ZEIT ONLINE: Frau Petry, wie geht es Ihnen jetzt?

Frauke Petry: Ich habe seit Langem wieder das Gefühl, ich selbst zu sein. Ich muss nicht mehr öffentlich Positionen von AfD-Repräsentanten als Vorsitzende verteidigen, die ich selbst für problematisch halte. Andererseits ist es ist traurig zu sehen, wie die Verbindung zu Menschen jäh abbricht, mit denen ich seit Jahren eng zusammengearbeitet habe.

ZEIT ONLINE: Sie konnten Alexander Gauland nicht glücklicher machen als mit ihrem Rückzug.  Dabei haben beide Fraktionschefs noch in der Wahlnacht eine konstruktive Oppositionsarbeit angekündigt – das, was auch Sie wollten. Warum steigen Sie aus?

Petry: Gauland, Weidel und Meuthen schwenken jetzt verbal auf die realpolitische Strategie ein, die ich für die Partei seit Langem gefordert habe. Eine Strategie, die zum Beispiel Herr Gauland zuvor aufs Heftigste bekämpfte, weshalb ich vermuten muss, dass es hier wohl mehr um die Erlangung von Posten als um politische Überzeugungen ging. Zugegeben bin ich zuweilen auch ein anstrengender Chef, da ich eine als richtig erkannte Strategie auch gern durchziehen möchte, notfalls auch auf Kosten eigener Mehrheiten. Ich finde es wichtig, den Leistungsgedanken in der Politik zu etablieren, statt in der Partei und ihrem Umfeld primär Versorgungsposten zu schaffen. Doch ich habe gelernt, dass Parteien leider so nicht funktionieren und habe daraus meine Konsequenzen gezogen.

ZEIT ONLINE: Wann wussten Sie, dass es zu Ende geht?

Petry: Ich bin vor zwei Jahren gegen Bernd Lucke angetreten, weil letztlich kein anderer das persönliche Risiko eingehen wollte. Schon damals, das ist ein offenes Geheimnis, hatten die Nationalkonservativen der AfD offensichtlich die nächste Revolution geplant. Dabei war ich immer bestrebt, die professionelle politische Arbeit mit Meuthen, Gauland oder Weidel über das persönliche Verhältnis zu stellen. Zutage getreten ist am Morgen nach der Wahl in Berlin letztlich nur etwas, über das ich seit einem Jahr unter Mühen geschwiegen habe. Es stimmt mich traurig, dass ausgerechnet Herr Gauland, den ich lange für einen verlässlichen Verbündeten hielt, nun entscheidend mit dafür gesorgt hat, dass die Partei nicht mehr zu führen ist. Er gibt das auch offen zu – er nennt die AfD ja einen "gärigen Haufen". Die letzten verbliebenen Garanten eines liberalen Kurses, darunter Beatrix von Storch, werden es zukünftig sehr schwer haben, denn der Flügel hat enorm an innerparteilicher Macht gewonnen.

Bundestagswahl - Petry will AfD-Fraktion nicht angehören Bei einer Pressekonferenz der AfD hat die Parteivorsitzende Frauke Petry gesagt, sie wolle fraktionslos als Einzelabgeordnete ins Parlament einziehen. Dort ist die AfD die drittstärkste Kraft. © Foto: Julian Stratenschulte/dpa

ZEIT ONLINE: Die Partei hat ja ihr überraschend hohes Bundestagswahlergebnis aber doch gerade trotz der nationalistischen Töne erzielt …

Petry: Das sehe ich anders. Der Grund dafür ist der ideenlose Wahlkampf der anderen Parteien und ein fleißiges Kampagnenteam. Das Potenzial für konservative Politik – also ohne verbale Ausfälle – liegt in Deutschland bei 30 Prozent. Da sind die 13 Prozent der AfD vergleichsweise wenig. Ohne die zahlreichen abseitigen Äußerungen außerhalb des Programms wären mehr als 20 Prozent drin gewesen.

ZEIT ONLINE: Ihre Anhänger haben Sie mit einem Erststimmenrekord in den Bundestag gewählt. Doch Sie wollen die Partei verlassen und werden nicht zur AfD-Fraktion gehören. Ist das nicht Betrug am Wähler? 

Petry: Ich stand im Wahlkampf als Person für die AfD. Aber ich habe auch nie verborgen, dass die AfD sich seit geraumer Zeit nach meiner Wahrnehmung in die falsche Richtung entwickelt. Was ich zuvor nicht sagen konnte war, dass ich wenig Hoffnung sehe, die AfD hinsichtlich ihrer kurzfristigen Politikfähigkeit zu reparieren. 

ZEIT ONLINE: Was glauben Sie, als Einzelabgeordnete bewirken zu können? Welche Wirkung soll ein Gesetzentwurf von Ihnen entfalten?

Petry: Welche Wirkung soll ein Gesetzentwurf der AfD in Opposition denn entfalten? Ich bin sicher: Ich werde im Bundestag nicht allein bleiben. Im Bundestag wird eine parlamentarische Gruppe entstehen. Wir werden Anträge einbringen, wir werden diskutieren. Wir müssen unsere knappe Redezeit sehr gezielt nutzen und dazu Öffentlichkeit herstellen – dafür müssen wir keine Fraktion sein.

ZEIT ONLINE: Warum sind Sie am Tag nach der Wahl vor laufenden Kameras ausgestiegen? Wollten Sie Gauland, Meuthen und Weidel eins auswischen? 

Petry: Wenn es mir um das Persönliche gegangen wäre, hätte ich einige der internen Vorgänge aus der AfD-Spitze der vergangenen Monate öffentlich gemacht. Ich habe aber weder Herrn Gauland, Herrn Meuthen noch Frau Weidel persönlich angegriffen.

Außerdem hatten sächsische Widersacher im Landesvorstand und auf der Landesliste an allen Gremien noch vor Schließung der Wahllokale vorbei eine Pressekonferenz einberufen, um dort Disziplinarmaßnahmen gegen die eigene Parteivorsitzende zu fordern. Insofern stand mir nur ein kleines Zeitfenster offen.

ZEIT ONLINE: Jetzt haben Sie Ihren Austritt angekündigt. Warum gehen Sie nicht gleich?

Petry: Das hat rein praktische Gründe. Im sächsischen Landtag verlassen mehrere Abgeordnete die Fraktion, wir müssen unsere Amtsgeschäfte sauber übergeben. Bis zum Ende der Woche werden wir aus der AfD austreten. Es ging mir darum, den Zeitpunkt selbst zu bestimmen, die Herrschaft über das Verfahren zu behalten. 

ZEIT ONLINE: Wie geht es jetzt weiter?