Vier Jahre lang war die FDP in der außerparlamentarischen Opposition, musste Basisarbeit leisten, sich thematisch fokussieren und personell neu aufstellen. Nun stehen die Chancen gut für die Liberalen, mit der Wahl am 24. September wieder in den Bundestag einzuziehen – mit etwa 60 Abgeordneten, sollten sich die aktuellen Wahlumfragen bestätigen. Die Bundespolitik kennen rund zwei Drittel derer, die auf aussichtsreichen Listenplätzen stehen, noch nicht.

Viele, wie etwa die Spitzenkandidaten aus Brandenburg und Berlin, Linda Teuteberg und Christoph Meyer, sind ausgebildete Juristen. Oder Unternehmer, wie Daniel Föst und Hagen Reinhold, die Spitzenkandidaten aus Bayern und Mecklenburg-Vorpommern. Andere arbeiten als Geschäftsführer, Unternehmensberater oder IT-Spezialisten. Die meisten haben studiert. Ein Teil der Kandidaten hat bereits politische Erfahrung in der Landespolitik gesammelt: Katja Suding führt etwa seit 2011 die FDP-Fraktion in der Hamburgischen Bürgerschaft, Lencke Steiner seit 2015 die der Bremischen Bürgerschaft. Nicola Beer war Kultusministerin in Hessen, Wolfgang Kubicki Vorsitzender der FDP-Fraktion im Schleswig-Holsteinischen Landtag, Torsten Herbst zehn Jahre Mitglied des sächsischen Landtags, und Christian Dürr ist seit 2003 Abgeordneter in Niedersachsen. Christoph Meyer saß einige Jahre im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Diejenigen, die bereits im Bundestag waren – 93 Politiker gehörten zuletzt zur FDP-Fraktion – können meist nur auf die Legislaturperiode von 2009-2013 zurückblicken. Dazu gehört auch Johannes Vogel, der ehemalige arbeitsmarktpolitische Sprecher der FDP. Der 35-Jährige will zurück in den Bundestag. Gleiches plant Pascal Kober, der momentan als Militärseelsorger arbeitet.

Nicht nur Neulinge

Doch es gibt auch alte Hasen in der Partei, wie den 76-jährigen Hermann Otto Solms. 33 Jahre gehörte er dem deutschen Bundestag an, 15 davon als ihr Vizepräsident. Derzeit ist er Schatzmeister der FDP. Der Haushaltspolitiker und ehemalige parlamentarische FDP-Geschäftsführer Otto Fricke saß elf Jahre im Bundestag, Michael Link, der als Staatsminister im Auswärtigen Amt arbeitete, immerhin acht Jahre.  

Zu den erfahrenen FDP-Politikern zählen neben Parteichef Christian Lindner und seinem Vize Wolfgang Kubicki auch Michael Theurer und Alexander Graf Lambsdorff. Theurer wurde mit 27 zum jüngsten Oberbürgermeister Deutschlands gewählt. 14 Jahre war er das politische Oberhaupt von Horb am Neckar und konnte die dortige Beschäftigungsquote um 25 Prozent steigern – ein kleines Wirtschaftswunder. Es schlossen sich acht Jahre im Landtag an, ehe Theurer seine Karriere im Europaparlament fortsetze. Der Landesvorsitzende aus Baden-Württemberg bringt Wirtschaftskompetenzen mit und könnte der neue Brüderle der FDP werden.   

Als Vizepräsident des Europaparlaments ist Alexander Graf Lambsdorff der ranghöchste Parlamentarier der FDP. In Brüssel macht er Außenpolitik und ist damit häufig in den deutschen Medien präsent – sei es als Wahlbeobachter in Libyen oder Myanmar oder als Befürworter eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone.  

In die Bundespolitik müssten sich aber auch diese beiden erst einarbeiten. Der Kreis derer, die bei einem Wahlerfolg die parlamentarische Arbeit zunächst übernehmen, wird überschaubar sein. Insgesamt müsste sich die FDP erst einmal sortieren und neue Fraktionsmitarbeiter einstellen. Gesetzt ist von Seiten der FDP bisher nur eine Personalie: Bundesgeschäftsführer Marco Buschmann soll Erster Parlamentarischer Geschäftsführer werden.

Opposition wäre auch in Ordnung

Vielleicht ist die geringe parlamentarische Erfahrung der neuen FDP ein Grund, aus dem Christian Lindner Anfang des Jahres noch sagte, er strebe nicht unbedingt eine Regierungsbeteiligung für die FDP an, die sich in der Opposition erst einmal besser formieren könne. Aus dem Mund von Lambsorff klang das ähnlich: Die FDP habe "genug gutes Personal, wenn nötig", sagte er. Aber "manche Position noch zu vertiefen und die Debatte aus der Opposition heraus zu beleben", wäre auch in Ordnung.

Mittlerweile liegen die Freien Demokarten in den Umfragen bei stabilen acht bis neun Prozent und bekommen wahrscheinlich die Möglichkeit, in einer schwarz-gelb-grünen Koalition die Geschicke des Landes mitzubestimmen. Selbst eine Renaissance von schwarz-gelb scheint denkbar – was vor vier Jahren niemand für möglich gehalten hätte.

Der Parteichef sieht das so: "Für ein Jamaika-Bündnis fehlt mir inzwischen die Fantasie." Eine Koalition mit der Union nach dem Vorbild der schwarz-gelben Ressortverteilung in Nordrhein-Westfalen kann er sich aber offenbar vorstellen. Dort stellen die Liberalen die Ressortchefs für Bildung, Wirtschaft und Digitalisierung sowie für Familie und Integration. Ministerien, die laut Linder "zu unserer Agenda passen". Das sei auch die Bedingung für ein Mitregieren auf Bundesebene: Eine Koalition, die eine liberale Handschrift trage.

Bedenkenträgern, die der FDP den Sprung zurück in die Bundespolitik mit ihrem neuen, regierungsunerfahrenen Personal nicht zutrauen, entgegnet er: "Regierungserfahrung kann auch ein Tarnwort dafür sein, nichts ändern zu wollen." Im Falle einer Regierungsbeteiligung könnte es Überraschungen geben: Lindner hat angekündigt, er wolle es zu einem Markenzeichen der FDP machen, "kluge Köpfe aus Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft in politische Verantwortung zu bringen".