wird. Zwar hat nicht nur die CDU an die AfD verloren, doch als ehemals konservative Partei ist der Einzug einer rechten, in Teilen rechtsextremen Konkurrenz in den Bundestag, und dann auch noch in dieser Größe, für die Union ein besonderes Problem. Nach Hochrechnungen wanderten über eine Million Wähler von der Union zur AfD. Nur an die FDP verloren die Christdemokraten mehr Stimmen.

Mehr Frust als Freude

Auch diejenigen, die an diesem Abend hier feiern wollten, sind trotz der Tatsache, dass man immerhin wieder stärkste Kraft geworden ist und auch künftig die Regierung anführen wird, geknickt. Es sei schon "eine gefühlte Niederlage", sagt etwa der 17-jährige Nicolas Weiland, der mit seinen Freunden aus Baden-Württemberg für diesen Abend nach Berlin gekommen ist. "Wir sind eigentlich die Wahlverlierer", sagt auch der 18-jährige Julian Däuble aus Nagold, der in den vergangenen Monaten an hunderten Haustüren für seine Partei geworben hat. 

Auch wenn in der CDU zuletzt keiner mehr darauf gehofft hatte, wieder in die Nähe der 41 Prozent zu kommen, die bei der Bundestagswahl 2013 erreicht wurden – mit so einem Absturz hatte keiner gerechnet.

Brandmauer für Merkel

Merkels Getreue versuchen denn auch, möglichst schnell Brandmauern zu errichten, die Schäden von der Kanzlerin fernhalten sollen. Fraktionschef Volker Kauder ist der Erste, der sich vor die Kameras wagt. "Wir haben den Regierungsauftrag", versucht er den Eindruck einer Niederlage zu korrigieren.

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Ähnlich äußert sich wenig später der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier. Man habe nach den Wahlsiegen im Frühjahr Probleme gehabt, die Wähler wieder zu mobilisieren, versucht die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer das Ergebnis zu erklären.

Der Merkel-Getreue Armin Laschet weist den Verdacht zurück, Merkels Flüchtlingspolitik sei der Grund für dieses Wahlergebnis. Der Erfolg der AfD habe keinesfalls in erster Linie damit zu tun, sagt er. Eher habe es Überdruss an der großen Koalition gegeben.