Alles scheint choreografiert für die Verkündung des großen Sieges: Die Fernsehübertragung auf der Großleinwand mit den ersten Ergebnissen der Bundestagswahl geht aus, ein Scheinwerfer wird auf die Bühne gerichtet. Dann tritt die Parteiführung der FDP zu dem Lied See Me Fight von Two Steps From Hell ins Rampenlicht. 

Lange genießen Christian Lindner, Wolfgang Kubicki, Nicola Beer, Alexander Graf Lambsdorff, Katja Suding, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, Johannes Vogel und Marco Buschmann den Jubel ihrer Anhänger in der Berliner Parteizentrale. Lindner wirkt gelöst. Er hat sein Ziel erreicht: Die FDP nach vier Jahren in der außerparlamentarischen Opposition zurück in den Bundestag zu führen. Rund zehn Prozent der Wähler haben den Liberalen ihre Stimme gegeben.

"Die Menschen haben uns ein Comeback ermöglicht", ruft Lindner und versucht, den Jubel zu übertönen, der im Atrium des Genscher-Hauses jedes Wort zu überdecken droht. 1.500 Gäste sind gekommen, die begeistert sind von der Wiederbelebung der FDP und das mit vollem Stimmeinsatz zum Ausdruck bringen. Nach jedem Satz muss der Bundesvorsitzende eine Pause machen. "Ab jetzt gibt es wieder eine Fraktion der Freiheit im Deutschen Bundestag." Das sei eine Chance für die FDP, aus der eine "große Verantwortung" erwachse. "Die Menschen haben uns nicht als eine Form von Dankeschön gewählt, sondern aus dem Wunsch heraus, dass Deutschland in Zeiten des Wandels nicht länger Zeit verliert, dass sich etwas verändert."

Gegenkurs zur AfD

Auch auf das gute Abschneiden der AfD geht Lindner ein. Er beklagt, dass damit "ein Denken in Abschottung und Ressentiment" in den Bundestag einziehe. "Das ist ein Kampfauftrag an uns in den nächsten Jahren, dem wir uns stellen." In der vergangenen Legislaturperiode hätten es Union, SPD, Grüne und die Linkspartei zugelassen, dass die Mitte verwaiste. "Wir werden diese Lücke im Parlament schließen und wir werden unseren Platz in der Mitte wieder einnehmen." Seine Partei stehe für den "klarsten Gegenkurs zur AfD", ruft Lindner. Das Auditorium quittiert es mit Applaus und Pfiffen.

Eine Gruppe junger Männer vom Landesverband Nordrhein-Westfalen hängt Lindner regelrecht an den Lippen. Junge Liberale feiern ihren Vorsitzenden wie einen Star. Etwas verhaltener zeigen sich einige altgediente Freidemokraten wie Sabine Leutheusser-Schnarrenberger oder Cornelia Pieper. Natürlich freuen sie sich über den großen Erfolg ihrer Partei. Aber sie sind auch besorgt über das Abschneiden der AfD.

Ebenso geht es Lambsdorff: "Die internationale Wirkung dieses Ergebnisses wird fatal sein. Das Ausland schaut mit großer Sorge auf uns." Lambsdorff, der in den vergangenen vier Jahren der ranghöchste Parlamentarier der FDP und stellvertretender Präsident des Europäischen Parlamentes war, freut sich auf seinen Wechsel in die Bundespolitik. "Egal in welcher Rolle, ich werde weiter für Europa arbeiten", sagt er. 

Jamaika oder Opposition

Welche Rolle die FDP künftig in der Bundespolitik einnehmen wird, ist noch offen. Während die SPD nach ihrem Wahldebakel angekündigt hat, in die Opposition zu gehen, wollen sich die Freien Demokraten nicht festlegen. "Wir werden uns nicht in eine Koalition zwingen lassen, nur weil die SPD sagt, sie will in die Opposition gehen", sagt Parteivize Kubicki. Diese Haltung vertreten auch die anderen Mitglieder der Parteispitze. Unisono. Auf die Frage nach Koalitionsmöglichkeiten geben sie dieselbe Antwort, die jeder Journalist von Lindner seit Wochen hört: Die FDP könne sich sowohl eine Regierungsbeteiligung als auch eine Rolle in der Opposition vorstellen.  

"Wir haben keinen Auftrag zur Regierungsbildung, nehmen Gesprächsangebote aber an", sagt Lindner. Damit schließt er ein schwarz-gelb-grünes Bündnis nicht mehr kategorisch aus. Vor einer Woche noch hatte er gesagt, für Jamaika fehle ihm die Fantasie. Weiterhin gelte aber für eine liberale Regierungsbeteiligung, dass "wir Trendwenden erreichen wollen". Seien diese nicht möglich, wolle die FDP lieber in die Opposition gehen. "Aus allen Rollen im Parlament kann man Gutes bewirken", findet Lindner. Viel zu wichtig sei es ihm, dieses Mal die Wahlversprechen seiner Partei einzulösen.