Ein Blick auf die Uhr treibt Konstantin Kuhle zur Eile: "Gleich beginnt unsere erste Fraktionssitzung. Die haben wir jetzt jede Sitzungswoche – da muss ich mich erst noch dran gewöhnen", sagt der Vorsitzende der Jungen Liberalen lachend. Kuhle ist einer der Abgeordneten, die für die FDP im Bundestag sitzen werden. In seinem Wahlkreis in Göttingen war er gegen erfahrene Bundespolitiker wie Thomas Oppermann (SPD) und Jürgen Trittin (Grüne) angetreten. Das sei ein spannender Wahlkampf gewesen. Und er hat es geschafft. Für den 28-Jährigen fühlt sich das alles noch ungewohnt und neu an, gesteht er: "Ich habe das Ergebnis noch nicht realisiert. Heute konstituieren wir die Fraktion, morgen gehe ich in Hannover ganz normal zur Arbeit", sagt der Rechtsanwalt. 

Seit 2014 ist Kuhle Bundesvorsitzender der Julis, und er freut sich sehr, dass die bei der Wahl insgesamt gut abgeschnitten haben: "Von den nun 80 Mitgliedern der FDP-Fraktion sind zwölf Junge Liberale. Also unter 35 Jahre alt." Sie alle haben keine Erfahrung im parlamentarischen Betrieb. Politikwissenschaftler wie Martin Florack von der Universität Duisburg sehen das skeptisch. Dass die Liberalen ihre Erneuerung mit neuem Personal unterlegten, habe in der Kampagnenführung gut funktioniert, sagt er: "Jetzt muss die FDP beweisen, dass ihr Kurs auch funktioniert und ihre Mitglieder vielleicht sogar ministrabel sein können." Parteichef Christian Lindner, der wie kein anderer für die Erneuerung der FDP steht, sei zwar mit seinen 38 Jahren auch relativ jung, aber eben seit 20 Jahren als Vollprofi in der Politik unterwegs. Er ist erfahren, viele in seiner neuen Garde nicht.

Kuhle stört das nicht weiter. In die Regularien des parlamentarischen Betriebs könne man sich einarbeiten, sagt er, hat aber dennoch großen Respekt vor dem, was auf ihn zukommt. Vor allem wegen der großen AfD-Fraktion, die ihn nachdenklich stimmt: "Bei dieser starken Verschiebung des parlamentarischen Gefüges muss man genau gucken, welche Rolle man einnimmt."

Linda Teuteberg, die auch erstmals in den Bundestag einzieht, sieht die Präsenz der AfD eher als Herausforderung: "Wir werden zeigen, dass man sich mit der AfD durchaus hart in der Sache und trotzdem zivilisiert und kultiviert auseinandersetzen kann. Unter Einhaltung aller parlamentarischen Regeln", ist sich die Juristin sicher. Teuteberg ist seit knapp 20 Jahren in der FDP. Die 36-Jährige saß fünf Jahre im Landtag von Brandenburg. Diese politische Erfahrung sieht sie aber nicht unbedingt als Vorteil für die kommende Legislatur: "Eher, dass ich Juristin bin. Das hilft, Dinge logisch zu durchdenken."

Arbeitsmarkt als Trendsetter

Jung und trotzdem politisch sehr erfahren ist Johannes Vogel, zurzeit Generalsekretär der NRW-FDP und schon lange ein Vertrauter von Christian Lindner. Von 2009 bis 2013 war er bereits Abgeordneter im Bundestag: als arbeitsmarktpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion. Er arbeitete beispielsweise an der Reform der Grundsicherung und der Einführung der Blue Card als Element eines modernen Einwanderungssystems mit.

Fachlich würde der 35-Jährige auch künftig gern dem Arbeitsmarkt und der Sozialpolitik treu bleiben: "Jeder große Trend unserer Zeit wird doch zuerst am Arbeitsmarkt diskutiert. Von der Demografie über den Fachkräftemangel, die Einwanderung bis zur Digitalisierung, die auch die Arbeitswelt stark verändert." Alles sei flexibler geworden, freier, sagt Vogel: "Dahin muss sich auch die Politik verändern. In unserer Generation machen die meisten nicht mehr ein Leben lang denselben Job. Es gibt viel mehr Möglichkeiten, viel mehr Freiheiten. Das System so umzubauen, dass der Staat das möglichst einfach macht, finde ich sehr spannend und wichtig."

Vogel glaubt, dass die FDP aufgrund solcher Sichtweisen junge Wähler für sich begeistern konnte. "Ich habe im Wahlkampf junge Leute gefragt, warum sie zu uns kommen. Sie haben geantwortet: 'weil ihr unsere Themen verstanden habt'. Eines davon war die Digitalisierung."

Laut Umfragen von Infratest dimap hat die FDP tatsächlich vor allem bei den 18- bis 24-Jährigen punkten können. Ihr Stimmenanteil wird mit zwölf Prozent angegeben. Gefolgt von den 25- bis 34- und 35- bis 44-Jährigen mit jeweils elf Prozent.  

Parteienforscher überrascht das nicht. Die kleineren Parteien hätten diesen Vorteil schon immer gehabt: "Ihre Rekrutierungsmuster haben bei den Jüngeren besser verfangen als bei den Volksparteien, wo im Kern die Mitglieder einfach wegsterben", sagt Florack. Zudem hätten die neuen Liberalen eine gute Kampagne gemacht, die sich gezielt an Jüngere richtete. "Die FDP galt eigentlich immer als Partei der alten Männer, war nie besonders jung und nie besonders weiblich. Christian Lindner hat versucht, das aufzubrechen, um gezielt neue Leute nach vorn zu holen. Das ist ihm gelungen."