Daniel Ruddies und Georg Günther mussten nicht lange überlegen. Als Angela Merkel die beiden Lokalpolitiker aus ihrem Wahlkreis vor einiger Zeit fragte, wen sie denn zu einer Veranstaltung der Jungen Union nach Stralsund schicken dürfe, weil sie selbst verhindert sei, waren die beiden sich sofort einig. Wenn schon nicht die Kanzlerin selbst kommen konnte, dann kam als Ersatz nur einer infrage: Jens Spahn, 37 Jahre, Mitglied im CDU-Präsidium und Staatssekretär im Bundesfinanzministerium.

Spahn, der trotz seiner Jugend seit 15 Jahren im Bundestag sitzt, ist derzeit ein viel gefragter Mann. Bis zum 24. September wird er knapp 170 Wahlkampftermine absolviert haben, die im eigenen Wahlkreis in Nordrhein-Westfalen nicht mitgerechnet. Quer durch alle Bundesländer frühstückt er mit Rentnern, diskutiert mit Unternehmern, besichtigt Betriebe oder steht eben auch mal wie am Mittwoch dieser Woche in einer zum Veranstaltungsraum umgebauten Scheune in Stralsund vor Mitgliedern der Jungen Union. An die hat er zunächst mal eine Bitte: Sie sollen Du zu ihm sagen. "Denn wenn die Junge Union mal anfängt, mich zu siezen, dann bin ich wirklich alt."

Bundestagsabgeordnete oder -kandidaten, die selbst kaum bekannt sind, hoffen mit dem in den Medien dauerpräsenten Spahn ihre Veranstaltungen zu füllen. Denn Spahn tut etwas, das in der CDU selten geworden ist: Er sagt Dinge, über die das linksliberale Lager regelmäßig in Aufruhr gerät. Die aber bei vielen Unionsanhängern umso besser ankommen.

Deutsch in Deutschland

Dass man in Deutschland doch bitte Deutsch reden möge zum Beispiel, dass die deutsche Gesellschaft endlich mal lernen müsse ihre "Erwartungshaltung" an die Migranten zu formulieren oder dass die erste Frage eines Flüchtling, der nach Deutschland komme nicht heißen dürfe, "wo kann ich einen Antrag stellen", sondern "wo kann ich anpacken". Dass viele Flüchtlinge gerne anpacken würden, aber gar nicht dürfen – solche Differenzierungen fehlen bei Spahn.

Für Schlagzeilen sorgte er in der Vergangenheit auch mit der Forderung nach einem Burka-Verbot oder einem Islamgesetz. Der sächsische CDU-Abgeordnete Marian Wendt glaubt zu wissen, warum Spahn so gut ankommt: "Die Leute wollen sich an etwas reiben können."

Spahn, so scheint es, bedient in Zeiten, in denen die Unterschiede zwischen den großen Parteien immer kleiner geworden sind, eine große Sehnsucht: die nach Unterscheidbarkeit, nach Profil und damit auch nach einer emotionalen Identifikation mit der Partei. 

Spahn lässt es knallen

Wenn Merkel Wahlkampf macht, spricht sie nur äußerst selten von ihren politischen Gegnern. Stattdessen erklärt sie, was die CDU geleistet hat und was sie vorhat. Das muss reichen. Spahn dagegen lässt es gerne knallen. Unterschiede aufzeigen zu den "Sozen" wie er die SPD stets nennt, ist ein wesentliches Element seiner Wahlkampfreden. "Wir wollen Schulden tilgen, die wollen Schulden machen", warnt er eindringlich die etwa 20 Unternehmervertreter, die am Donnerstagnachmittag den Weg in den Gastraum der Brauerei im mecklenburg-vorpommerschen Dargun gefunden haben.

Die Union stehe für Leitkultur, SPD, Grüne und Linke für Multikulti, sagt Spahn und verzichtet auch nie darauf, vor Rot-Rot-Grün zu warnen. Sahra Wagenknecht als Finanzministerin statt Wolfgang Schäuble? Na also. Wer jetzt noch nicht sein Kreuz bei der CDU macht, dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

Gegenüber der AfD allerdings ist seine Strategie eine andere. Verbal geht er natürlich ebenfalls auf Distanz. Den Namen der Partei nimmt er kaum in den Mund. "Die Spalter" heißen deren Anhänger bei ihm stattdessen. Doch zugleich glaubt er, dass die AfD-Wähler den etablierten Parteien eine wichtige Botschaft übermitteln wollen: Es gibt da Themen, die ihr vernachlässigt habt, kümmert euch darum.

Wieder klare Regeln

Am Mittag jenes Tages, an dem er abends vor der Jungen Union in Stralsund sprechen wird, sitzt Spahn im Aufenthaltsraum der Ambulanz Millich in Rostock. Ronald Millich hat sich nach der Wende als Rettungssanitäter selbstständig gemacht. Heute gehören zu seinem Unternehmen 22 Rettungswagen und ein Rettungshubschrauber. Der hiesige CDU-Bundestagskandidat Peter Stein hat Spahn hierher eingeladen, um ihm zu zeigen, was mit Unternehmermut im Osten alles aufgebaut wurde.

"Was wollen sie uns denn noch mitgeben?", fragt Spahn Millich beim Kaffee. Doch Millich fällt nicht sofort etwas ein. Er sei eigentlich sehr zufrieden, sagt er. Aber dann hat der freundliche 48-Jährige mit dem Bürstenhaarschnitt doch noch eine Frage: "Wie ist denn das mit der Integration, gelingt die wirklich?" Er habe da im Fernsehen einen Film gesehen über die Ballungszentren im Ruhrgebiet. Das habe ihn schon erschreckt.

Na ja, findet Spahn. Es gehe eben darum, dass in Deutschland klare Regeln durchgesetzt würden. Aber das kriege man eben oft nicht so gut hin. Wenn zum Beispiel zwei Schaffner einen Schwarzafrikaner aus der U-Bahn würfen, weil er kein Ticket habe, dann müssten sie doch fürchten, dass das einer filmt und sie dann als Rassisten verunglimpft würden, sagt Spahn. Millich nickt.

Oder die Sache mit dem Justizsystem. Für einen Deutschen sei eine Bewährungsstrafe doch eine Schande. Ein Nordafrikaner denke, super, ich kann wieder gehen, sagt Spahn. Schließlich kenne der so was gar nicht. Über all das müsse man reden. "Es muss wieder eine klare Linie erkennbar werden". Millich nickt wieder.