Wahlkampf der FDP in Hamburg und der Regen nimmt kein Ende. Christian Lindner zieht seine Rede in der Fußgängerzone durch, die Menschen bleiben, tief verkrochen unter ihren Schirmen. Lindner spricht frei, wie immer, über Ausbildungschancen, marode Klassenzimmer, über schnelles Internet und die "moralische Überheblichkeit" der Grünen. Klassische Liberale klatschen ihm zu, Hamburger Bürgertum mit Hornbrille und Steppjacke, aber auch junge Studenten sind stehen geblieben.

Im Anschluss an seinen Auftritt bleibt Lindner noch ein Weilchen auf der Bühne. Zuhörer klettern zu ihm hinauf, hier ist es trocken, sie reihen sich ein für ein Selfie mit ihm. Wie bei einem Popstar. Und sie haben Fragen. "Da müssen Sie eine E-Mail schreiben", sagt Lindner mit der ihm eigenen leicht schneidenden Stimme nach rechts. "Da können sie unsere Position im Internet nachlesen", sagt er nach links. Was für ein Gewimmel. Er ist ein großer Mann, er überragt sie alle und behält den Überblick. Welcher Fan ist als nächstes dran? Lindner ist ein bisschen gestresst. Aber er freut sich auch.

Die FDP ist wieder im Gespräch. Und das ist allein sein Verdienst. 34 Jahre alt war Lindner, als er im Herbst 2013 die Liberalen nach ihrem Bundestagsaus übernahm. Die gedemütigte außerparlamentarische Opposition. Damals lautete die Frage: War es das? Hat sich die kalte FDP erledigt? 

Etwas weniger als vier Jahre später, zwei Wochen vor der Bundestagswahl, steht die Partei bei den Umfragen solide bei acht bis neun Prozent. Vielleicht ist am Wahlabend sogar mehr drin. Die Frage lautet inzwischen: Wird die FDP drittstärkste Kraft im Parlament? Und Christian Lindner gar Vizekanzler in einem schwarz-gelben Bündnis unter Angela Merkel?

"Keine Sau braucht die FDP"

Wie sich Zeiten ändern können. Lindner erinnert sich noch gut an die bleiernen Monate Ende 2013 und 2014, in denen die FDP sich erst vom Ausscheiden ihrer einstigen Spitzenkräfte personell erholen musste – und dann aus so vielen Landtagen flog, dass sie sich schließlich selbst zum Gespött machte. "Keine Sau braucht die FDP", plakatierte der Landesverband Brandenburg damals, ein Schrei nach Aufmerksamkeit. Lindner fand das schrecklich – er klagte aber auch darüber, dass die Medien nicht interessiert wären an Inhalten, nur an Berichten darüber, wie schlecht es der stolzen liberalen Partei geht. Die FDP war dabei, vergessen zu werden.

2015 dann der Turnaround. Die FDP erneuerte sich selbst, mit fröhlichen Knallbonbonfarben, schaffte mit zwei jungen, für die Partei eher untypischen Spitzenkandidatinnen den Wiedereinzug in die Landtage von Hamburg und Bremen. Nach zwei Jahren großer Koalition wurden oppositionelle Forderungen wieder interessanter. Und Lindner hatte zwei Themen entdeckt, die ihn und seine Partei seitdem tragen.

Er wandte sich zuerst an die jungen Gründer. "Deutschland braucht ein Update", skandierte die FDP. Mehr Internet, weniger Bürokratie für Start-up-Inhaber, denen SPD und Union zu uncool und die Grünen zu moralisch waren. In dieser Zeit begann eine Wutrede Lindners zu kursieren, aus dem nordrhein-westfälischen Landtag, wo er seit 2012 Fraktionschef ist. Darin verurteilt Lindner rhetorisch gekonnt einen SPD-Politiker als bräsigen Amtsstubensitzer. Wer ein Unternehmen gründe, dem sei im Erfolgsfall Gängelei durch den Steuerprüfer und beim Scheitern "Spott und Häme sicher", rief der FDP-Chef damals aufgebracht. So komme Deutschland nicht voran, es brauche eine neue Gründerkultur.

Die Digitalisierung durchdrungen

Der Erfolg des Videos bekräftigte den jungen Parteichef: Einmal mehr aufstehen als hinfallen – das Motto passte doch auch hervorragend zur FDP. Deutschland müsse endlich fit werden für die Industrie 4.0, fordert die FDP nun in diesem Bundestagswahlkampf. Auch die CDU spricht in diesem Wahlkampf viel von Digitalisierung – doch passt das nicht wirklich zur doch immer noch sehr analogen Kanzlerin Angela Merkel. Die Liberalen unterstrichen ihre Forderung hingegen mit einer ausgefeilten Social-Media-Kampagne, Lindners verwackelte Videos aus dem Auto, in denen er auf dem Weg von einem Termin das Wahlprogramm seiner Partei erklärt, teilen sich hundertfach.

Im Regen in Hamburg steht ein junger Mann, der Informatik studiert und vom Outfit her eher bei den Grünen sein könnte. Er ist auf Rundtour durch die Wahlkampfkundgebungen seiner Stadt – noch weiß er nicht, was er wählt. Doch Lindner beeindruckt ihn. "Er ist der einzige, der die Digitalisierung durchdrungen hat", sagt der junge Mann. Später wird auch er ein Selfie mit dem FDP-Chef machen.

"Digital first, Bedenken second", plakatiert die FDP selbstbewusst auf Deutschlands Straßen. Nur wenn alles online gehen soll, wo ist dann der Stellenwert des Datenschutzes, den die FDP doch immer als ihre DNA bezeichnet hat? Für den beispielsweise Sabine Leutheusser-Schnarrenberger als Justizministerin zurücktrat, wofür sie von manchen bis heute verehrt wird? Darauf angesprochen wird Lindner schmallippig – er verweist auf das Wahlprogramm seiner Partei, das ein Kapitel zum besseren Schutz der Privatsphäre enthält.

Das stimmt und so ist es oft in der FDP: Im Programm können sich alle wiederfinden, die Wirtschaftsliberalen, die Datenschützer und die Sozialliberalen. In der Zuspitzung aber setzt Lindner die Akzente. Datenschutz ist ein Bremserthema, Digital first klingt eben besser. Ähnlich verhält es sich mit der Flüchtlingspolitik, die der oberste Liberale nun für den Wahlkampfendspurt als Gewinnerthema auserkoren hat.

Christian Lindner - Wie verhindern Sie, dass Sie sich in sich selbst verlieben? FDP-Spitzenkandidat Christian Lindner will mit seiner Partei wieder in den Bundestag einziehen. Im Video spricht er über Eitelkeit und Umgang mit Kritik. © Foto: Jan Lüthje