Eine große Koalition ist dem abgelösten SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann zufolge theoretisch noch möglich. Zwar wolle die SPD in die Opposition gehen, sagte Oppermann in der ZDF-Sendung Markus Lanz, doch auf die Frage, ob die Partei im Fall eines Rückzugs von Kanzlerin Merkel zu einer großen Koalition bereit wäre, antwortete er: "Das wäre in der Tat eine neue Situation."

Er gehe aber davon aus, dass die Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen zustande kommen wird. "Die Grünen sind zu jeder Schandtat bereit", sagte Oppermann. Probleme werde nur die CSU machen, denn wegen des großen Stimmenverlusts bei der Wahl sei die Partei "waidwund" geschossen. Die SPD müsse die Situation allerdings auch überdenken, wenn Jamaika scheitert und Neuwahlen drohten. Doch einen "Staatsnotstand" sehe er noch nicht.

"Unser Platz ist in der Opposition", betonte Oppermann. Die große Koalition sei durch die Wähler "brutal" abgestraft worden. Zudem könne er sich nicht vorstellen, dass Finanzstaatssekretär Jens Spahn (CDU) an die Stelle von Merkel treten könnte. "Der Herr Spahn hat nicht das Zeug zum Bundeskanzler", sagte Oppermann. 2009 hatte  die SPD ein Wahlergebnis von 23 Prozent erreicht, das bis dahin schlechteste Ergebnis bei einer Bundestagswahl. Laut Oppermann wäre die SPD zu einer Neuauflage der großen Koalition bereit gewesen, hätte die Partei diese Zahl erneut erreicht. Bei der jüngsten Bundestagswahl landeten die Sozialdemokraten mit Martin Schulz an der Spitze aber bei 20,5 Prozent. Oppermann hat seinen Platz an der Fraktionsspitze inzwischen für die frühere Arbeitsministerin Andrea Nahles geräumt. Als Grund für den Rückzug nannte er: "Das Amt des Oppositionsführer ist nicht für mich maßgeschneidert."

Laut Oppermann hat die SPD-Spitze am Wahlabend auch über personelle Konsequenzen diskutiert. "In der Sitzung haben wir über alles gesprochen." Auf die Frage, ob Schulz noch am Wahlabend als SPD-Chef hätte zurücktreten sollen, sagte Oppermann: "Das war eine grenzwertige Situation. Niemand hätte ihm das übel genommen." Doch Schulz habe nicht darüber nachgedacht.

Altmaier soll offenbar übergangsweise Finanzressort übernehmen

Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) schloss im Gespräch mit dem Focus nicht aus, dass sich mögliche Koalitionsverhandlungen mit FDP und Grünen bis in das kommende Jahr ziehen. "Beim letzten Mal, also bei der GroKo, haben wir es knapp bis Weihnachten geschafft. Das würde ich mir auch diesmal wünschen, aber entscheidend ist der Inhalt, nicht das Datum", sagte er.

Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung soll Altmaier übergangsweise das Finanzministerium übernehmen. Demnach soll der Vertraute von Bundeskanzlerin Angela Merkel das Ressort nach dem Ausscheiden von Wolfgang Schäuble aus dem Amt (CDU) geschäftsführend übernehmen. Schäuble soll am 17. Oktober von der Unions-Fraktion für das Amt des Bundestagspräsidenten nominiert werden. CDU und CSU haben als stärkste Fraktion im Parlament das Vorschlagsrecht. Am 24. Oktober soll Schäuble bei der konstituierenden Sitzung des Bundestags gewählt werden. Wie die Zeitung weiter schreibt, ist der Hintergrund für Altmaiers Doppelfunktion, dass sich bei langwierigen Koalitionsverhandlungen Kanzleramt und Finanzministerium eng abstimmen müssten.

Einem Medienbericht zufolge haben FDP und Grüne schon einen gemeinsamen Fahrplan für Jamaika-Sondierungen aufgestellt. So berichtet die Rheinische Post unter Berufung auf ein ihr vorliegendes Dokument aus Verhandlerkreisen, dass sich Unterhändler darauf geeinigt hätten, beim dritten Partner CDU/CSU dafür einzutreten, die offiziellen Sondierungsgespräche am 16. Oktober – dem Montag nach der Landtagswahl in Niedersachsen – zu starten und bis zum 24. Oktober abzuschließen.

Jamaika-Koalition

Jamaika-Koalition

Auf der Karte sehen Sie, in welchen Wahlkreisen eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen eine Mehrheit hätte. Nachdem die SPD nicht mehr für eine große Koalition mit der Union bereitsteht, ist Jamaika die einzig verbleibende Option nach der Bundestagswahl. Auf Länderebene regierte eine solche Koalition von 2009 bis 2012 das Saarland. Seit Juni 2017 stellt Schwarz-Gelb-Grün die Regierung in Schleswig-Holstein. Vor die Wahl zwischen großer Koalition und Jamaika gestellt, sprachen sich 81,7 Prozent unserer Leser für Jamaika aus.

Mehr zum Thema: Das wird hart

Die vollständige Analyse zur Bundestagswahl

Außerdem meldet die Zeitung, Grüne und FDP hätten bereits über eine mögliche Aufteilung von Ministerien gesprochen. Dem Dokument zufolge sei das "sehr informell andiskutiert" worden. So würden in dem Dokument unter der Überschrift FDP die Ressorts Finanzen, Bildung/Forschung – inklusive der Bereiche Technologie und Digitales – sowie Justiz aufgeführt, unter der Überschrift Grüne würden das Außenministerium, das Entwicklungs- sowie das Umweltministerium inklusive Verbraucherschutz genannt. Beide Parteien wiesen die Darstellung jedoch zurück.