An einem Nachmittag kurz vor der Bundestagswahl steigt Dieter Salomon am Stuttgarter Hauptbahnhof in einen schwarzen Mercedes. Sein Fahrer biegt in die Konrad-Adenauer-Straße, links liegt aufgegraben die Baustelle von Stuttgart 21, weit und dunkel wie ein Tagebau. Das Loch ist der Grund dafür, dass die Grünen heute in Baden-Württemberg regieren. Wegen des Lochs behandelt die Bundespartei die Südwest-Grünen wie eine Anomalie. Und das Loch ist auch der Grund, wieso jemand wie Salomon einen beachtlichen Erfolg nach dem anderen hinlegen kann und es ihm keiner in Berlin nachmachen will – oder kann.

Dieter Salomon, Oberbürgermeister von Freiburg, ist so etwas wie der Prototyp der Kompromissgrünen. Als erster Grüner Bürgermeister machte er die Provinzstadt zum Sehnsuchtsort von überreizten Großstädtern und gelangweilten Landbewohnern. Zur Stadt mit Passivhausviertel, mit Toskana-Klima, zur "Ökohauptstadt" und zur "nachhaltigsten Stadt", zu einer der "lebenswertesten" und "beliebtesten" Städte Deutschlands. "Die Inkarnation grünen Erfolges" nannte ihn die Frankfurter Rundschau.

Und doch wird seine Spezies, die Hyperrealos aus dem Südwesten, auch in diesem Wahlkampf wieder von den Parteifreunden zum Grund der schlechten Wahlumfragen gemacht. Dabei spricht alles dagegen. Salomon hat mit seinem Sieg einen Weg bereitet, den Grüne im ganzen Land hätten gehen können. Bisher ist ihm allerdings kaum jemand gefolgt.

Auf der dreistündigen Fahrt von Stuttgart nach Freiburg fläzt Salomon, 57 Jahre alt, nicht im Rücksitz, drückt nicht auf seinem Handy herum. Beim Zuhören sieht er einem in die Augen, in Nachdenkpausen aus dem Fenster, auf die Landschaften Baden-Württembergs. Auf die verstopften Kreuzungen Stuttgarts, die überfüllte A81, die Lagerhallen der Autozulieferer, mit Namen, die keiner kennt, ohne deren Produkte aber kein Auto der Welt fahren könnte. Später auf kleine Dörfer, einheitlich, mit Kirchturm in der Mitte und ausfransenden Neubaugebieten auf die Hügel hinauf. Die Landkreise, die sein Dienstwagen durchfährt – Böblingen, Tübingen, Freudenstadt, Rottweil, Schwarzwald-Baar, Breisgau – sind überdurchschnittlich wohlhabend. Nicht wie in Oberbayern oder im Taunus superreich. Es ist Deutschlands vorbildliche Ecke, nicht seine angeberische.

Hier, im protestantischen Südwesten mit seiner Schwerindustrie und seinen Hidden Champions, sind die Grünen bürgerlicher, konservativer, liberaler, wirtschaftsnäher und polizeifreundlicher als in anderen Landesverbänden oder im Bund. Linke Verteilungspolitik ist ihnen ferner, Moralargumentation verdächtiger. Im Vergleich zu ihren Kollegen sind sie viel, viel erfolgreicher: Die Bundesgrünen liegen in Umfragen deutschlandweit bei rund sieben Prozent, in Baden-Württemberg kommen sie auf gut das Doppelte. Die Landesgrünen erreichen hier 30 Prozent. In wichtigen, reichen Städten des Bundeslandes wie Stuttgart, Heidelberg oder Tübingen wird die Partei mit komfortablen Mehrheiten wiedergewählt.

