Das Duell war wie der gesamte Wahlkampf: spannungsfrei, erwartbar, großkoalitionär. Nur an wenigen Stellen waren überhaupt Unterschiede erkennbar. Stattdessen plätscherte das Gespräch in gepflegter Langeweile dahin, Schulz griff wenig an, Merkel ohnehin nicht. 

Während die Bundeskanzlerin, kaum überraschend, ihre bisherige Politik verteidigte, dabei soziale Probleme wie Niedriglöhne, ungesicherte Jobs und Altersarmut schlicht ausblendete, das heutige Deutschland sogar kurzerhand ein "sozial gerechtes Land" nannte und für ein Weiter-so warb, monierte Martin Schulz zwar Ungerechtigkeiten. Er sagte allerdings nicht einmal konkret, was er tatsächlich verändern wolle.

Dass Zahlen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zufolge heute etwa 40 Prozent der Bevölkerung in Deutschland weniger Einkommen haben als Ende der neunziger Jahre? Es war weder für Merkel noch für Schulz ein Thema. Die Ursachen dafür schon gar nicht. Auch dass immer mehr Rentner durch mickrige Rentenansprüche um ihre Lebensleistung betrogen werden, dass mittlerweile jeder sechste Rentner eine Rente unterhalb der Armutsschwelle bekommt, treibt offensichtlich keinen der beiden Diskutanten um. 

Im Gegenteil, nachdem man sich geeinigt hatte, dass die Rente ab 70 erst mal nicht auf der Tagesordnung steht, war man sich auch zu diesem Thema wieder ganz nah. Außenpolitisch herrschte ohnehin erdrückende Einigkeit.

Schulz' Dilemma ist verständlich: Er konnte Merkel schon deshalb wenig entgegensetzen, weil die SPD die von der Kanzlerin vertretene und verteidigte Politik seit Jahren mitgestaltet hat. Bis heute kann die Partei sich nicht dazu durchringen, den mit Gerhard Schröder und den Agenda-2010-Gesetzen eingeschlagenen Kurs infrage zu stellen.

Eigentlich sollten derartige Fernsehdebatten Sternstunden der Demokratie sein, indem alternative Politikkonzepte aufeinandertreffen, deren Vertreter sich argumentativ aneinander messen. Aber seit man die Unterschiede zwischen SPD und CDU mit der Lupe suchen muss, hat sich das Format überlebt. Wer tatsächlich noch eine Auseinandersetzung unterschiedlicher Konzepte will, hätte die Runde um die Spitzenkandidaten zumindest aller im Bundestag vertretenen Parteien erweitern müssen, denn dann hätte mit der Linken wenigstens noch eine Partei am Tisch gesessen, die tatsächlich für eine grundlegende Veränderung der Politik, für die Wiederherstellung des Sozialstaates, die Eindämmung des Niedriglohnsektors und ein Zurück zur Entspannungspolitik steht.

In anderen Ländern sind solche großen Fernsehdebatten völlig normal, und in einer großen Runde hätte auch eine wirkliche Auseinandersetzung entstehen können. So war der Titel "Duell" genau genommen Zuschauertäuschung. Ob diese dröge Debatte irgendeinen Wähler in seiner Entscheidungsfindung vorangebracht hat, darf bezweifelt werden.

Lediglich einen Erkenntnisgewinn hat die Sendung vielleicht gebracht: Warum es in Deutschland keine Wechselstimmung gibt, sollte spätestens nach dieser Sendung niemanden mehr wundern. Wie soll denn Wechselstimmung aufkommen, wenn der Herausforderer der Kanzlerin allzu offensichtlich gar nicht für einen politischen Wechsel steht, sondern an der Politik der Amtsinhaberin nichts Grundlegendes ändern will?

Bundestagswahl - Die wichtigsten Aussagen aus dem TV-Duell Die Themen Flucht und Migration haben lange die Debatte zwischen Martin Schulz (SPD) und Angela Merkel (CDU) dominiert. Die Rente, der Dieselskandal und die Innere Sicherheit kamen kurz zur Sprache. Ein Überblick © Foto: -/MG RTL D/dpa