Für die Kameras macht Cem Özdemir gerne Faxen. Kurz vor Beginn des Parteitags in Berlin zeigt der Grünen-Spitzenkandidat zwei Kindern einer Bundestagsabgeordneten einen Trick. Özdemir steckt den Finger einer Hand in die Faust der anderen – und lässt den Finger scheinbar dort verschwinden. Kameras klicken und filmen. Mädchen und Junge aber zeigen sich wenig beeindruckt.

An einem durchschaubaren Trick versucht sich auch Özdemirs Partei eine Woche vor der Bundestagswahl. Die Grünen wollen die Öffentlichkeit überzeugen, sie seien die wahre Alternative für Deutschland – die konsequentesten Beschützer von Klima und Tieren, Schulen und Verkehr, Ernährung, Landwirtschaft und Wirtschaft. Doch ihre einzige halbwegs realistische Regierungsoption ist ein Bündnis mit CDU/CSU. Also mit jener Doppelpartei, die seit zwölf Jahren die Kanzlerin stellt, und mit der viele Grüne bis heute fremdeln.

In Umfragen stagnieren die Grünen bei etwa acht Prozent der Stimmen. Nach den mageren 8,4 Prozent bei der Bundestagswahl 2013 will die Partei diesmal mit einem zweistelligen Ergebnis in den Bundestag einziehen, am liebsten als drittstärkste Kraft vor FDP, Linken und AfD.

Doch rechnerisch würde es derzeit allein für ein Jamaika-Bündnis aus Union, FDP und Grünen reichen. Danach sehnt sich keiner der Beteiligten. Zumindest halbwegs realistisch aber wäre ein Bündnis mit der Union. Zumindest wenn sowohl CDU/CSU wie Grüne extrem stark abschneiden und es für Schwarz-Gelb rechnerisch nicht reicht.

Erstmals sind zwei Realos Spitzenkandidaten

Die Chance dafür ist nicht groß. Aber groß genug, dass insbesondere linke Grünen-Mitglieder eine Woche vor der Bundestagswahl die Zähne aufeinanderbeißen. Sie wissen ums Kalkül vieler Wähler: Unattraktiver als eine Partei mit einer unpopulären Koalitionsoption finden sie nur eine ohne jede Chance aufs Mitregieren. Außerdem hat die Parteibasis mit Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir erstmals zwei Vertreter des Realo-Flügels zu Spitzenkandidaten gekürt. Beide befürworten Schwarz-Grün. Jede Kritik daran würde das Duo schwächen. Populär aber ist das Bündnis parteiintern nicht.

Das Ergebnis ist schizophren: Dreieinhalb Stunden lang beschwören die Parteitagsredner den Stillstand unter Schwarz-Rot und den drohenden Rückschritt unter Schwarz-Gelb. Doch das Wort "Schwarz-Grün" sprechen sie kein einziges Mal aus.

Wenn sie schon für keine Koalition offen werben können, schimpfen die Grünen umso ausgiebiger auf ihre Lieblingsgegnerin: die FDP. Gleichzeitig versuchen sie, die Kanzlerin nicht zu vergrätzen. Mit geradezu bizarren Folgen.

Als Hauptredner Özdemir zum ersten Mal das Wort "FDP" sagt, erscheint auf zwei großen Bildschirmen neben ihm ein Foto qualmender Schornsteine vor dunkelgrauem Himmel. Der Spitzenkandidat ruft: "Für die FDP sind Kohlekraftwerke aus der Zeit von Sepp Herberger mit einem Wirkungsgrad von 30 Prozent die Vorstellung davon, wie High Tech aussieht." Den jüngeren Delegierten bietet der 51-Jährige an zu erklären, wer Herberger war.

Nur fünf Kilometer weiter, in Berlin-Neukölln, kommen zur selben Zeit die Freidemokraten zum Parteitag zusammen. Dort seien, sagt Özdemir, "gerade die Märchenerzähler am Start". Den FDP-Chef Christian Lindner schilt er für dessen Forderung nach einem "Neustart" der deutsch-russischen Beziehungen, eine Anerkennung der Krim als "dauerhaftes Provisorium" inklusive. Der Grüne schafft es sogar, in seine Lindner-Kritik ein Kompliment an Angela Merkel einzubauen. "Die Kanzlerin hat recht: Mit der Haltung zur Krim hätte es keine Wiedervereinigung gegeben."

Claudia Roth - Was sagen Sie Herrn Lindner, wenn Sie ihn bald mit Aktenkoffer sehen? In einem Video von 1997 hat sich Christian Lindner als Jungunternehmer mit Aktenkoffer inszeniert. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth sagt im Video, was im Koffer drin sein muss. © Foto: Ute Brandenburger