Seit in Baden-Württemberg 2011 erstmals eine Grün-Rote Koalition zustande kam, haben die Grünen ihre Wahlergebnisse weiter verbessert. 2016 wurden sie vor der CDU die stärkste Partei. Möglich war das auch deshalb, weil die Grünen hier von einst unverhandelbaren Positionen abgerückt sind. Zumindest immer dann, wenn es die Bürger von ihnen verlangten – und es politisch klug war. "Die Kunst des Möglichen" nennt Salomon das. Revolutionsanspruch verbunden mit Machtgespür, man könnte auch sagen, in Baden-Württemberg sind die Grünen die Partei der institutionalisierten Revolution.

Dieter Salomon ist das Revolutionsdenken nicht fern, er ist Grüner der ersten Stunde. Er wuchs in einem 400-Einwohner-Dorf im Allgäu auf. Sein Vater arbeitete in der Fabrik, die Mutter im Textilgeschäft. Als Kind verbrachte Salomon seine Tage in den Räumen der Kneipe seines Großvaters, mit fünf konnte er fluchen, dass sich die Mutter schämte. Heute sagt er, diese Jugend sei der Grund, wieso er mit jedermann könne. Im Prinzip sei er ein "intellektueller Prolo", ein sozialer Aufsteiger mit bürgerlichem Habitus.

Sein Aufstieg, das ist das Studium, Politik und Finanzwirtschaft in Freiburg, dann, 1980, Eintritt bei den Grünen. Es folgte die Promotion mit Hochbegabtenstipendium, Thema der Doktorarbeit: "Grüne Theorie und graue Wirklichkeit." Mit 30 Jahren wurde Salomon in den Freiburger Stadtrat gewählt, mit 31 saß er im Landtag. Er löste Fritz Kuhn, heute Stuttgarter Oberbürgermeister, als Fraktionschef ab und übergab schließlich an Winfried Kretschmann.

Als sich Salomon 2002 in Freiburg zur Wahl stellte, hatte es in Deutschland noch nie einen grünen Oberbürgermeister gegeben. Die Grünen hatten gerade 13 Landtagswahlen hintereinander verloren. Im zweiten Wahlgang schlug er die CDU-Kandidatin knapp, mit den Stimmen von SPD und linken Splitterparteien – ein rot-rot-grünes Zweckbündnis.

In seinen ersten Jahren im Amt machte Salomon sich nahezu alle Verbündeten zum Feind. Zwar setzte er wie kein anderer in Deutschland ökologische Projekte um und gewann so Preis um Preis für die Nachhaltigkeit der Stadt. Doch als die Schulden die Stadt zu lähmen drohten, brachte er die linken Parteien mit einem harten Sparplan gegen sich auf. Salomon selbst nannte es den "Haushalt der Zumutungen", er kürzte Zuschüsse für Kultur, Sport und Soziales. Jede Woche demonstrierten andere Gruppen vor dem Rathaus. Er versuchte, städtische Wohnungen an einen Investor zu verkaufen, ein Bürgerentscheid verhinderte das. "Kein Mieter wählt Dieter" wurde in der Stadt plakatiert.

Die SPD wandte sich ab, zwei Grüne verließen die Fraktion. Die CDU aber hielt zu Salomon. 2010 wurde er mit den Stimmen der CDU und der Freien Wähler wiedergewählt. Die Mehrheiten für seine Projekte, auch die ökologischen, holt er sich nun dort. Es ist diese Kompromisspolitik, die die Südwest-Grünen für viele andere in der Partei verdächtig macht. Wie weit darf man sich als Grüner verbiegen?

"Den Wählern", sagt Salomon, "geht es um die Resultate". Wie er diese erreiche, sei nicht wichtig, solange es der Grundhaltung "Politik in langen Linien" entspreche. Im Zweifel sogar für die nächste Generation. Ob im Klimaschutz, in der Rentenpolitik, oder, ja, auch beim Schuldenabbau: "Mehr pragmatische Kompromisse bedeuten wirksamere Politik", sagt er.

In Kommunen, wo Politiker das den Bürgern unmittelbar beweisen können, funktioniert das. Manchmal aber gibt es nichts zu beweisen. Was, wenn es, wie so oft in diesem Wahlkampf, um Gefühle geht?