ZEIT ONLINE: Herr Langguth, was ist Ihr unmittelbarer Eindruck: Wer war beim TV-Duell überzeugender?

Hans-Hermann Langguth: Ich würde sagen: Es gibt keinen klaren Sieger. Beide haben jeweils aus ihrer Situation heraus ihre Punkte gemacht. Merkel war sicher etwas begünstigt durch die Regie der Moderation. Sehr lange ging es um die Themen Außenpolitik und Flüchtlinge. Das war nicht so emotional und konfrontativ, wie man es sich hätte vorstellen können. Am Anfang war Schulz auch noch zurückhaltend. Das ist dann bei dem Türkei-Thema anders geworden. Ab da, ab 21.14 Uhr war es überhaupt zum ersten Mal ein richtiges Duell. Vorher haben wir gelernt, dass Merkel viel telefoniert und Schulz die meisten ihrer Telefonpartner auch gut kennt.

ZEIT ONLINE: Als Schulz ankündigte, er werde als Kanzler die EU-Beitrittsverhandlungen mit der Türkei stoppen. Fanden Sie das glaubwürdig? 

Langguth: Ja, da kam erstmals ein bisschen Leidenschaft ins Spiel. Da konnte Schulz besser punkten. Also: Die erste Hälfte hat er sicher nicht gewonnen. Die zweite Hälfte ist dann stärker zu seinen Gunsten gelaufen. Da hat er Merkel mehrfach in Bedrängnis bringen können und ihr klare Positionsbezüge abringen können. Etwa als er von ihr ein Bekenntnis gegen die Rente mit 70 hören wollte. Da war er überzeugend, da war er bei sich. Am Anfang hatte er versucht die Europa-Karte zu ziehen. Aber das ist ein bisschen nach hinten losgegangen. Da kann Merkel einfach aus einem immensen Schatz an Regierungshandeln schöpfen. Sie war bei den ganzen außen- und flüchtlingspolitischen Themen sehr präsent. Da spürt man dann natürlich auch die zwölf Jahre Amtserfahrung.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie das Duell als Unentschieden bewerten, ist es ja immerhin eine Verbesserung für Merkel, die doch bisher alle Duelle verloren hat. Was ihre Wahlerfolge jedoch nie verhindert hat.

Langguth: Na ja, sie hatte zumindest keines gewonnen bisher. Gegen Schröder und Steinbrück hat sie knapp verloren. Gegen Steinmeier war es ein Unentschieden. Und heute war es für mich wieder ein Unentschieden. Aber es war sicher ihr bestes Duell bisher. Schulz hat es nicht schlecht gemacht hat. Er war auf Augenhöhe, er hat viele Menschen positiv überrascht. Aber gewonnen hat er nicht.

ZEIT ONLINE: Reicht das?

Langguth: Er hat versucht, die Unterschiede zu markieren. Aber es ist ihm nur zwei, drei Mal gelungen. Aber: Es ist sowieso vermessen zu glauben, dass man in so einer Situation, in einem solch straffen Korsett, einen Kantersieg landet. Das gibt das Format nicht her. Es ist ein Format für Angela Merkel.

ZEIT ONLINE: Für ihre Verhältnisse war Merkel doch sogar richtig emotional: "Ich bin stocksauer", sagte sie zum Beispiel wegen der Dieselkrise. 

Langguth: Ja, für ihre Verhältnisse war sie gut. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Das war ihre bisher beste Vorstellung. Auch wenn sie generell Empörung und Empathie nicht so gut rüberbringen kann. Merkel profitiert natürlich von der Erfahrung. Und sie hat auch von der Themensetzung profitiert, weil es im überwiegenden Teil um Flüchtlingspolitik und Außenpolitik ging. Da gewinnst du nicht als jemand, der eine innenpolitische Herausforderung sucht. Weil CDU und SPD aus staatspolitischer Räson ja auch einige Positionen gemein haben.

Bundestagswahl - Die wichtigsten Aussagen aus dem TV-Duell Die Themen Flucht und Migration haben lange die Debatte zwischen Martin Schulz (SPD) und Angela Merkel (CDU) dominiert. Die Rente, der Dieselskandal und die Innere Sicherheit kamen kurz zur Sprache. Ein Überblick © Foto: -/MG RTL D/dpa

ZEIT ONLINE: Merkel selbst hat ja in ihrem Schlussstatement darauf hingewiesen, dass ihr die entscheidenden, innenpolitischen Fragen zu kurz gekommen seien.

Langguth: Diese Sendung war ein Plädoyer dafür, dass es zwei Sendungen geben sollte. Wenn man ein Thema, wie die Flüchtlingsthematik intensiver behandelt, ist die Zeit fast schon rum. Viele wichtige Themen wurden ja fast gar nicht behandelt: Das Thema Bildung hat mir völlig gefehlt. Ebenso Digitalisierung oder Arbeit der Zukunft. Gesundheit. Die Themenregie war nicht glücklich. Eine journalistische Meisterleistung war das leider nicht.

ZEIT ONLINE: Auch die Tonalität war teilweise seltsam: Dem Moderator Claus Strunz schien es vor allem um die schnellstmögliche Abschiebung und beste Abschottung zu gehen. 

Langguth: Er stellt Fragen, die viele Leute stellen. Die müssen einem nicht gefallen, aber es sind die Fragen, die im Raum stehen. Ich hätte mir auch mehr Ausgewogenheit bei diesem Thema gewünscht. Die Flüchtlingsfrage ist auch eine ethische, eine moralische Frage. Es ist nicht nur eine technische Frage, das kam leider schon in den Fragen zu kurz.

ZEIT ONLINE: So viele Unterschiede hatten die Kandidaten in diesem Themenfeld auch nicht anzubieten.  

Langguth: Eben. Das ist ein weiteres Muster von Merkel übrigens. Und es hat wieder funktioniert. Man kannte es schon von dem Duell mit Steinmeier. Zu sagen: Ich weiß gar nicht, was sie haben, Herr Schulz, ich hab doch am Freitag noch mit Sigmar Gabriel telefoniert. Sippenhaftung für die Politik der großen Koalition. Dieses ganz bewusste: Mitgegangen, mitgefangen. Das hat sie immer wieder gespielt.

ZEIT ONLINE: Ist so ein TV-Duell überhaupt sinnvoll? Haben Sie als Profi etwas Neues gelernt?

Langguth: Dass es ein Musterpolizeigesetz geben soll. (lacht). Keine Frage: Das Format ist schwierig. Trotzdem gibt es den Wählern – jenseits von unseren professionellen Kritiken – einen Eindruck. Man konnte sehen, dass da zwei stehen, die es beide können. Aber unter dem Strich ist es für den normalen Zuschauer schwer gewesen, den Grund zu finden, warum die eigentlich nicht zusammen weiterregieren wollen. Das hat sich für mich wie ein roter Faden durchgezogen: Merkel hat mit Gabriel gesprochen. Schulz hat mit Seehofer telefoniert. Man denkt sich nach 97 Minuten: Ja, dann macht's doch zusammen weiter. Das war eigentlich ein Plädoyer für die Fortsetzung der großen Koalition. Und ein Plädoyer für zwei und mehr Sendungen mit zwei und weniger Moderatoren. Wetten, dass es dieses Format in vier Jahren nicht mehr gibt?